Nach Abschuss von US-Drohne Das sind Trumps Iran-Optionen - und keine davon ist gut

Teheran hat eine US-Drohne abgeschossen, Donald Trump einen Vergeltungsangriff in letzter Minute gestoppt: Der Konflikt am Golf erreicht eine neue Dimension. Welche Möglichkeiten bleiben dem US-Präsidenten?

US-Präsident Donald Trump: "Jemand war dumm"
Alex Brandon / AP / dpa

US-Präsident Donald Trump: "Jemand war dumm"

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Es war am frühen Donnerstagmorgen, irgendwo über der Straße von Hormus, als die Flugabwehr der iranischen Revolutionswächter ein unbemanntes Flugobjekt ins Visier nahm. Es handelte sich um eine Drohne vom Typ "Global Hawk", Millionen Dollar teuer, eine schwere Maschine, die zu Aufklärungsflügen in der Region aufgebrochen war. Das US-Militär sagt, die Drohne habe sich über internationalen Gewässern aufgehalten. Teheran behauptet, sie sei in iranisches Hoheitsgebiet eingedrungen. Gegen 4.05 Uhr Ortszeit schoss eine Flugabwehrrakete der Revolutionswächter die Drohne vom Himmel.

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Heft 26/2019
Vater, Nachbar, Killer? Der neue Terror von rechts

Seit Monaten wird der Streit zwischen den Vereinigten Staaten und Iran immer hitziger; der bewusste, gezielte Abschuss einer US-Militärdrohne fügt dem Konflikt nun eine neue, riskante Dimension hinzu.

US-Drohne "Global Hawk": Gezügelte Rhetorik
REUTERS

US-Drohne "Global Hawk": Gezügelte Rhetorik

Die Regierung von Donald Trump hat Sanktionen gegen das Regime in Teheran durchgesetzt, die iranische Führung um Präsident Hassan Rohani drohte damit, die Anreicherung von Uran hochzufahren, und auf diese Weise gegen das Atomabkommen zu verstoßen. Bislang waren die Auseinandersetzungen weitgehend auf rhetorische Gefechte begrenzt. Das hat sich nun geändert.

Am Donnerstag erteilte Donald Trump zunächst die Erlaubnis für Vergeltungsschläge gegen militärische Einrichtungen in Iran. Kurz darauf ruderte er zurück.

Konservative in den USA drängen auf einen Militärangriff

Trump hat nur schlechte Optionen: Er könnte, erstens, gar nichts tun und weiter abwarten - was Teheran signalisieren würde, dass man das US-Militär ungestraft angreifen kann. Zweitens könnte Trump die Sanktionen, die Iran ohnehin schon lähmen, weiter verschärfen, was aus Sicht mancher Hardliner in Washington möglicherweise nicht genügen würde. Oder er könnte, drittens, den Befehl erteilen, militärisch tatsächlich gegen Iran zurückzuschlagen - und damit einen Flächenbrand im Nahen Osten riskieren.

Letzteres ist die unwahrscheinlichste Option, aber in konservativen Washingtoner Kreisen war nach dem Drohnenabschuss die vorherrschende Meinung: Das könnten sich die USA nicht bieten lassen.

Dabei hatte es zuletzt eher nach vorsichtiger Entspannung ausgesehen. Nach Wochen der Kriegsrhetorik schien Trump bemüht, die Krise mit Iran einzudämmen. Noch am Montag sagte er, der Angriff auf zwei Tanker nahe der Straße von Hormus vergangene Woche, den das US-Verteidigungsministerium Iran zugeschrieben hatte, sei nur eine "sehr geringe Sache" gewesen. Und als er gefragt wurde, unter welchen Umständen er gegen Iran Krieg führen würde, sagte er: "Sicherlich wegen nuklearer Waffen", ansonsten würde er aber "ein Fragezeichen" setzen.

Dazu passt ein Bericht der Nachrichtenseite "The Daily Beast" vom Mittwoch. Darin hieß es, der Präsident habe seine Berater angewiesen, ihre Rhetorik zu zügeln.

