Iran Mit dem großen Satan gegen Saddam

Nach dem Irak könnte der Iran ins Visier der Amerikaner geraten. Die Mullahs in Teheran sind nervös geworden. Unter ihnen tobt ein Machtkampf. Sollen sie auf Konfrontationskurs zu den USA gehen, oder sollen sie sich mit dem "großen Satan" verbünden?
Von Alexander Schwabe

Nahezu die ganze Welt starrt auf den Irak: Die USA wollen einen Regimewechsel in Bagdad herbeibomben. Doch die Schockwelle eines Irak-Krieges droht den gesamten Mittleren Osten zu destabilisieren. In Teheran sind die Regierenden nervös geworden. Wie soll man sich im Irak-Konflikt verhalten, wie gegenüber den Amerikanern? Wie in den USA ist auch in Iran ein heftiger Machtkampf um die Ausrichtung der Außenpolitik ausgebrochen.

In den USA gibt es zwei sich widersprechende Lager: Die Hardliner sehen Iran nach der Diktion George W. Bushs als Teil der "Achse des Bösen". Längst haben sie das Mullah-Reich auf ihrer Agenda im Kampf gegen den internationalen Terrorismus. In seiner Rede zur Lage der Nation Ende Januar beschuldigte Bush Iran, nach Massenvernichtungswaffen zu streben und den internationalen Terrorismus zu fördern. Iran habe eine Regierung, "die ihr Volk unterdrückt, Massenvernichtungswaffen anstrebt und Terror unterstützt", beschied der Präsident.

Andere, etwa Bushs Außenminister Colin Powell, suchen den Dialog mit Teheran. Ihnen geht es darum, die Reformversuche des im Juni 2001 mit 77 Prozent wiedergewählten Präsidenten Mullah Mohammed Chatami, 59, nicht durch eine politische Isolierung Irans abzuwürgen.

Umgekehrt ist die Haltung Teherans zu den USA zwiespältig. Der mächtigste Religionsführer und Oberbefehlshaber der Armee in Iran, Ajatollah Ali Chamenei, 62, diffamierte die USA noch jüngst als den "großen Satan". Die Amerikaner hätten nichts anderes im Sinn, als ihre Ölinteressen im Mittleren Osten zu verfolgen, Israel zu stärken und die Islamische Republik Iran zu kontrollieren.

Bushs "Größenwahn" zügeln

Der iranische Gesandte Ali Akbar Mohtaschemi stieß nach einem Treffen mit dem libanesischen Außenminister Mahmud Hammud Mitte vergangener Woche ins gleiche Horn: Bushs "Größenwahn" müsse gezügelt werden, forderte der Diplomat und rief zu einer weltweiten Initiative gegen die amerikanische Irak-Politik auf.

Washingtons Vorgehen gegen Bagdad hat jedoch einen Teil der Teheraner Politiker-Riege zu einem Kurswechsel veranlasst. Die Mullahs sähen zwar nichts lieber als den Sturz Saddams, der den ersten Golfkrieg (1980 bis 1988) gegen Iran angezettelt hatte. Andererseits käme es ihnen ganz und gar ungelegen, sollten sich die Amerikaner im Irak militärisch festsetzen. Dann nämlich wären sie von den USA in die Zange genommen. US-Truppen stehen bereits in Afghanistan. Zudem hat Washington großen Einfluss auf Pakistans Militärherrscher Pervez Musharraf.

Um einen Krieg möglichst zu verhindern, hat sich die Teheraner Regierung gar dazu herabgelassen, mit dem Erzfeind in Bagdad zu reden. Iraks Außenminister Nadschi Sabri lud man Anfang Februar nach Teheran ein. Dabei überreichte dieser eine geheime Botschaft Saddam Husseins an Chatami.

Iran: Auf der Kriegsliste der USA?

Was in dem persönlichen Schreiben stand, ist nicht bekannt. Sabris Äußerungen ließen jedoch darauf schließen, dass Hussein die Unterstützung seines alten Feindes zu gewinnen trachtete. Iran solle sich keiner Illusion hingeben: Nach dem Irak stünde Iran auf der Kriegsliste der USA.

Doch Saddams Warnung und sein Werben verfingen offenbar nicht. Die Nachrichtenagentur Irna berichtete, bei dem Treffen habe Sabris iranischer Amtskollege Kamal Charrasi den Irak aufgefordert, die Uno-Resolution 1441 zu befolgen. Nur so ließen sich "Vorwände" der USA für einen Krieg "neutralisieren".

Angesichts des enormen Bedrohungspotenzials der Amerikaner halten es die Teheraner offenbar eher mit der Supermacht. Nach Angaben der "Washington Post" haben sich iranische und amerikanische Diplomaten bereits Ende Januar in London getroffen. Die Kontakte wurden vom stellvertretenden US-Außenminister Richard Armitage bestätigt.

