Irans Raketenprogramm Der mysteriöse Spionagefall der Geparden-Beobachter

Iran hält seit eineinhalb Jahren acht Umweltschützer in Haft. Einer der Vorwürfe: Sie hätten "Korruption auf Erden gesät". In Wahrheit geht es wohl um das Raketenprogramm der Revolutionswächter.

Drei, zwei, eins - Abschuss: Irans Raketensystem in Aktion
Iranian Ministry of Defense/ AP

Drei, zwei, eins - Abschuss: Irans Raketensystem in Aktion


Seit über 550 Tagen sind in Iran acht Umweltschützer in Haft. Nun haben nach Informationen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch mindestens zwei von ihnen, Niloufar Bayani und Sepideh Kashani, einen Hungerstreik angetreten.

Den zwei Frauen drohen entsetzliche Strafen: Vier Umweltschützern wird vorgeworfen, "Korruption auf Erden gesät" zu haben, worauf die Todesstrafe steht; die anderen sind wegen "Spionage" oder "Verschwörung gegen die nationale Sicherheit" angeklagt, worauf langjährige Haftstrafen stehen.

Iran bezweifelt die wahre Identität der Umweltschützer

Alle acht sind Mitglieder der iranischen Umweltschutzgruppe "Persian Wildlife Heritage Foundation". Der Leiter der Gruppe, Kavous Seyed Emami, war ebenfalls verhaftet worden vor mehr als einem Jahr. Aber: Er starb bereits kurz darauf unter bis heute ungeklärten Umständen in Haft.

Kavous Seyed Emami, Leiter der Umweltschutzgruppe, starb bereits unter ungeklärten Umständen in Haft
REUTERS

Kavous Seyed Emami, Leiter der Umweltschutzgruppe, starb bereits unter ungeklärten Umständen in Haft

"Die Gruppe hatte mehrere Projekte zur Erhaltung der Natur in Zusammenarbeit mit der staatlichen Umweltabteilung, insbesondere zum asiatischen Gepard", sagt Tara Sepehri Far, Iran-Expertin von Human Rights Watch. Warum verfolgt Iran seine eigenen Naturschützer so brutal?

Sie wurden von Irans Elitetruppen im Januar 2018 festgesetzt, den Revolutionswächtern. Diese Einheit untersteht nicht dem Präsidenten Hassan Rohani, sondern direkt Revolutionsführer Ali Khamenei, dem mächtigsten Mann im Staat. Bei ihrer Verhaftung hieß es, die Umweltschützer hätten unter dem Vorwand von Naturbeobachtungen heimlich Irans Raketenprogramm ausspionieren wollen, das die Revolutionswächter betreiben. Dass die Umweltschützer sich lediglich für die Erhaltung der Natur einsetzten, wollte man offenbar nicht glauben.

"Warum ist der Gepard auf einmal so ein wichtiges Thema?", schrieb etwa Hossein Shariatmadari, Chefredakteur der konservativen Zeitung Kayhan, die als Sprachrohr der Hardliner gilt, anlässlich der Verhaftung der Umweltschützer. "Was ist die wahre Identität all dieser amerikanischen und europäischen Experten, die dafür nach Iran kommen?"

Einrichtung für Raketentests soll sich in der Nähe eines Nationalparks befinden

Die festgenommenen Umweltschützer sind alle Iraner. Doch manche von ihnen sind Doppelstaatsbürger. Unter den Festgenommenen ist Niloufar Bayani. Sie arbeitete zuvor unter anderem für das Uno-Umweltschutzprogramm, bevor sie in ihr Geburtsland zurückkehrte, um sich dort für Naturschutz einzusetzen.

Wahrscheinlich wurde den Umweltschützern tatsächlich der asiatische Gepard zum Verhängnis. Er steht auf der Roten Liste der stark gefährdeten Tierarten. Einst jagten die Tiere von Indien bis zur Arabischen Halbinsel. Nun ist Iran das letzte Land, in dem es überhaupt noch welche gibt, geschätzt rund 50, vor allem im Nationalpark Khar Turan.

