Iran-Krise Inspektoren fürchten das "Irak-Szenario"

Baut Iran heimlich an der Bombe? Die Internationale Atombehörde sucht die Antwort auf die zentrale Frage in der Krise, doch in den USA wird ihre Autorität angezweifelt. Die Uno-Inspektoren fürchten, von Aufwieglern in die Bedeutungslosigkeit gedrängt zu werden - wie vor dem Irak-Krieg.

Von Georg Mascolo, Washington


Washington - Internationale Atombehörde Wien, zehnter Stock. Olli Heinonen sitzt an seinem Schreibtisch, auf dem Tisch eine Schale frischer Pistazien. Ein Mitbringsel aus Iran. Heinonen hat aufgehört, die Besuche im Mullah-Staat zu zählen.

IAEA bei der Arbeit: Ein Uno-Inspektor installiert in der Atomanlage von Isfahan eine Kamera (Archivfoto)
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IAEA bei der Arbeit: Ein Uno-Inspektor installiert in der Atomanlage von Isfahan eine Kamera (Archivfoto)

Wie es wirklich steht um das Atomprogramm - wohl niemand weiß es besser als der Finne, der als Vizedirektor bei der Internationalen Atombehörde IAEA zuständig ist für den Einsatz der Atomkontrolleure in aller Welt. Vor seiner Beförderung leitete Heinonen das für Iran zuständige "Department B", intern nur noch "busy" genannt, geschäftig.

Seit fast vier Jahren sind Heinonen und sein Team in Iran im Einsatz, sie haben Überwachungskameras montiert, Wissenschaftler befragt und unzählige Bodenproben in das hochmoderne IAEA-Labor bei Wien geschafft. Dutzende Reports haben sie verfasst über das Programm, das die Mullahs einst im Geheimen betrieben haben. Und doch gilt die entscheidende Frage offiziell als unbeantwortet: Dient das Uran-Anreicherungsprogramm wirklich friedlichen Zwecken, was die iranische Staatsführung unablässig behauptet? Oder baut das Land heimlich an der Bombe?

Die Arbeit der IAEA ist entscheidend. Was Department B zusammenträgt, setzt den Rahmen für die Debatte der Weltgemeinschaft: Selbst die US-Aufklärer mit ihrem Wochenetat von 800 Millionen Dollar verlassen sich weitgehend auf die Erkenntnisse aus Wien. Denn nicht ihre Agenten, sondern die Techniker der Atompolizei gehen in den iranischen Nuklearfabriken ein und aus.

Entscheidung über Krieg und Frieden

Inspektionen können über Krieg und Frieden entscheiden, hat IAEA-Chef Mohamed ElBaradei nach dem Debakel um die angeblich wasserdichten Beweise für Saddam Husseins Monster-Arsenal gesagt. Im Fall Iran heißt das: Solange das Land keine Anreicherung im Industriemaßstab betreibt, fehlt es an genug Uran für die Bombe. Und selbst die Hardliner-Fraktion, die sich in Washington immer lauter Gehör verschafft, tut sich schwer mit dem Ruf nach einem Militärschlag.

Nur: Wie lange kann die IAEA die eine entscheidende Frage noch mit einiger Gewissheit und Autorität beantworten?

Es ist ein echtes Worst-Case-Szenario, das in diesen Tagen bei der IAEA die Runde macht und ElBaradei zutiefst beunruhigt: Der Weltsicherheitsrat verhängt, wie von den USA verlangt, erste Sanktionen. Iran schlägt zurück und macht Drohungen wahr, die Inspektoren nicht mehr ins Land zu lassen - oder kündigt nach dem Vorbild Nordkoreas den Atomwaffensperrvertrag gleich auf.

Dann wäre die IAEA blind. Und mit jeder Woche ohne Kontrolle stiege die Ungewissheit, was wirklich vorgeht in den Atomfabriken. Thesen, Hochrechnungen, eine Flut selbst ernannter Experten würde dann womöglich die Debatte bestimmen - statt gesicherter Fakten.

