Iranische Presse "Es gibt kein Zurück mehr"

Irans Presse kommentiert die angebliche Entwicklung im Atomprogramm des Landes überwiegend positiv. Man habe mit dem Einsatz einer großen Anzahl von Zentrifugen zur Urangewinnung einen Punkt erreicht, von dem aus es kein Zurück mehr gebe.

Von Bahman Nirumand


Berlin - Die Regierungszeitung "Iran" schreibt, die Nachricht über die Ankunft Irans im Club der Atommächte sei sowohl von Freunden als auch von Feinden als ein Durchbruch im iranischen Atomprogramm aufgenommen worden. Alle Experten seien der Meinung, dass Iran die letzten technischen Hürden überwunden und endlich einen Punkt erreicht habe, von dem es "keine Rückkehr mehr gibt". Die Fähigkeit zur Herstellung des nuklearen Brennstoffs, die Iran innerhalb eines Jahres erlangt habe, zeige, wie groß die Fähigkeiten iranischer Wissenschaftler seien und wie sehr sie von ihrem Ziel überzeugt seien.

Der Hinweis des Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad darauf, dass seine Regierung entschlossen sei, innerhalb einer festgelegten Zeit 1000 Megawatt Strom zu produzieren und der Umstand, dass er sich bereit gezeigt habe, allen Regierungen, die zu Verhandlungen bereit seien, die Hand zu reichen, bestätige eindeutig die Kooperationsbereitschaft der iranischen Regierung und ihre Absicht, die Atomenergie nur zu friedlichen Zwecken zu nutzen.

Die Teilnahme von 50 Botschaftern und Vertretern blockfreier Staaten an den Feierlichkeiten zum "nationalen Atomtag" könne als deren Einverständnis mit der Fortsetzung des iranischen Atomprogramms gedeutet werden.

Der Vorwurf Ahmadinedschads, bestimmte Mächte zwängen durch ihr widerrechtliches Handeln Iran, sein bisheriges Festhalten an internationale Vereinbarungen zu überprüfen, sei eine klare, ultimative Absage an den Westen gewesen. Dass Iran die letzte Phase seines Atomprogramms erreicht habe, zeige abermals die Wirkungslosigkeit von Sanktionen und bestätige, dass man mit Gewalt nichts erreichen könne.

Die konservative Tageszeitung "Kayhan" kommentiert: "Gestern hat Iran in seinem Atomprogramm einen Punkt erreicht, von dem es kein Zurück mehr gibt. Nun ist Iran eine Atommacht und dies ist eine Realität, die künftig bei allen Überlegungen, die im Bezug auf die Sicherheit der Region angestellt werden, berücksichtigt werden muss." Iran könne jetzt, nachdem das Land alle technischen Schwierigkeiten überwunden habe, je nach Bedarf seine Ziele frei festlegen. "Hier ist das Ende des Weges erreicht. Was noch bleibt ist der politische Wille … Sollte Iran Bedrohungen ausgesetzt werden", stehe es ihm frei, entsprechende Ziele zu wählen.

Die Botschaft des Staatspräsidenten hätten eine deutliche Botschaft an den Westen enthalten: "Der Weg, den ihr geht, ist ein Irrweg. Wir versuchen seit Monaten dem Westen klar zu machen, dass wir unser Atomprogramm unter allen Umständen fortsetzen werden. Und sollte der Sicherheitsrat weiterhin Sanktionen beschließen, werden wir unsre Zusammenarbeit mit der Internationalen Atombehörde immer mehr einschränken."

Diese "Doppelstrategie" mache das iranische Atomprogramm für den Westen zunehmend unsichtbarer. Als der Sicherheitsrat vor wenigen Monaten Sanktionen gegen Iran beschloss, habe Iran die Installierung von 3000 Zentrifugen angekündigt und wenige Tage nach der letzten Resolution des Sicherheitsrats erklärte Iran in den Club der Atommächte angekommen zu sein. "Unser Weg ist klar. Wir halten immer mehr technische Möglichkeiten in der Hand und schließen immer mehr die Faust. Von nun an wird der Westen immer wieder auf einen neuen Schock aus Teheran warten müssen. Sicher haben wir keinen Einfluss auf den Weltsicherheitsrat und können Sanktionsbeschlüsse nicht verhindern. Aber umso freier können wir unser Atomprogramm gestalten und auf jeden Beschluss des Sicherheitsrats mit entsprechender Härte reagieren."

"Was wir dem Westen zu sagen haben, ist dies: Wenn ihr eueren eigenen Weg gehen wollt, gehen wir unseren eigenen Weg. Dabei werden wir, solange wir noch keinen sicheren Punkt erreicht haben, euch nicht erlauben, uns in die Karten zu schauen."

Die liberale Internetzeitung "Rooz" stellt fest, dass Ahmadinedschad mit der Behauptung, Iran habe die Fähigkeit zu Herstellung des atomaren Brennstoffs erreicht, nur darauf abziele, die Massen in Iran für seine Ziele zu mobilisieren. Denn in seinen Äußerungen habe jeder Hinweis auf die konkrete Zahl der installierten Zentrifugen gefehlt. Dies sei aber die entscheidende Frage gewesen.

Die Installierung von 3000 Zentrifugen sollte schon im Februar zum Jahrestag der Revolution bekannt gegeben werden. Doch dies konnte wegen technischer Fehler nicht geschehen. Auf Befehl des Staatspräsidenten wurde die Arbeit fortgesetzt. Es sei nicht klar, ob die Fehler inzwischen behoben seien, schreibt die Zeitung. Auf der anderen Seite habe die einstimmig verabschiedete Resolution des Uno-Sicherheitsrats gezeigt, dass Iran international bereits isoliert sei und die Gefahr eines amerikanischen Militärangriffs zunehme.

Genau aus diesem Grund seien auch die britischen Marinesoldaten ohne Gegenleistung freigelassen worden und vielleicht habe der Staatspräsident aus demselben Grund zusätzliche Provokationen vermieden und keine detaillierte Angaben über den Stand des Atomprogramms und die Zahl der Zentrifugen gemacht.



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