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Rekordschwimmerin in Iran Gegen die Strömung und das Regime

20 Kilometer im offenen Meer, in einem kiloschweren Ganzkörpergewand. Die Leistung von Elham Asghari ist beachtlich, doch die prüden Islamwächter in Iran wollen sie nicht anerkennen. Jetzt kämpft die junge Frau im Netz für ihre Rechte.

Teheran - "Manchmal fühle ich mich, als wäre ich ein Amphibium. Ich verbringe mindestens so viel Zeit im Wasser wie an Land." Diesen Satz hat Elham Asghari dem "Guardian" gesagt. Die junge Frau liebt das Schwimmen, so viel ist klar. Doch mit dem einfachen Bahnenziehen im Pool ist es für sie nicht getan. Die 32-Jährige zieht es aufs offene Meer, sie jagt Freiwasserrekorde. Ihr Problem: Asghari ist Iranerin und hat seit vergangenem Monat reichlich Ärger mit dem Regime in Teheran.

Am 11. Juni steigt Asghari am Strand von Nowshahr ins Kaspische Meer. Dabei trägt sie nicht etwa nur einen Badeanzug oder gar Bikini. Sie kennt die strengen Regeln ihres Landes genau und hat sich entsprechend gekleidet. Die sogenannte Hidschab verhüllt ihren Körper nahezu komplett. Asghari hat das Gewand für ihren Sport angepasst. Dass es sich trotzdem binnen Sekunden vollsaugt und bis zu drei Kilo Extragewicht bedeutet, hat sie einkalkuliert.

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Iranische Schwimmerin: Unter Wasser in voller Montur

Foto: youtube

Neun Stunden später entsteigt sie den Fluten - und bejubelt einen neuen Rekord. Die 20-Kilometer-Distanz hat sie in Bestzeit absolviert, trotz der bremsenden Verhüllung. Doch schon wenig später folgt die Ernüchterung. Die Offiziellen verweigern die Anerkennung ihrer Leistung. Ihr Argument: Als Asghari aus dem Wasser stieg, habe das nasse Gewand zu deutlich die weiblichen Formen erkennen lassen. Der Vizesportminister habe ihren Anzug als unpassend zurückgewiesen, heißt es.

"Obwohl ich mich streng an den islamischen Dresscode gehalten habe und Schwimm-Offizielle dabei waren, akzeptieren sie die Zeit nicht", sagte Asghari dem "Guardian".  Ihre Aktion hätten sieben Frauen bezeugt. Zudem habe sie sich bewusst einen reinen Frauen-Strand für den Rekordversuch ausgesucht, kein Mann sei in der Nähe gewesen.

Nun wehrt sie sich gegen die Ungerechtigkeit. Auf YouTube hat sie ein Video veröffentlicht, in dem sie das Regime in Teheran anklagt. "Mein 20-Kilometer-Rekord wird von Leuten angezweifelt, die selbst keine 20 Meter schwimmen können", sagt sie darin. Dazu sind Bilder vor Asghari zu sehen, unter Wasser mit Schwimmbrille und natürlich dem Hidschab.

"Das ist ein unglaublicher Vorgang"

Frauen dürfen in Iran zwar durchaus schwimmen gehen, allerdings nur geschlechtergetrennt. Sportschwimmerinnen können nur an ausgewählten Wettkämpfen teilnehmen. Freiwasserschwimmen, wie es Asghari betreibt, ist für die Offiziellen offenbar problematisch. Die Sportlerin beschreibt das Dilemma so: "Sie akzeptieren meinen Rekord nicht, weil sie sonst über kurz oder lang das Freiwasserschwimmen für Frauen freigeben müssten. Das ist ein unglaublicher Vorgang."

Das sehen viele Internetnutzer offenbar ähnlich. Der Clip wurde mehr als 70.000-mal angeklickt, auch auf Facebook formiert sich Unterstützung für Ashgari.

Doch beim iranischen Schwimmverband gibt man sich unnachgiebig. Das Schwimmen von Frauen im Meer widerspreche den Regeln des Sportministeriums, und es habe drei Jahre lang keine Wettkämpfe gegeben, zitiert die Nachrichtenagentur AFP aus einer Mitteilung.

Nun hofft Ashgari auf den neuen Präsidenten Hassan Rohani: "Unter seiner Führung dürfen die Leute keinen Platz mehr haben, die mir meinen Rekord verweigern. Schwimmen ist nicht nur für Männer da - wir Frauen können das auch ganz gut."

jok
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