Ausgerechnet in der Nähe dieses Nationalparks betreiben die Revolutionswächter etwas, das Experten für eine Testanlage für ziemlich fortschrittliche Raketen halten. Satellitenbilder zeigen, dass die Anlage in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut wurde. Ein deutscher Praktikant war dem geheimen Raketenprogramm auf die Spur gekommen. Offiziell schweigt sich Iran bisher darüber aus, was es auf dieser Anlage entwickelt - auch wenn es solche Raketen bauen dürfte.

Aus Sicht Teherans könnte man Irans Raketenprogramm als ziemlich erfolgreich bezeichnen. Das Land ist dadurch nun in der Lage, in der Region eine Bedrohungskulisse aufzubauen und die Kosten eines möglichen Angriffes auf Iran in die Höhe zu treiben.

Inhaftierte legten unter Druck Geständnisse ab

Auch deshalb rückt Irans Raketenprogramm derzeit wieder stärker in den Fokus. US-Präsident Donald Trump fordert einen neuen Vertrag mit Iran - nachdem er einseitig das bestehende, internationale Atomabkommen aufgekündigt hat. Der neue Vertrag solle, so Washington, neben dem Nuklearprogramm auch die Raketenforschung und die aggressive iranische Regionalpolitik mit einbeziehen. Doch dass es dazu kommen könne, halten Experten für unrealistisch: In der Vergangenheit hatte man sich absichtlich auf das Atomprogramm beschränkt, um einen detaillierten Vertrag mit umfassenden Kontrollen zu erreichen, anstatt einen breiteren, aber dafür auch verwässerten.

Dass den Umweltschützern derart drastische Vorwürfe gemacht werden, legt nahe, dass sie unfreiwillig in den Streit um Irans Raketenprogramm hineingeraten sind - und wohl der Paranoia der Revolutionswächter darüber zum Opfer fielen.

Obwohl sie bereits seit mehr als eineinhalb Jahren in Haft sind, wurden nach wie vor keinerlei Beweise gegen sie vorgebracht. "Mehreren Quellen zufolge beinhaltet die Anklageschrift lediglich Geständnisse, die nach Angaben der Verhafteten unter Druck abgelegt wurden", sagt Tara Sepehri Far. In iranischen Gefängnissen kommt es zu Folter. Die Menschenrechtsorganisation fordert daher ihre sofortige Freilassung.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, die mutmaßliche Testanlage der Revolutionswächter befinde sich im Nationalpark Khar Turan. Korrekt ist, dass sie sich in der Nähe des Parks befindet.

