Konflikte in Nahost Immer wieder Teheran

Der Atomdeal mit Iran steht vor dem Aus. Es ist nicht der einzige Konflikt, den Teheran mit dem Westen austrägt. Vom Roten Meer bis zum Persischen Golf - hier prallen die Interessen aufeinander.

US-Trägerkampfgruppe im Suezkanal: Kurs Richtung Persischer Golf
DPA

US-Trägerkampfgruppe im Suezkanal: Kurs Richtung Persischer Golf

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Der Militärattaché der US-Botschaft in Ägypten hatte sich extra von Kairo auf den Weg zum Suezkanal gemacht, an seiner Seite der Chef der Suezkanal-Gesellschaft Mohab Mamisch. Alles nur, weil der US-Flugzeugträger USS "Abraham Lincoln" am Donnerstag durch die Wasserstraße vom Mittelmeer ins Rote Meer schipperte. Sein Ziel ist der Persische Golf.

Das Schiff nimmt nicht zum ersten Mal Kurs auf den Golf: Schon in den Neunzigerjahren war der Flugzeugträger mehrfach in der Region im Einsatz - damals um die gegen Saddam Hussein verhängte Flugverbotszone über dem Südirak zu überwachen. Zuletzt hatte die "Abraham Lincoln" 2012 im Persischen Golf angelegt, damals im Rahmen des internationalen Antiterrorkampfes gegen al-Qaida.

Doch der Einsatz vor der iranischen Küste, der nun bevorsteht, ist anders als die bisherigen Missionen: Denn US-Präsident Donald Trump rechtfertigt die Entsendung des Flugzeugträgers damit, dass Iran angeblich amerikanische Interessen in der Region bedrohe. Aus dem gleichen Grund hat das Pentagon mehrere B-52-Bomber auf den US-Militärstützpunk Al Udeid in Katar entsandt, der nur wenige Hundert Kilometer von der iranischen Küste entfernt liegt. Und aktuell wurde nun bekannt, dass die USA ein weiteres Kriegsschiff in Richtung Iran verlegen.

B-52-Bomber im Anflug auf Katar: USA verweisen auf Bedrohung durch Iran
Staff Sgt. Ashley Gardner/U.S. Air Force via AP

B-52-Bomber im Anflug auf Katar: USA verweisen auf Bedrohung durch Iran

Mit der Anwesenheit der US-Truppen steigt auch das Risiko einer militärischen Auseinandersetzung - allein schon durch mögliche Missverständnisse in der Straße von Hormuz. Das Tor zum Persischen Golf, durch das mehr als ein Viertel des weltweiten Ölbedarfs transportiert wird, ist an seiner schmalsten Stelle nur 55 Kilometer breit.

Nachdem Trump vor einem Jahr das Atomabkommen mit Iran aufgekündigt und in der Folge rigide Sanktionen gegen Teheran verhängt hatte und nachdem Irans Präsident Hassan Rohani in dieser Woche verkündete, seinerseits zwei Punkte des Deals nicht mehr erfüllen zu wollen, ist die Gefahr einer Eskalation des Konflikts so groß wie seit Abschluss der Vereinbarung 2015 nicht.

Dabei berührte die Einigung im Atomstreit nur einen Teil der grundsätzlichen Differenzen zwischen Iran auf der einen und den USA, Europa, Israel und großen Teilen der arabischen Welt auf der anderen Seite. Beim Nukleardeal ging es im Kern darum zu verhindern, dass die Islamische Republik, deren führende Vertreter sich wiederholt für die Auslöschung des jüdischen Staates ausgesprochen haben, in den Besitz von Atomwaffen gelangt.

Daneben gibt es aber noch eine Vielzahl von Konflikten in der Region, bei denen Teheran, der Westen und seine regionalen Verbündeten gegensätzliche Interessen verfolgen. Der Überblick:

DER SPIEGEL

  • Israel: Rohanis 60-Tage-Ultimatum an die Europäer löste in Israel kaum Verwunderung aus. Die Regierung in Jerusalem warnt seit Jahren davor, dass Teheran kein Verhandlungspartner sei, sondern als Paria der Weltgemeinschaft gebrandmarkt werden müsse. Nach Informationen des israelischen TV-Journalisten Barak Ravid waren es israelische Geheimdienste, die ihre US-Partner unlängst vor iranischen Anschlägen gegen amerikanische Einrichtungen warnten. Israel sabotiert das iranische Nuklearprogramm seit Jahren, etwa durch die gezielte Tötung von Atomwissenschaftlern oder die Infizierung der Steuerungsanlagen mehrerer Nukleareinrichtungen mit dem Schadprogramm Stuxnet.

