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Ex-Kriegsschauplatz Iran: Tränen, Selfies, Rosenwasser

Foto: Florian Guckelsberger

Früheres Kriegsgebiet Irans heiliger Sand

30 Jahre nach dem Ersten Golf-Krieg ist die Erinnerung an die Opfer eine Mischung aus stiller Trauer und schrillem Spektakel. An der Grenze zum Irak gedenken Hunderttausende Iraner alten und neuen Märtyrern.
Von Florian Guckelsberger

Verschwunden ist das grelle, alle Kontraste schluckende Mittagslicht. Die Sonne des frühen Abends verleiht der Wüstenlandschaft einen Glanz von Ocker. Je länger die Schatten werden, desto mehr Leben kommt in die Pilger. Hier in Shalamcheh gedenken jedes Jahr Hunderttausende Iraner der Gefallenen des Ersten Golfkriegs. Der Krieg mit dem Nachbarland Irak kostete zwischen 1980 und 1988 Millionen Menschen das Leben und prägt Iran bis heute.

Die Züge der Rahian-e Noor, der Reisenden des Lichts, sind ein irgendwo zwischen Vergangenheitsbewältigung, Kriegstourismus und Staatspropaganda oszillierendes Spektakel. Heilige Erde, goldene Erde: Ehrfürchtig sprechen die Angereisten über den kargen Boden im Westen der iranischen Provinz Khuzestan. Wer es besonders ernst meint, betritt ihn nur Barfuß. Es ist Sand, gesättigt vom Blut Hunderttausender Soldaten und Zivilisten, zerrieben im jahrelangen Stellungskrieg mit Saddam Husseins Irak.

Heute, 30 Jahre nach einem von den Vereinten Nationen vermittelten Friedensabkommen, ist das frühere Schlachtfeld ein Freilichtmuseum. Panzerwracks, Stacheldraht, Wachtürme, Schützengräben und Minenfelder sind sorgfältig auf dem rund einem Quadratkilometer großen Gelände an der irakischen Grenze kuratiert. Es sind die Reliquien eines großen Gemetzels, das als "heilige Verteidigung" in die Geschichte Irans eingegangen ist.

"Saddam Hussein war unser Feind, nicht die Iraker"

"Hierher, aber zackig!" Mozeh lacht und bringt seine Freunde mit dem Megaphon auf Trab. Der gelernte Tanzlehrer ist auf einen Betonpfeiler geklettert, um die Fußballmannschaft aus dem nordiranischen Babol über den Parkplatz vor der Pilgerstätte zu lotsen. Von heiligem Ernst ist nichts zu spüren, als er die johlende Truppe mit schnippischen Kommentaren durch ein Labyrinth aus Reisebussen manövriert.

Es sind Pilger, die lachend auf Panzerwracks klettern und für Fotos posieren. Teenager neben abgesprengten Ketten, die Hand zum Siegeszeichen erhoben. Eltern, die Kinder neben verrostete Sturmgewehre drapieren und Händler mit Tischen voll billigen Plastikspielzeug aus China. An ihnen ziehen Frauen in schwarzen Abayas und tief ins Gesicht gezogenem Schleier vorbei, die Körbe voll Essen auf das ehemalige Schlachtfeld tragen, um dort zu picknicken.

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Oberst Hossein Zargar beobachtet das Treiben ungerührt. Er führt Besucher über das Schlachtfeld, erläutert Frontverläufe und Taktiken, berichtet von Verlusten und Opfern. Wenn Shalamcheh ein Museum ist, dann ist der Oberst ein lebendes Ausstellungsstück. "5000 Leichen wurden bis heute nicht gefunden", sagt er. Was ihm heute durch den Kopf geht, wen er über die Grenze blickt? "Damals war Saddam Hussein unser Feind, nicht die Iraker."

Die "heilige Verteidigung" als andauernde Pflicht

Und heute? Israel, Amerika, der Westen: Das antworten Bassidsch-Milizionäre vor Ort. Es sind junge Männer im Studentenalter, die ein Pin an der linken Brusttasche ihrer Uniform als "Diener der Märtyrer" ausweist. Zu Dutzenden sind sie hierhergekommen, um die Pilger mit Wasser und Essen zu versorgen. Auf die Regierung von Präsident Hassan Rohani angesprochen, winken sie lachend ab. Die Loyalität der Milizen gilt Ayatollah Khamenei und dem konservativen Establishment Irans - sie sorgen sich nicht um politische Öffnung und wirtschaftliche Reform, sondern vor allem um die Verteidigung des Landes und der Werte der islamischen Revolution von 1979.