Trump könnte genügend Gründe für einen Krieg finden

Am Donnerstagmorgen brüsteten sich die iranischen Revolutionswächter mit dem Abschuss der Drohne. Der Kommandeur der Revolutionswächter, Hossein Salami, sagte laut iranischem Staatsfernsehen: "Der Abschuss der US-Drohne war eine klare Botschaft an Amerika. Unsere Grenzen sind Irans rote Linie, und wir werden auf jede Aggression stark reagieren. Iran will keinen Krieg mit einem anderen Land, aber wir sind ganz und gar in der Lage, Iran zu verteidigen."

Die Aktion bestätigt jene Hardliner in der US-Regierung, die härtere Maßnahmen gegen Iran fordern. Sicherheitsberater John Bolton und Außenminister Mike Pompeo hatten Teheran mehrfach mehr oder weniger unverhohlen mit Krieg gedroht. Bolton war schon vor seiner Berufung ins Weiße Haus ein glühender Verfechter eines Regimewechsels.

Revolutionswächter Salami "Wir werden auf Aggression reagieren"
Vahid Salemi/ AP

Revolutionswächter Salami "Wir werden auf Aggression reagieren"

Trump dagegen hat immer wieder klargemacht, dass er keinen Krieg will, sondern nur einen "besseren" Deal als das Abkommen, das die Europäer, China, Russland und die USA unter Barack Obama mit Iran ausgehandelt hatten. Der Präsident will Iran dazu zwingen, sein Raketenprogramm einzuschränken und sich aus den regionalen Kriegen zurückzuziehen.

Wollte Trump wirklich einen Krieg gegen Iran anzetteln, hätte er genügend Gründe finden können. Immer wieder waren US-Soldaten oder Militärbasen in der Region Ziel von Angriffen, die die USA auf Teheran zurückführen.

So schlugen spätabends am 14. Juni auf dem Gelände der Luftwaffenbasis Balad nördlich von Bagdad drei Mörsergranaten ein, wie das irakische Militär mitteilte. Auf dem weitläufigen Gelände, auf dem auch US-Militärtrainer stationiert sind, seien einige Büsche in Brand geraten. Washington wertete den Angriff nicht als Anschlag auf die nationale Sicherheit - sondern ignorierte ihn wie ein Buschfeuer.

Iran weicht vom Prinzip der "plausible deniability" ab

Am nächsten Tag wurde bekannt, dass Trumps Kabinett dem Irak gerade die dritte Ausnahmegenehmigung in Folge erteilte, Erdgas und Strom aus Iran zu importieren. Eigentlich bildet das im November einseitig von Washington verhängte Embargo gegen Irans Öl- und Gasexporte das Herzstück des amerikanischen Vorhabens, Irans Führung in die Knie zu zwingen. Aber der Irak ist, trotz reicher Ölvorkommen, außerstande, die eigene Bevölkerung im Sommer mit genügend Energie zu versorgen. Um Massenproteste wie im vergangenen Sommer zu verhindern, importiert der Irak derzeit täglich bis zu 28 Millionen Kubikmeter Gas und 1300 Megawatt Strom aus Iran - nun weiterhin mit dem Segen Washingtons.

Die Iraner verfolgen seit Wochen eine Strategie: Indem sie sich in der Region als destabilisierender Faktor präsentieren, scheinen sie einerseits die USA provozieren - und gleichzeitig ein Signal an den Rest der Welt senden zu wollen. Dass man sich in der Vergangenheit zurückgehalten habe, jetzt aber durchaus in der Lage sei, allen das Leben schwer zu machen.

Der Abschuss der Drohne ist auch deshalb eine neue Stufe, weil die bisherigen Aktionen Irans in der Region dem Regime nicht eindeutig zuzuordnen waren. Es gibt im Englischen einen schönen Begriff aus der Grauzone politisch-militärischer Konflikte, der es nie so recht ins Deutsche geschafft hat, obwohl er von entscheidender Bedeutung sein kann: "plausible deniability", die glaubhafte Abstreitbarkeit einer Tat. Wenn man den Gegner gern treffen, aber nicht die Konsequenzen des Angriffs tragen möchte.


Video: Trump über Drohnen-Abschuss - "Ein großer Fehler"

REUTERS

Genau dieses Prinzip schien Iran zu verfolgen: Zu den Angriffen auf die Umgebung der US-Botschaft in Bagdad, auf die Luftwaffenbasis nördlich davon, auf die Tanker im Golf von Oman und zuletzt auf die Quartiere der Ölförderanlagen bei Basra hat sich niemand bekannt.

