Getöteter Topgeneral Qasem Soleimani Das Phantom aus Teheran

Er war der mächtigste Stratege in Irans Kampf um den Nahen Osten, nun haben die USA Qasem Soleimani gezielt getötet. Die Führung in Teheran wird den Mord rächen - mit den Mitteln, die er ihr hinterlassen hat.
Iraner gedenken Qasem Soleimani nach dem Freitagsgebet

Iraner gedenken Qasem Soleimani nach dem Freitagsgebet

Foto: ABEDIN TAHERKENAREH/EPA-EFE/REX

Er liebte Überraschungen. Immer wieder in den vergangenen Jahren des Krieges in Syrien, dann gegen den "Islamischen Staat" im Irak, tauchte er plötzlich an den Frontlinien auf, ließ sich mit lokalen Kommandeuren fotografieren, ließ Städte angreifen, erobern von den Kämpfern seiner Streitmacht aus Hunderttausenden Irakern, Libanesen, Afghanen, Pakistanern, und verschwand wieder. Den "Selfie-General" nannten ihn manche, einen "Mann ohne Schatten" andere.

Offiziell war Qasem Soleimani Generalmajor der iranischen Revolutionswächter, der Pasdaran, und Befehlshaber der Quds-Brigaden, ihres Arms für Auslandseinsätze. De facto dürfte John Maguire, ein früherer CIA-Offizier im Irak, nicht übertrieben haben, als er ihn schon vor Jahren als "mächtigsten Akteur im Nahen Osten" charakterisierte - den in der westlichen Öffentlichkeit kaum jemand kannte.

Aber der über Jahrzehnte einen weltumspannenden Macht- und Militärapparat schuf. Er kontrollierte damit die politischen Geschicke im Libanon und im Irak, war aber auch in Venezuela und Westafrika präsent. Zusammengehalten wird dieses System vom schiitischen Glauben und Ajatollah Khomeinis Revolutionsideologie.

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Vergangene Nacht starb Soleimani im Raketenbeschuss einer amerikanischen Drohne auf dem Areal des Flughafens in Bagdad. Mit ihm starb Abu Mahdi al-Muhandis, einer der beiden mächtigsten irakischen Milizkommandeure und seit Jahrzehnten Teherans Mann in Bagdad.

Abu Mahdi al-Muhandis

Abu Mahdi al-Muhandis

Foto: Ahmad Al-Rubaye / AFP

Ob US-Präsident Donald Trump klar war, wen er da umbringen ließ? Vermutlich nicht, denn schon frühere Regierungen in Washington haben Soleimanis Tötung erwogen, aber nie gewagt.

Man kann Qasem Soleimanis Bedeutung kaum hoch genug einschätzen. Seit die Pasdaran in den Achtzigerjahren im libanesischen Bürgerkrieg die Hisbollah-Miliz finanziert, trainiert und zum Staat im Staate geformt hatten, an dem bis heute vorbei niemand regieren kann, war Soleimani stets dabei, wenn Teheran mit allen Mitteln seinen Einfluss vergrößern oder Bedrohungen abwenden wollte:

  • im Konflikt mit den Taliban in Afghanistan,
  • im Kampf um die Herrschaft im Irak nach der US-Invasion 2003,
  • im syrischen Krieg, der ohne die Zehntausenden von Soleimani entsandten Milizionäre schon früh für Baschar al-Assads Regime verloren gegangen wäre.

In den von WikiLeaks veröffentlichten Botschaftsdepeschen findet sich eine Mitteilung Soleimanis an General David Petraeus, als der 2008 Befehlshaber der US-Truppen im Irak war: "Sie sollten wissen, dass ich, Qasem Soleimani, die iranische Politik steuere, was den Irak, den Libanon, Gaza und Afghanistan betrifft." Nicht größenwahnsinnig, sondern ziemlich zutreffend.

Soleimani, der 61 oder 62 Jahre alt wurde, hatte lange vor anderen erkannt, dass die Ära klassischer Waffengänge zwischen den Armeen zweier Staaten vorbei, verloren war, wenn man die USA zum Gegner hatte.

Er war ein extrem junger Divisionskommandeur im Iran-Irak-Krieg in den Achtzigerjahren gewesen, hatte erlebt, wie seine vorgesetzten Generäle Welle um Welle kaum ausgebildeter Rekruten und Kindersoldaten ins gegnerische Maschinengewehrfeuer schickten. Etwa eine Million Iraner starben in dem achtjährigen Krieg gegen Saddam Husseins Truppen, der lange von den USA unterstützt wurde.

Soleimani wurde mehrfach ausgezeichnet für verwegene Operationen hinter den irakischen Linien, aber der Waffenstillstand 1988 war ein Fiasko angesichts der unzähligen Opfer.