"Iran möchte das Erbe einer Jahrtausende alten Zivilisation fortführen und hegt dabei unverhohlen Regionalmachtansprüche. Paradoxerweise nimmt er sich dabei gleichzeitig als höchst verwundbar wahr", analysiert der Politologe David Ramin Jalilvand, der das Iranprojekt der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung berät: "Im Iran-Irak-Krieg erfuhr Saddam Hussein eben auch umfassende Militärhilfe vom Westen sowie von Staaten aus der Region, etwa Saudi-Arabien. Angriffe mit Chemiewaffen auf iranische Truppen und Zivilisten wurden von der internationalen Staatengemeinschaft weder geächtet noch geahndet."

Und so trug der Beginn des Golfkriegs 1980 maßgeblich dazu bei, Differenzen zwischen dem schiitischen Iran und der größtenteils sunnitischen arabischen Welt zu verschärfen. "Zwar zielte die Revolution im Iran in ihren Anfangstagen noch darauf, Gegensätze genau dieser Art zu überwinden. Im Kampf gegen den Irak bemühte die Islamische Republik dann jedoch rasch dezidiert iranisch-persische und schiitische Identitätsbilder. Unterschiede zwischen Iran und der arabischen Welt wurden auf diese Weise im kollektiven Bewusstsein weiter verankert", sagt Jalilvand.

Das Gedenken an Orten wie Shalamcheh reicht deshalb über den bloßen Akt des Erinnerns hinaus. Vielmehr wird aus dem Grauen der Vergangenheit die Notwendigkeit neuer Opferbereitschaft abgeleitet. Die "heilige Verteidigung" wird so zur andauernden Pflicht. Schon beim Betreten der Gedenkstätte verteilen junge Bassidsch deshalb kleine Pappkärtchen mit dem Konterfei von Mohsen Hojaji, einem Revolutionsgardisten, der 2017 in Syrien von der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) getötet wurde und nun als Märtyrer der Revolution verehrt wird. Auch das Porträt von Qassem Soleimani, dem Anführer der ebenfalls in Syrien aktiven Kuds-Brigaden, findet sich im eigens errichteten Souvenir-Shop auf allem, was sich bedrucken lässt: Tassen, Shirts, Anstecknadeln. Ein Volksheld sei das, sagt der Verkäufer und lächelt.

Irans Militär lockt junge Rekruten

Seit Jahren hilft die iranische Regierung dem syrischen Regime von Baschar al-Assad mit diplomatischer Unterstützung, Geld, Waffen und Soldaten. Iran will so seinen Einfluss in der Region wahren und ausbauen; zum Missfallen Saudi-Arabiens, Israels und der westlichen Staatengemeinschaft. Hier in Shalamcheh wird jedoch deutlich, dass harsche Rhetorik und verschärfte Sanktionen auch die trotzige Bunker-Mentalität vieler Iraner festigen. Und so gibt es auf der Gedenkstätte nicht nur einen kleinen Kindergarten, Imbisse und Wasserspender, sondern auch ein Rekrutierungsbüro des iranischen Militärs. Wer direkt an die syrische Front will, erläutert ein junger Basidsch-Milizionär, der müsse sich jedoch vertrauensvoll an eine Reihe bestimmter Moscheen wenden - die würden die nötige Logistik übernehmen, alles kein Problem.

Doch wie so vieles in Iran, entzieht sich auch die Pilgerfahrt am Ende eindeutigen Zuschreibungen. Es ist einerseits der Versuch des Regimes, das Gedenken zu politisieren, aber eben auch viel mehr als nur propagandistischer Budenzauber. "Fast alle Familien haben Ehemänner, Söhne, Väter oder Brüder an die Front geschickt oder schicken müssen. Noch heute kann man vielerorts Kriegsinvaliden begegnen", sagt Jalilvand. Diese Verluste sind Quelle einer natürlichen und stillen Trauer, jenseits des Politischen.

So wie das Gedenken von Hamra, einem Mittdreißiger aus dem zentraliranischen Nain. Hamra, der sein Geld mit Straußenzucht verdient, hat in Shalamcheh seinen Vater verloren. 1986 war das, als die Fronten sich längst festgefahren hatten und keine Seite mehr ernsthafte Hoffnungen auf einen Sieg hätte haben dürfen. Ein Verlust, den der Hinterbliebene nur schwer mit Sinn füllen kann. Für Moschee, Miliz und Militär hat Hamra dann auch keinen Blick übrig, als er sein weißes, schwer beladenes Tourenrad auf einen Hügel an der irakischen Grenze schiebt. 5000 Kilometer ist er gefahren. Eine wochenlange Reise durch das Land, die an jenem Ort endet, wo er seinen Vater verlor. Heute, drei Jahrzehnte später, öffnet Hamra seine Lenkertasche, darin ein Koran und Rosen. Dann legt er die Blumen in den heiligen Sand Khuzestans.

Florian Guckelsberger ist Leitender Redakteur beim Nahost-Magazin "zenith ".

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