  • Gazastreifen: Iran mischt auch im Nahostkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern aktiv mit. Erst am vergangenen Wochenende feuerten die im Gazastreifen herrschende Hamas und die noch militantere Gruppe Islamischer Dschihad fast 700 Raketen von dort auf Israel ab. Der Islamische Dschihad ging Ende der Siebzigerjahre - nach der Islamischen Revolution in Iran - aus dem lokalen Ableger der ägyptischen Muslimbruderschaft hervor, den Paten der Hamas. Der Islamische Dschihad gilt seither als verlängerter Arm Teherans.

    Um den Erzfeind Israel zu schwächen, unterstützt der schiitische Gottesstaat Iran die sunnitischen Extremisten, deren Hauptquartier in Damaskus liegt. Zwar gilt seit einigen Tagen eine Waffenruhe zwischen Israel und den Palästinensern, ein Sprecher des Islamischen Dschihads warnte aber kurz vor Beginn der Feuerpause: "Träumt nicht von Ruhe, solange das palästinensische Volk den Preis zahlen muss."

Kämpfer des Islamischen Dschihad im Gazastreifen
SAID KHATIB/AFP

Kämpfer des Islamischen Dschihad im Gazastreifen

  • Rotes Meer: Auch dort sind Iran und Israel indirekt in einen Großkonflikt involviert. Das Rote Meer verbindet den Indischen Ozean mit dem Mittelmeer, für die internationale Handelsschifffahrt ist das zwischen Afrika und Asien gelegene Gewässer von herausragender geostrategischer Bedeutung. Die von Iran protegierte Huthi-Miliz im Jemen hatte im vergangenen Sommer zwei Schiffe nahe der Meerenge Bab al-Mandab angegriffen. Saudi-Arabien erwog daraufhin, Öltransporte künftig temporär auszusetzen.

    Israels Premier Benjamin Netanyahu erklärte, sein Land werde einer Schließung des Nadelöhrs durch Iran notfalls militärisch entgegentreten. Israel hat eine inoffizielle Allianz mit den sunnitischen Staaten Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten geschlossen, die Iran im Roten Meer ebenso massiv entgegentreten.

  • Irak: Iran war regionalpolitisch der größte Profiteur der US-geführten Irak-Invasion 2003. Seither herrschen in Bagdad schiitisch dominierte Regierungen, die Teheran freundlich gesonnen sind. Jahrelang paktierten die USA und Iran sogar stillschweigend im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Die USA bombardierten die Stellungen der Dschihadisten aus der Luft, am Boden rückten von Iran befehligte Schiitenmilizen vor. Diese kampfstarken Verbände sind inzwischen zwar formal der Regierung in Bagdad unterstellt - de facto aber von Teheran kontrolliert.

    Zudem haben sich die proiranischen Milizen ähnlich wie die Hisbollah im Libanon im politischen System etabliert. Die Liste des von Teheran unterstützten Milizenführers Hadi al-Amiri wurde bei der Parlamentswahl 2018 zweitstärkste Kraft. Zugleich aber haben die USA noch immer mehr als 5000 Soldaten im Irak stationiert. In den vergangenen Wochen intensivierten die Vereinigten Staaten zudem ihre Bemühungen, die irakische Führung an sich zu binden - jüngstes Zeichen dafür war der Blitzbesuch von US-Außenminister Mike Pompeo in dieser Woche in Bagdad.

  • Syrien: Iran ist seit Jahrzehnten enger Verbündeter des Regimes in Damaskus. Die USA, Israel und ihre arabischen Verbündeten haben sich zwar damit abgefunden, dass Baschar al-Assad an der Macht bleibt. Sie sehen jedoch mit Sorge, dass das Bürgerkriegsland immer mehr zu einem Aufmarschgebiet der iranischen Revolutionswächter wird. Israel liefert sich in Syrien einen Schattenkrieg mit der Islamischen Republik. In den vergangenen Jahren hat die israelische Armee Hunderte iranische Ziele in dem Bürgerkriegsland angegriffen. Erst im Januar veröffentlichte Israel eine Karte, der zufolge Iran mittlerweile zehn Basen in Syrien unterhält.