Soleimani perfektionierte die asymmetrische Kriegsführung

1998 zum Kommandeur der Quds-Brigaden ernannt, hatte Soleimani fortan das perfekte Werkzeug, eine ganz andere Form des Krieges führen zu können. Lange bevor der Terminus der "asymmetrischen Kriegsführung" populär wurde, begann Soleimani mit der Perfektionierung seiner Bedeutung.

Die Quds-Brigaden waren schon 1979 von Khomeini persönlich ins Leben gerufen worden, um den Export seiner "Islamischen Revolution" voranzutreiben, die in Wirklichkeit vor allem eine schiitische Revolution war, gegen die sunnitische Mehrheitsfraktion der islamischen Welt, gegen Saudi-Arabiens Herrschaft über Mekka und die heilige Mitte des islamischen Kosmos.

Überall dort, wo Schiiten lebten, ließ Soleimani rekrutieren, schuf ein Netzwerk aus religiösen Seminaren, Stiftungen, um mit Glaubenseifer und Geld Gefolgsleute zu binden:

  • erst im Libanon,
  • nach 2003 im großen Stil im Irak,
  • spätestens 2006 in Afghanistan, in Pakistan.

Selbst die Finanzierung wurde zusehends unabhängiger von Iran: Soleimani hatte 2006 Nuri al-Maliki als Premier an die Macht im Irak gehievt, der revanchierte sich über die Jahre mit Milliardentransfers in Zeiten des boomenden Ölgeschäfts an die Pasdaran. Über die Hisbollah wiederum wurde die schiitische Diaspora vor allem von Libanesen in Venezuela, Brasilien, diversen Staaten Westafrikas eingespannt.

Es ging um Geld, aber auch um Terror: Amerikanische und argentinische Ermittler warfen der Hisbollah und den Pasdaran schon vor Jahren vor, hinter dem Anschlag auf die israelische Botschaft in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires 1992 zu stecken, bei der 29 Menschen starben.

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Soleimani konnte mit seiner Schattenarmee den Krieg in Syrien entscheiden

Doch bei aller Gegnerschaft zu den USA gab es drei Phasen, in denen Soleimani seinen Apparat durchaus mit Washington kooperieren ließ und es Chancen gegeben hätte, die eiserne Feindschaft aufzubrechen:

  • 2001, als Teheran und Washington die Taliban als gemeinsamen Feind hatten,
  • 2003 gegen Saddam Hussein im Irak,
  • und zuletzt bei der Rückeroberung des Westirak vom "Islamischen Staat".

Dass Soleimanis Schattenarmee selbst einen konventionellen Krieg entscheiden kann, zeigte er ab 2012 in Syrien: Dort rettete die Unterstützung aus Teheran das Überleben des Assad-Regimes. Erst kam die Hisbollah, dann Zehntausende schiitische Milizionäre aus dem Irak, aus Afghanistan lieferten die Pasdaran Treibstoff, Munition, selbst Flugzeugreifen aus eigener Produktion. Und als die Aufständischen trotzdem die Oberhand zu gewinnen schienen, reiste Soleimani im Sommer 2015 nach Moskau, kurz bevor Russland mit eigenen Truppen und Jet-Geschwadern in Syrien einrückte.

Stärke mit leiser Stimme

Soleimani gab keine Interviews, jedenfalls nicht westlichen Journalisten. Das brauchte er auch nicht. In Iran war er längst zum mythischen Popstar unter den Anhängern des Systems avanciert.

Der eher kleingewachsene Mann von 1,66 Metern war so mächtig geworden, sich sicher sein zu können, dass nach seinen Regeln gespielt werde. Er konnte mit leiser Stimme auftreten, als Markenzeichen seine äußerliche Bescheidenheit pflegen, und es wurde ihm noch als Stärke ausgelegt.

Augenzeugen seiner Treffen mit Iraks Spitzenpolitikern erzählten immer wieder von der Furcht in den Gesichtszügen der anderen, sobald er auftauchte. Auf einem der letzten bekannt gewordenen Treffen in Bagdad im vergangenen November, als er versuchte, das Kabinett und alle anderen entscheidenden Führungsfiguren auf einen Kurs der Härte gegen die eskalierenden Proteste im Land einzuschwören, wagte nur Ex-Premier Haider al-Abadi, ihm zu widersprechen.

Irans Machthaber werden den Tod von Soleimani rächen

Als höchste Ehre, die er sonst niemandem zuteilwerden ließ, pries Irans Revolutionsführer Ali Khamenei den ihm direkt unterstellten Soleimani schon früher als "lebenden Märtyrer der Revolution". Dass die USA es wagen würden, ihn nun wirklich zum Märtyrer zu machen, damit hätte niemand gerechnet.

Wohl nicht einmal Soleimani selbst, der Überraschungen so liebte. Einen schwereren Schlag hätten sie Irans wahren Machthabern kaum versetzen können. Die werden sich rächen. Und was Überraschungen angeht, hat Soleimani ihnen ein gigantisches Repertoire hinterlassen.