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pethof 10.08.2019
1. Der Verdacht der Iraner ist so abwegig nicht
So ist bekannt, dass 1949 die CIA eine angebliche Archäologengruppe organisierte, die die Überreste der Arche Noah am Berg Ararat, also im unmittelbarem Grenzgebiet zur damaligen Sowjetunion, aufzuspüren sollte. Die eigentliche Aufgabe dieser getarnten Truppe war jedoch Spionage. https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41757540.html Im Süden von Westberlin gruben die CIA 1954/56 einen Tunnel, der bis auf das Gebiet der DDR reichte, um Kabel anzuzapfen, über die der Fernsprechverkehr der "Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland" mit Moskau lief. https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Gold Die Phantasie der CIA zur Erbeutung von geheimen Informationen ist offensichtlich enorm. Warum sollte im Iran nicht der Artenschutz dazu missbraucht worden sein?
juba39 10.08.2019
2. Alles sehr merkwürdig
550 Tage in Haft, und heute wird man auf diesen Fakt aufmerksam? Warum kein großer internationaler Protest, wo alle Namen öffentlich werden? Und daß die Infomationen über ein Wildlife-Programm ausgerechnet von HRW, nicht von Greenpeace kommt, macht die Verwirrung perfekt. HRW ist ja nicht dafür bekannt, vorsichtig ausgedrückt, besondere Distanz zu Geheimdiensten zu haben. Eher spricht das lange Schweigen dafür, daß zumindest ein Teil der Gruppe im Geheimdienstauftrag unterwegs war. dafür spricht nämlich, daß genau das das Vorgehen der CIA ist. Mich zumindest würde da nichts wundern. Ein Tip noch. Einmal die Methoden des Mossad evaluieren, mit denen sie an so manches Geheimnis des Iran kamen.
freidenker! 10.08.2019
3. Natur- und Umweltschutz sind westliche Themen
Es geht nicht nur um die vorgebliche Raketenspionage. Der Natur- und Umweltschutz sind Themen die ihren Ursprung in den westlichen Demokratien haben. Die klerikale Priesterkaste, welche auf Kosten des Volkes lebt (das tun alle Priesterkasten schon seit je her), möchte grundsätzlich verhindern das westliche Wertvorstellungen über den Natur- und Umweltschutz sich in ihrem Herrschaftsbereich verbreiten. Die Aufgabe der islamisch-radikalen Revolutionswächter besteht darin, an den acht Umweltschützern ein Exempel zu statuieren. Kann gut sein, dass für die beiden Frauen schon bereits das Todesurteil vorgesehen ist und auch vollstreckt wird. Frauen sind in solchen Ländern einfach nichts wert, bestenfalls sind sie eine Handelsware. Und die Religionen stützen dies mit religiös-ideologischen Auslegungen ihrer heiligen Schriften. Die anderen wandern für viele Jahre ins Gefängnis, wer weiß wann sie da wieder rauskommen. Man muß aber auch leider sagen, dass der Westen - speziell die USA - schuld daran sind, dass im Iran eine religiöse Priesterkaste an die Macht gekommen ist. Das kommt davon wenn man Diktatoren über Jahrzehnte lang die Stange hält, siehe in der neueren Geschichte die Geschichte des Schah von Persien. Es dauert nicht mehr lange dann hat der Iran seine Atombombe, auch weil Trump den Vertrag mit dem Iran aufgekündigt hat. Er wird nämlich genau das Gegenteil erreichen. Die Sache mit den acht Umweltschützern sind ein Warnschuss des Iran und auch eine Trotzreaktion.
hzj 10.08.2019
4. Wenn es den Gefangenen wirklich nur um Geparden ging,
sind sie Opfer der Politik der USA, des Iran, Israels, der Saudis und aller anderen Beteiligten. Wenn sie jedoch Spione sind, haben sie sich ihr Schicksal selbst zuzuschreiben. Verwunderlich, dass die Story gerade jetzt öffentlich wird, wo die USA den Atomvertrag mit Iran gekündigt und eine neue Eskalation von Bedrohung und Gewalt in der Region begonnen haben.
Missgermanygermany 11.08.2019
5. Die Geparden müssen warten.
Diese sogenannten Naturschutzer waren mit Wildlife Kameras ausgestattet und hatten diese an militärisch wichtigen Stellen, weit verteilt aufgestellt. Es war ihnen damit möglich alle Bewegungen in dem Gebiet zu dokumentieren. Hauptsächlich möchten Israel und die USA die Koordinaten der iranischen Raketensilos erfahren. Der Iran verfügt nämlich über Raketensilos mit der Shahab 3 Rakete, die über das ganze Land verstreut, den Gegenschlag im Falle eines Angriffes durch Israel garantieren sollen. Israel und die USA müssen aufhören, die Iraner für dumm zu halten. Natürlich haben die Revolutionswächter sofort erkannt, worum es den sogenannten Gepardisten geht. Laufen Sie mal am Rammstein Airbase oder Spangdahlem, ausgestattet mit Kameras und Zoomobjektiven herum. Sie werden sich wundern wie unsanft das Militär reagieren kann.
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