"Irak-Szenario" heißt diese düstere Vorstellung bei der IAEA: Schon Saddam Hussein hatte die Kontrolleure 1998 aus dem Land geschmissen. Das erleichterte den Scharfmachern in der Bush-Regierung all die Übertreibungen und dreisten Lügen, mit denen die Invasion vor der Weltöffentlichkeit begründet wurde.

Hardliner-Bericht empört die IAEA

Es gibt schon erste Versuche, auch in der Iran-Debatte die Erkenntnisse anzuspitzen. In der vergangenen Woche wurde ein Brief der IAEA bekannt, in der die Behörde einen Bericht des Geheimdienstausschusses des US-Repräsentantenhauses scharf kritisiert: Das 29-seitige Papier hatte den Stand der iranischen Atomforschung grob übertrieben - und behauptet, ElBaradei habe auf iranischen Druck einen besonders kritischen IAEA-Experten von der Liste der Inspektoren gestrichen. Der Friedensnobelpreisträger, legte der US-Report nahe, sei mehr an guten Beziehungen zu Teheran als der Wahrheit interessiert.

"Empörend und irreführend" nennt die IAEA das Papier. Mindestens fünf grobe Fehler entdeckten Heinonen und seine Experten. Der gravierendste: Iran hat nicht wie behauptet Uran auf mehr als 90 Prozent angereichert, also bombenfähigen Stoff hergestellt. Tatsächlich wurde der IAEA zufolge in den Zentrifugen in Natanz nur bis auf 3,5 Prozent angereichert.

Für reine Schlamperei muss man solchen Hype nicht halten. Einer der Autoren der Studie ist der ehemalige CIA-Offizier Frederick Fleitz, ein Hardliner, der schon für John Bolton arbeitete, den Uno-Botschafter der USA. "Das ist wie vor dem Irak-Krieg", sagt David Albright, einer der angesehensten US-Nuklearexperten. "Sie blasen die Bedrohung mit windigen Informationen auf und gehen auf die IAEA los."

Bislang schlagen solche Versuche fehl. Nicht der Bericht des Repräsentantenhauses, sondern die Schelte aus Wien machte weltweit Schlagzeilen. Nur ist die Autorität, mit der Heinonens Truppe die Scharfmacher widerlegen kann, schon heute empfindlich eingeschränkt. Seit der IAEA-Gouverneursrat im Februar das Atomdossier an den Uno-Sicherheitsrat überwies, verweigert Teheran Inspektionen nach dem sogenannten Zusatzprotokoll – einem Zusatz zum Atomwaffensperrvertrag, der umfassende Kontrollen in der Nuklearindustrie ermöglicht.

Verhandlungen statt Sanktionen

Seither lassen die Iraner die Inspektoren nur noch an jene Orte, an denen mit Nuklearmaterial hantiert wird. Natanz zum Beispiel, wo Zentrifugen laufen, steht noch auf der Liste. Aber schon die Fabriken, in denen die Zentrifugen hergestellt werden, gehören nicht mehr dazu. Die Inspektoren klagen: Wir verlieren wichtige Informationen.

In diesen Tagen debattieren die Außenminister von Russland, China, den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland über die nächsten Schritte. Es ist ein Balanceakt: Iran, bisher unbeeindruckt von der Staatengemeinschaft, kooperiert noch immer nicht vorbehaltlos mit der IAEA. Zweifel an dem angeblich so friedlichen Nuklearprogramm sind angebracht. Es wird Zeit zu handeln, mahnen US-Diplomaten.

Auch ElBaradei, berichten Vertraute, telefoniert viel in diesen Wochen. US-Außenministerin Condoleezza Rice, ihr deutscher Kollege Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel sind dann am Apparat. Weitere Verhandlungen statt sofortiger Sanktionen - das will ElBaradei, und es scheint, als würde sich für diese Linie eine Mehrheit abzeichnen.

Die große Konfrontation wäre abgewendet, vorerst jedenfalls. Und damit auch das "Irak-Szenario."

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