Wirbel um EU-Politikerin in Iran "Als ob sie auf eine Party wollte"

Beim Besuch in Teherans Regierungskreisen gelten für Frauen strenge Kleiderregeln. Das bereitet der niederländischen Liberalen Marietje Schaake jetzt Ärger. So mancher Hardliner fand ihr Outfit haarsträubend.

Umstrittenes Outfit: EU-Politikerin Schaake bei Irans Parlamentspräsident Ali Laridschani
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Umstrittenes Outfit: EU-Politikerin Schaake bei Irans Parlamentspräsident Ali Laridschani

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Mit offiziellen Empfängen ist das so eine Sache. Was soll man bloß anziehen? Besonders schwierig wird es als Frau beim Besuch in Iran. Die Kleidungsvorschriften des Landes sehen vor, dass Frauen ein Kopftuch tragen und ihren Körper verhüllen müssen.

Marietje Schaake, 36, holländische Abgeordnete im Europaparlament, war schon mehrmals in Iran zu Gast. Dieses Mal reiste sie als Teil einer Delegation von sieben EU-Parlamentariern auf Einladung iranischer Abgeordneter - und die Aufregung ist groß.

Bei ihrem Treffen mit Parlamentspräsident Ali Laridschani, 57, kleidete sich Schaake wie die vielen jungen, modebewussten Frauen auf Teherans Straßen: Leggins, weites Oberteil und eigenwillige Kopftuch-Kreation, aus der am Stirnansatz die Haarsträhnen hervorblitzen.

Die Etikette hat sie damit offiziell zwar gewahrt - doch bei Irans Erzkonservativen stieß sie auf wenig Verständnis.

"Als ob sie auf eine Party wollte", wetterte Mahdi Kouchakzadeh, ein bekannter Hardliner, über Schaakes Outfit. Nacken, Ohren, alles sichtbar. Leggins haben als vermeintlich "unislamische Beinkleidung" in Irans Parlament schon für hitzige Debatten gesorgt. Viele Iranerinnen tragen sie trotzdem. Manche widersetzen sich sogar der Kopftuch-Pflicht.

Ein europäischer "Karneval"

Bei dem aktuellen politischen Besuch allerdings geht ein solches Outfit gar nicht - finden zumindest manche Konservative im Land. "Weiß die Europaabgeordnete nicht zu unterscheiden zwischen einem Schlafanzug und Kleidung, die für einen offiziellen Anlass angemessen ist", schimpfte Kouchakzadeh. Der Auftritt sei eine "Missachtung von Menschenrechten und islamischen Werten". Kouchakzadeh kritisierte Irans Parlamentspräsidenten, ein solches vermeintliches "Verbrechen" zugelassen zu haben.

Die konservative Zeitung "Haft Sobh" brachte die EU-Parlamentarierin auf der Titelseite, unter der Überschrift "Schwierigkeiten mit der holländischen Dame".

Die Kontroverse zeigt, wie viel Misstrauen und Unverständnis zwischen Europas und Irans Politikern noch herrschen. Denn den iranischen Konservativen ging es um mehr als vermeintlich islamische Werte: Für sie war der Auftritt ein Symbol europäischer Arroganz und Respektlosigkeit gegenüber dem Gastland.

Kurzerhand bezeichneten manche Ordnungswächter die gesamte Delegation als europäischen "Karneval". Denn auch einer der Herren, der 65-jährige Österreicher Josef Weidenholzer, sorgte für Anstoß. Dieser hatte bei dem Treffen mit Laridschani einen Rucksack über der Schulter hängen, als ob es gleich zum Wandern ginge.

"Es gab auch viele freundliche Reaktionen"

"Viele Konservative haben meinen Kleidungsstil als respektlos und sogar 'unzivilisiert' bezeichnet", schrieb Marietje Schaake auf ihrem Blog. "Es gab aber auch viele freundliche Reaktionen, vor allem von Frauen in Iran, die sich wünschten, sie hätten die Freiheit, sich selbst auszusuchen, wie sie ihren Glauben ausdrücken und welche religiöse Kleidung sie tragen."

"Es wäre besser gewesen, wenn mich meine Kritiker direkt informiert hätten, als sie mit mir im selben Raum waren, anstatt dies hinterher über die Medien zu tun", schrieb Schaake weiter.

Die Kleidungsdebatte überschattete, worum es bei dem Besuch eigentlich ging: Europa und Iran wollen ihre Beziehungen verbessern. Bis Ende Juni soll es zu einer Einigung im Streit um Irans Atomprogramm kommen.



insgesamt 353 Beiträge
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Seite 1
EMU 09.06.2015
1.
[quote"Es wäre besser gewesen, wenn mich meine Kritiker direkt informiert hätten, als sie mit mir im selben Raum waren [...]"[/quote] Klar, während des Besuches gibt es natürlich nichts Wichtigeres zu besprechen, als wer was anhat. Deshalb trifft man sich ja schließlich, oder?
JanGosch 09.06.2015
2. Menschenrechte
Der Auftritt sei eine "Missachtung von Menschenrechten und islamischen Werten". Das so eine Aussage aus einem Land wie dem Iran kommt, in dem Menschenrechte gar nichts wert sind, ist schon mehr als erstaunlich.
crewmitglied27 09.06.2015
3. Versteh´ ich nicht.
Wo ist das Problem, wenn sich einen Holländerin kleidet wie eine Holländerin. Wenn eine Französin sich wie eine Französin kleidet oder eine Britin wie Britinnen es nunmal tun, regt sich auch niemand auf. Wenn sich in Deutschland jemand darüber aufregt, das Musliminnen eine Burka tragen, wird derjenige auch in die Ecke gestellt. Das Problem ist nie die Kleidung sondern immer die intolerante Gesinnung.
dasdondel 09.06.2015
4. Ergebnisse ?
Bitte berichten Sie doch über die Ergebnisse des Treffens. Was die Leute dort an Kleidung trugen interessiert mich nicht.
humorrid 09.06.2015
5. discussion on women, clothing & respect?
Aus anderen Gründen, aber ich finde das Outfit geschmacklos, grauenvoll und somit respektlos. Wenn man lässig nach dem Aufstehen noch schnell Brötchen hollt, ist so eine Aufmachung noch ok, aber wenn man einer Einladung folgt, sollte man sich doch mehr Mühe geben. Und was sollen diese zwei Taschen, ich weiß es kling nach einer Nörgelei, aber wollte die Marietje noch Kartoffeln kaufen?
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