Medienberichte Geheimdokumente legen Einfluss iranischer Führung auf den Irak offen

Iran baut seit Jahren seinen Einfluss im benachbarten Irak systematisch aus. Geheimdokumente, die der "New York Times" vorliegen, zeigen nun: Staatsspitze und Geheimdienste sind offenbar von Teheran infiltriert.

Qassem Soleimani, Chef der Eliteeinheit Kuds-Brigaden, und zuständig für Auslandsoperationen Irans
Office of the Iranian Supreme Leader/ AP

Qassem Soleimani, Chef der Eliteeinheit Kuds-Brigaden, und zuständig für Auslandsoperationen Irans


Rund 700 Seiten hat das Material das den US-Medien "The Intercept" und "New York Times" vorliegt - und große politische Sprengkraft: Durchgestochene iranische Geheimdienstdokumente belegen demnach den großen Einfluss des schiitischen Landes auf den benachbarten Irak und dessen Regierung.

Die Nachrichtenseiten veröffentlichten am Montag zeitgleich Artikel über die umfangreichen Dokumente, die 2014 und 2015 von iranischen Agenten aus dem Irak nach Teheran geschickt worden seien. "The Intercept" habe diese zugespielt bekommen und mit der "New York Times" geteilt. Die Echtheit der Dokumente sei überprüft worden, berichten beide Medien.

Die Papiere zeigen laut "New York Times", wie Iran begonnen hatte, seine Macht im Irak auszubauen, nach dem Sturz von Langzeitherrscher Saddam Hussein im Jahr 2003. Weiter zeigten sie, "wie Iran die USA bei jeder Gelegenheit im Wettbewerb um Einfluss ausmanövriert hat".

Iran baut seinen Einfluss im Irak seit Jahren aus

Dass Iran seinen Einfluss in der Region und im Irak seit Jahren ausbaut, ist schon länger offensichtlich. Bei den Parlamentswahlen im Mai 2018 schafften es - bei geringer Wahlbeteiligung - drei schiitische Parteien auf die ersten Plätze. Anders als bei den Sunniten sind die schiitischen Gläubigen meist streng hierarchisch organisiert, in Iran wird die Regierung von schiitischen Geistlichen kontrolliert. Die Mehrheit der irakischen Bevölkerung gehört der schiitischen Glaubensrichtung des Islam an.

Die Unterlagen, aus denen "The Intercept" und die "New York Times" zitieren, zeigen nun offenbar detailliert Teherans enge Kontakte bis in höchste politische Kreise des Iraks. So heißt es darin, der heutige Regierungschef Adel Abdel Mahdi habe eine "besondere Beziehung" zu Iran. Berichte zu Gesprächen hoher US-Diplomaten mit ihren irakischen Kollegen seien routinemäßig an die Iraner übermittelt worden, schreibt die "New York Times".

Irans Militär spielt dabei eine entscheidende Rolle. Im Irak, aber auch im Libanon und in Syrien bestimmen die Kuds-Brigaden von Qassem Soleimani, eine Eliteeinheit der iranischen Armee, zum Beispiel über die Besetzung von Botschafterposten. Nicht das Außenministerium entscheidet demnach, wer die diplomatischen Vertretungen führt - sondern die Kuds-Brigaden. Deren Berichte nach Teheran wurden direkt an den iranischen nationalen Sicherheitsrat übermittelt.

Zudem sei ein enger Berater des ehemaligen irakischen Parlamentspräsidenten ein Spion Irans gewesen. Die Iraner hätten auch einen früheren CIA-Spion angeworben, der nach dem Abzug der USA aus dem Irak 2011 arbeitslos geworden sei und Teheran Details aus seiner früheren Tätigkeit geschildert habe.

Iran und die USA konkurrieren im Irak um Einfluss. Die Spannungen in der Region haben stark zugenommen, seit US-Präsident Donald Trump das Atomabkommen mit Teheran aufgekündigt hatte.

Im Irak sind weiterhin US-Soldaten im Einsatz, die die Armee im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) unterstützen. Iran wiederum fördert im Irak einflussreiche schiitische Milizen, die unabhängig von der irakischen Regierung handeln und eng mit Teheran verbunden sind. Beobachter warnen, der Konflikt zwischen den USA und Iran könnte im Irak eskalieren.

Angespannt ist die Lage im Irak zudem, weil dort seit Wochen Demonstranten gegen die politische Führung und weit verbreitete Korruption auf die Straße gehen. Die Proteste in der Hauptstadt Bagdad und im mehrheitlich von Schiiten bewohnten Süden richten sich teilweise auch gegen Iran. Der Irak leidet zudem noch immer unter den Folgen des jahrelangen Kampfes gegen den IS.

cht/mes/dpa/AFP

insgesamt 20 Beiträge
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Atheist_Crusader 18.11.2019
1.
Ja wer hätt's gedacht, dass im mehrheitlich schiitischen Irak eine Demokratie vom ebenfalls schiitischen Iran unterwandert werden könnte? Jedenfalls nicht die Trottel die Saddam weggebombt haben, das ist mal sicher.
beckersheinz215 18.11.2019
2. Wissen Kenner seit Jahren
Daher war es auch dringend geboten von den USA, das Atomabkommen auszusetzen, mit dessen Devisen der Iran das alles finanziert. Übrigens haben die Mullahs heute das Internet abgeschaltet für die Iraner. So langsam sollte auch den etwas naiveren Mitbürgern klar werden, was vom Atomabkommen zu halten ist. Gibt ja genug Leute, die die Mullahs für die Guten halten und glauben, der durchs Abkommen erzielte Wirtschaftsaufschwung im Iran käme dem Volk zu Gute. Versickern tut die Kohle im iranischen Wirtschaftssystem, das von der Revolutionsgarde komplett infiltriert ist. Und die finanzieren damit Terror, Bürgerkriege und Aufrüstung gegen Israel.
kai Spaicher 18.11.2019
3. Nein, die Geistlichen kontrollieren die Regierung nicht!
Es gibt den "Wächterrat", der alle Gesetze stoppen kann. Aber auch der "kontrolliert" nicht.
brooklyner 18.11.2019
4.
Ja da schau her, und jetzt?
go-west 18.11.2019
5. Was wollen die Mullahs?
Sie können allenfalls Nadelstiche versetzen, die Mittel, ein nennenswerter außenpolitischer oder militärischer Machtfaktor zu werden haben sie nicht. Abgesehen davon, daß ihr Gesellschaftsmodell auf Junge Menschen wohl kaum Anziehungskraft ausüben dürfte, um es vornehm auszudrücken.
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