  • Libanon: Iran ist mit der schiitischen Hisbollah-Miliz im Libanon verbündet. Die Gruppe, in den Achtzigerjahren nach der israelischen Invasion des Zedernstaats von den iranischen Revolutionswächtern gegründet, agiert heute in Teilen des Landes wie ein Staat im Staat. In Jerusalem heißt es, die Hisbollah habe mit iranischer Hilfe mehr als 100.000 Kurz- und Mittelstreckenraketen im Libanon stationiert, die auf Israel gerichtet seien. Seit dem Julikrieg 2006 ist es entlang der libanesisch-israelischen Grenze ruhig - auch weil sich die Miliz im Syrienkrieg verschleißt, um seinen Verbündeten Assad an der Macht zu halten. Daneben hat sich die Hisbollah in den vergangenen Jahrzehnten als politische Kraft in Beirut etabliert und ist mit zwei Ministern im Kabinett des von den USA und Saudi-Arabien unterstützten Regierungschefs Saad Hariri vertreten.
Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah: Ruhe an der Grenze zu Israel
AL-MANAR TV GRAB HANDOUT/EPA-EFE/REX

Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah: Ruhe an der Grenze zu Israel


  • Jemen: Die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen kontrollieren seit fast fünf Jahren die Hauptstadt Sanaa und weite Teile des Jemen. Eine von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition versucht seit 2015 mit mäßigem Erfolg, die schiitischen Rebellen von der Macht zu vertreiben. Die dem schiitischen Islam zugehörigen Huthis haben ihrerseits mehrfach Raketen, die von Iran entwickelt worden sein sollen, auf Riad und andere saudi-arabische Städte abgefeuert. Dieser Krieg hat bislang mehr als zehntausend Zivilisten das Leben gekostet.

    Die USA haben wegen der Affäre um den ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi ihre militärische Unterstützung für die Saudis seit ein paar Monaten zurückgefahren. Grundsätzlich teilt Washington jedoch das Ziel mit Riad, die Entstehung eines iranischen Brückenkopfes auf der arabischen Halbinsel unbedingt zu verhindern.
insgesamt 277 Beiträge
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Seite 1
max-mustermann 11.05.2019
1.
Immer wieder Trump/USA wäre irgendwie die passendere Überschrift. Denn ohne das irre Verhalten der US Administration und die Kündigung des Atomvertrages hätten wir das Problem jetzt gar nicht.
Daniel B. aus KL 11.05.2019
2. Dünnbrettbohrer
Immer die gleichen dünnen Bretter, die von Herrn Sydow gebohrt werden, wenn es um den Iran geht. So als wäre zB erst der ("böse") Iran in Syrien, im Gaza, im Jemen aktiv geworden und erst dann hätten Israel, USA, KSA oder andere "Gute" dagegen gehalten. So als wären diese Konflikte immer ohne Vorgeschichte oder Beteiligung anderer Mächte und überhaupt komplexer. Aber das wäre ja zu anspruchsvoll für den geneigten Leser oder die Leserin! So macht man Kriegspropaganda!
altais 11.05.2019
3.
So viel also zum Wahlkampfversprechen, Trump werde Frieden im Nahen Osten herstellen. Dazu hat er doch seinen Kushner als Sonderbeauftragten ernannt. Wo ist der aktuell? In Saudi-Arabien bei seinem Kumpel MBS um das weitere Vorgehen zu koordinieren?
brooklyner 11.05.2019
4.
Zitat von max-mustermannImmer wieder Trump/USA wäre irgendwie die passendere Überschrift. Denn ohne das irre Verhalten der US Administration und die Kündigung des Atomvertrages hätten wir das Problem jetzt gar nicht.
Oder: Immer wieder (c)hassidisch/rechtsradikales Brooklyn-Süd Williamsburg - Kushner - Netanjahu gegen alle Vernunft, Aber nur der Vollständigkeit halber: Dieser Beitrag wird natürlich nicht veröffentlicht.
HanzWachner 11.05.2019
5. Wie einst George W. Bush,…
…der mit ausgedachten Massenvernichtungswaffen seine Armee den Irak umpflügen ließ, die Ergebnisse davon wie IS und dauerhafte Destabilisierung der Region sind heute noch vorhanden, will Mr. Trump eine angebliche Bedrohung der Welt durch den Iran erkannt haben, um diesen nun umpflügen zu lassen. Opferzahlen, Flüchtlinge, Tod und Verderben sind dem amerikanischen Präsidenten völlig egal, er will die Mullahs entfernen und einen willfährigen Vasallen wie den früheren Schah zurück haben.
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