Die Märkte reagieren nervös

Im Fall der Tankeranschläge am 13. Juni hat das Pentagon zwar Indizien gegen Irans Revolutionswächter vorgelegt: Aufnahmen, auf denen angeblich Revolutionswächter von einem ihrer Schnellboote aus eine nicht explodierte Haftmine vom Rumpf des angegriffenen Schiffes "Kokuka Courageous" entfernen.

Allein: Als Beweis war das anderen Staaten bis auf Großbritannien, Israel und Saudi-Arabien zu wenig, zumal niemand eine Eskalation will und Irans Führung umgehend dementierte.

Aufnahme angeblicher Haftminenentfernung von "Kokuka Courageous": Riskantes Spiel
U.S. Navy/ REUTERS

Aufnahme angeblicher Haftminenentfernung von "Kokuka Courageous": Riskantes Spiel

Ein Bekenntnis ist auch gar nicht nötig, um den mutmaßlich beabsichtigten Effekt zu erzielen: einen Anstieg der Erdölpreise. Etwa 20 Prozent der weltweiten Exporte gehen durch den Golf und die Straße von Hormus. Schon die Gefahr einer Schließung macht die Märkte nervös. Es braucht nicht viel, wie sich am Donnerstagmorgen nach Bekanntwerden des Drohnenabschusses zeigte: Der Rohölpreis Brent sprang um zwei Dollar auf knapp 65 Dollar pro Barrel.

Schon vor dem Drohnenabschuss hatten sich nach Angaben von "Lloyd's List", dem Fachportal für "Maritime Intelligence", die Versicherungsprämien für die Tankerpassage verzehnfacht. Warenterminspekulanten dürften auf steigende Preise wetten. In Form höherer Benzinpreise könnte das schließlich auch Trumps Wähler treffen.

Vergleicht man die Machart der Attacken, so fällt noch eine zweite Gemeinsamkeit auf: Alle verursachten wenig Schaden. Die Raketen und Granaten im Irak schlugen jeweils nachts auf offenem Feld ein. Auf dem Areal von Ölfirmen nahe Basra, wie ExxonMobil, wurden drei irakische Arbeiter verletzt. Bei den Schiffsattacken war die Dosierung noch augenfälliger: Kein Schiff sank, keine Ladung fing komplett Feuer.

Die Botschaft dieser Kombination aus Angriffen und Zurückhaltung: Es könnte sehr leicht sehr viel schlimmer kommen.

Trump hat sich in eine Sackgasse getwittert

Der deutsche Iran-Experte Adnan Tabatabai ist der Ansicht, dass Teheran erkannt habe, dass es über kurz oder lang direkte, bilaterale Gespräche mit den Amerikanern werde führen müssen - und zwar diesmal ohne Europa. "Um diese Gespräche mit Washington aus einer Position der Stärke führen zu können, verspürt die Islamische Republik die Notwendigkeit, ausreichend Verhandlungsmasse zu akkumulieren", sagt Tabatabai. "Diese dürfte sich aus der Gesamtheit der iranischen Mittel der Abschreckung zusammensetzen: dem Einfluss auf die Nachbarregion, der Wiederaufnahme des Nuklearprogramms sowie der Ausweitung des Raketen- und Drohnenprogramms."

Es bleibt ein riskantes Spiel - sowohl vonseiten Irans als auch der USA. Denn zwar stimmt es: Keiner will den Krieg. Das sagen alle, auch Trump und die hartleibigsten schiitischen Milizführer im Irak, Libanon, die Kommandeure der iranischen Revolutionswächter, Irans Präsident und die Europäer sowieso. Aber jenseits dieses Minimalkonsenses agieren Trumps Regierung, die Iraner und ihre Satellitenmilizen nach einer je eigenen Kosten-Nutzen-Rechnung.

Trump hat mit seinen extremen Sanktionen Iran wirtschaftlich dermaßen abgeschnürt, dass Teheran unter Zugzwang ist: Ölexport und Deviseneinnahmen sind zusammengebrochen, die Autoproduktion liegt danieder.

Zugleich hat sich Trump mit all seinen Kriegsdrohungen in eine Sackgasse getwittert: Wenn Iran nicht nachgibt, forciert Trump entweder einen Krieg oder steht als Papiertiger da.