Angeblich rangen die Amerikaner bei der geheimen Zusammenkunft den Iranern das Zugeständnis ab, dass Teheran einen Sturz Saddam Husseins nicht behindern werde. Der mächtigste Mann in Teheran, Ex-Präsident Haschemi Rafsandschani, verkündete prompt beim Freitagsgebet: "Wir sind mit der Entwaffnung des Irak einverstanden, aber nicht mit dem Einzug der USA in die Region", nachdem er zuvor die Anwesenheit der USA in der Region als noch schlimmer als die Massenvernichtungsmittel des Erzfeindes Irak gewertet hatte. Irans Außenminister Charrasi sagte gar, Iran werde einen von der Uno legitimierten Krieg gegen den Irak nicht ablehnen.

Kein Fluchtweg für Saddam

Weiter sollen beide Seiten in London übereingekommen sein, dass Iran US-Piloten im Falle einer Notlandung auf iranischem Gebiet Schutz gewähre. Auch habe sich Teheran verpflichtet, Saddam Hussein keinen Fluchtweg durch Iran zu bieten, und keine Opposition gegen eine neue irakische Regierung zu unterstützen.

Als Gegenleistung sollen die USA bereit sein, den Irak nicht als Basis für ein Vorgehen gegen Iran zu nutzen. Zugesagt wurde angeblich auch, dass die in Teheran ansässige schiitische irakische Oppositionsgruppe des Ajatollah Mohammed Baqir al-Hakim an einer Regierung nach dem Sturz Saddams beteiligt wird.

Ganz ins Bild der aktuellen amerikanisch-iranischen Kooperation passt die neuerdings reibungslose Zusammenarbeit des Mullah-Regimes mit den Uno-Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde Mohammed al-Baradeis, die jüngst in eine Anlage zur Anreicherung von Uranium nach Natanz gelassen wurden. Auf Druck von CIA-Direktor George Tenet wies Iran vor zwei Wochen rund 500 al-Qaida-Kämpfer aus. Und Anfang Februar hatte sich der iranische Justizchef Ajatollah Haschemi Schahrudi gegenüber dem EU-Außenkommissar Chris Patten sogar bereit gezeigt, die Steinigung als Todesstrafe durch andere Strafen zu ersetzen.

Bei allem Entgegenkommen versuchen die Teheraner Mullahs dennoch, sich bei der Neuordnung des Irak politischen Einfluss zu sichern - wenngleich die 60-prozentige Mehrheit der irakischen Bevölkerung, die der schiitischen Glaubensrichtung anhängen, vom Iran unabhängig bleiben wollen. Trotz der diplomatischen Bemühungen ist das Regime in Teheran bei der Durchsetzung seiner Interessen nicht zimperlich.

Teherans Realpolitik

Zur Teheraner Machtpolitik gehört etwa die militärische Unterstützung der radikal-islamischen Terrortruppe Ansar-e Islam, die im irakischen Kurdengebiet angeblich zusammen mit al-Qaida-Aktivisten einen blutigen Kampf zur Errichtung eines Gottesstaates führt.

Auch 5000 Kämpfer der Badr-Brigaden al-Hakims sollen von Iran aus bereits in den Nordirak eingedrungen sein - zum Leidwesen der Amerikaner, die den Einfluss Irans im Irak so gering wie möglich halten wollen. Den Kurden kommt dieser Vorstoß gelegen. Sie versprechen sich von den Exil-Irakern Hilfe gegen Saddam Husseins Truppen und Beistand gegen eine mögliche Invasion aus der Türkei.

Gegen die exil-irakische Schiitenkampftruppe aus Iran versucht Saddam Hussein laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die exil-iranische Organisation der Volksmudschahidin (MKO) in Stellung zu bringen. Saddam hat diese nach kurdischen Angaben jüngst aufgerüstet und aus dem Süden des Irak an die Grenze zum Kurdengebiet verfrachtet.

So bleibt die Strategie der Teheraner Religionsführer in ihren Zielen unscharf und in ihren Aktionen widersprüchlich. Obwohl das iranische Volk den Sturz Saddams bejubeln würde, scheint man sich derzeit vom Status quo am meisten zu versprechen. Jede neue Regierung in Bagdad könnte die Mullahs diplomatisch unter Druck setzen.

Zugleich will man es sich mit den Amerikanern nicht verscherzen. Die Hardliner in Teheran profitieren sogar von Falken in der US-Regierung. Im innenpolitischen Machtkampf können sie durch die amerikanische Verteuflung Irans die reaktionären Kräfte gegen die jungen Demokratiebestrebungen im Lande mobilisieren.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.