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insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
Streifenhörnchen15 21.06.2019
1. Es gibt bestimmt Optionen, die nicht genannt wurden.
Man sollte seine Phantasie nicht auf die genannten Optionen beschränken. Die USA könnten sich auch aus dem Nahen Osten komplett zurück ziehen und den Iran in Ruhe lassen. (Die US-Drohne war schon ganz weit weg von zu Hause.) Das macht aus dem Iran jetzt keine Streichelkatze, aber so zu tun, als ob die USA hier das Opfer sind, während sie so vielen Ländern in den Vorgarten strullern, das ist auch unredlich.
77Mo77 21.06.2019
2. Option Frieden
die mit klarem Menschenverstand erste und vlt.einzige Option ist, nach Hause zu gehen, zu Hause zu bleiben, niemanden ausspionieren, nirgendwo Unruhe stiften und andere genau so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will.. ..was im Kleinen gilt, sollte endlich auch auf Staatsebene ankommen..
brunellot 21.06.2019
3. The best deal maker ever (BDME)....
...hat sich hier selbst und ohne große Not in eine sehr missliche Lage manövriert. In Ermangelung von wesentlichen Fähigkeiten zum strategischen Planen bleibt halt oft nur noch übrig, den Bully zu spielen. Das sollte man aber nur dann tun, wenn man auch die entsprechenden Optionen auf dem Tisch hat... Offensichtlich sind die Strategen im Pentagon zu ähnlichen Schlüssen gekommen und haben DT kurzerhand "entmachtet" bzw. zurück gepfiffen. Gut zu wissen, dass so etwas auch im Jahre 3 von DT's Regentschaft noch möglich ist.
sikasuu 21.06.2019
4. Teheran signalisieren, (...) US-Militär ungestraft angreifen kann?
Ähm... will ja nicht meckern, aber gehen da nicht ein wenig "unbewusste Vorurteile" mit dem Autor durch? . Wer da wen "angegriffen" hat & wer "Verteidiger" ist, lass ich mal offen, aber die "Abläufe den Letzen Monate & Tage sind doch allgemein bekannt. . Wie, wer, vielleicht auch warum da "eskaliert" sollte doch auch sichtbar sein. . Komisch, das bei diesem Konflikt, bei mir das Gefühl entsteht, der IRAN ist der verlässlichere Partner! . Ja klar, vielleicht ist das auch nur geschickte Mimikry, doch das was bekannt ist... ??? . Ist schon komisch, wie sich die Verhältnisse verschieben können, wenn man mal versucht, rational damit um zu gehen. . Btw. Die Frage "Qui bono" ist mMn, der Schlüssel zu diesem Thema. . Warum tut wer was & wer hat da zu verlieren bring zwar keine Beweise & Fakten (auch die sind noch interpretierbar).. doch hilft sehr beim Einordnen der Verhaltensmuster, Aktionen &Rektionen!
echtermünchner 21.06.2019
5. Stärke
Will die Welt eine weitere Atommacht im nahen Osten, einen Unsicherheitsfaktor? Will man Israel auf dem Silbertablett den Iranern servieren? Amerika kann sich es nicht leisten als schwach angesehen zu werden. Die weit größere Gefahr für die Menschheit wäre doch ein Iran mit Atombomben. Oder hat man die Geiselnahme von 1979 vergessen? Und mit einer Präsidentin Clinton wäre Amerika schon gestern statt heute im Krieg mit dem Iran. Trump hat bisher noch keinen einzigen Krieg begonnen, im Gegensatz zu Bush SR., Clinton,Bush Jr. und dem Friedensnobelpreisträger Obama. Sollte es zu einem Krieg gegen Iran kommen, dann wird er sicherlich nicht so einfach sein wie im Irak oder Afghanistan. Er wird einfach länger dauern. Aber Amerika ist das einzige Land der Welt, dass eine bestimmte Feuerkraft über einen längeren Zeitraum konstant aufrecht erhalten kann. Und das auf jedem Quadratmillimeter der Erde. Das können weder Russland noch China. Darin liegt der feine kleine Unterschied. Der Iran sollte es sich jetzt genau überlegen was es macht. Oder will man, dass sich die Menschen nur noch an den Iran erinnern?
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