Golfstaaten im Irankonflikt Horrorszenario an der Straße von Hormus

Die Krise am Persischen Golf erinnert Experten an die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Besonders in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar wächst die Sorge vor einer Eskalation im Konflikt mit Iran.

Katars Küstenwache: Die arabischen Golfstaaten haben kein Interesse an einem Krieg gegen Iran
KARIM JAAFAR/AFP

Katars Küstenwache: Die arabischen Golfstaaten haben kein Interesse an einem Krieg gegen Iran

Von und


Die International Crisis Group (ICG) ist alarmiert. Der unabhängige Thinktank hat diese Woche eine Studie veröffentlicht, die vor einem "1914-Moment" warnt. Die Pattsituation am Persischen Golf zwischen Iran und dem Westen erinnere an die Spannungen in Europa vor dem Ersten Weltkrieg. Ein Fehler könne erst den Nahen Osten und dann weitere Regionen der Welt in Konfliktzonen verwandeln.

Im Falle einer militärischen Eskalation hätten die kleinen, reichen Golfstaaten auf der Arabischen Halbinsel, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), am meisten zu verlieren. Ihre Volkswirtschaften sind darauf angewiesen, dass der Seeweg durch die Straße von Hormus und der Luftraum über dem Persischen Golf offen bleiben.

Katar richtet in drei Jahren die Fußball-WM aus - ein Prestigeprojekt, das für den Zwergstaat größte wirtschaftliche und politische Bedeutung hat. Ein Krieg gegen Iran könnte die Austragung des Turniers gefährden. Schon allein deshalb hat die Staatsführung kein Interesse an einer Eskalation des Konflikts.

Katar - der pragmatische Partner

Katar hat zudem von allen Golfmonarchien die besten Beziehungen zu Iran. Anders als Saudi-Arabien und die VAE hatte das Herrscherhaus in Doha das Atomabkommen mit Teheran (JCPOA) ausdrücklich begrüßt. Auch nachdem die USA den Deal im vergangenen Jahr einseitig aufgekündigt hatten, appellierte Katar an die anderen Vertragspartner, das Abkommen zu achten.

Katar und Iran kooperieren auch wirtschaftlich. Gemeinsam beuten sie das South-Pars-Gasfeld unter dem Persischen Golf aus, das größte bisher entdeckte Gasfeld der Welt. Bei der Gasförderung müssen sich beide Seiten genau absprechen, um die Stabilität des unterirdischen Feldes nicht zu gefährden. Zudem haben katarische Staatsunternehmen seit 2014 den Iranern geholfen, ihre Gas- und Ölindustrie zu modernisieren.

Das gute Verhältnis zwischen Doha und Teheran ist einer der Gründe für die Katar-Blockade, die Saudi-Arabien und die VAE im Sommer 2017 verhängten. Anders als es die mit Iran verfeindeten Herrscherhäuser in Riad und Abu Dhabi darstellen, ist Katar jedoch weit davon entfernt, ein Verbündeter des Landes zu sein. Das Verhältnis ist eher von Pragmatismus geprägt.

Katars Regierung sieht die Sabotageangriffe auf Handelsschiffe und die Festsetzung eines britischen Tankers in der Straße von Hormus durch Iran als Gefahr für die eigenen wirtschaftlichen Interessen. Erst Mitte Juli eröffnete das Emirat eine neue Basis der Küstenwache. Die soll dazu beitragen, die Hoheitsgewässer des Landes im Persischen Golf künftig besser zu schützen. Demonstrativ hatte Doha zu der Eröffnungszeremonie auch Vizeadmiral Jim Malloy eingeladen, Kommandeur der US-Marine im Nahen Osten.

Die Vereinigten Arabischen Emirate - Kehrtwende in Zeitlupe

Auch die VAE hätten im Kriegsfall viel zu verlieren: Die Emirate locken Touristen und Studenten aus aller Welt an den Golf. Motorsportfans können sich am Yas Marina Circuit seit zehn Jahren den Großen Preis von Abu Dhabi anschauen, Kunstliebhaber im spektakulären Louvre-Museum teure Gemälde bestaunen, junge Akademiker studieren in Dependancen renommierter Hochschulen wie der Pariser Sorbonne und der New York University.

Abu Dhabi, das größte der insgesamt sieben Emirate der VAE, betreibt aber auch eine aggressive Außenpolitik. In den vergangenen Jahren hat Mohammed bin Zayed, Kronprinz von Abu Dhabi und heimlicher Herrscher der VAE, Milliarden ausgegeben, um seine Streitkräfte aufzurüsten und seine Form der Realpolitik durchzusetzen:

  • Die VAE und Katar unterstützen Kampfverbände im libyschen Bürgerkrieg und im Konflikt um die Macht im Sudan.
  • Zudem sind die VAE gemeinsam mit Saudi-Arabien die treibende Kraft hinter der seit mehr als zwei Jahren anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Blockade des Nachbaremirats Katar.
  • Bis vor wenigen Wochen hatten die VAE auch eigene Truppen im Jemen stationiert, wo sie an der Seite Saudi-Arabiens gegen die schiitische Huthi-Miliz kämpften, die von Iran unterstützt wird.

Zwar lassen die VAE weiter sudanesische Söldner im Jemen kämpfen, aber der Teilabzug aus dem Bürgerkriegsland ist ein erstes Anzeichen dafür, dass die Entscheidungsträger in den Emiraten den teuren Konflikt mit Iran dort nicht weiter führen wollen - anders als die von den Vereinigten Staaten massiv unterstützte Herrscherfamilie in Riad.

Diese neue Taktik wurde bereits im Frühjahr deutlich, nach den ersten, ungeklärten Attacken auf Tankerschiffe im Golf:

  • Saudi-Arabien machte dafür Iran verantwortlich, die VAE sprach nur vage von einem "staatlichen Akteur".
  • In dieser Woche haben die Emirate zudem eine Delegation nach Iran geschickt, um über die Sicherheit in der Straße von Hormus zu sprechen. Es war das erste Treffen dieser Art nach sechs Jahren.

Abu Dhabi, so scheint es, vollzieht aus Angst vor dem Horrorszenario in der Straße von Hormus gegenwärtig eine strategische 180-Grad-Kehrtwende, wenn auch in Zeitlupe. Und nähert sich damit der Haltung Katars an: Ein Krieg mit Iran soll unbedingt verhindert werden.

insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pfaffenwinkel 02.08.2019
1. Bei einem Krieg mit Iran
würde es nur Verlierer geben. Ich glaube, die Vernunft wird siegen. Bis auf diesen unberechenbaren Trump, der diese Situation herauf beschworen hat.
cup01 02.08.2019
2. Dafür muss man kein Experte sein
Bricht ein Krieg aus, dann wird niemand auf Fußball, Museen oder Motorsport Rücksicht nehmen. Es gilt daher zu verhindern, dass es soweit kommt. Diplomatie und Entschärfung der Situation ist oberstes Gebot. Genau das muss Europa tun und sich von Trump abgrenzen. Niemand will einen Konflikt, also müssen alle das Richtige tun.
Derwatt 02.08.2019
3. Clickbaiting, mal wieder.
Zitat: Die International Crisis Group (ICG) ist alarmiert. Der unabhängige Thinktank hat diese Woche eine Studie veröffentlicht, die vor einem "1914-Moment" warnt. Die Pattsituation am Persischen Golf zwischen Iran und dem Westen erinnere an die Spannungen in Europa vor dem Ersten Weltkrieg - Zitatende. Den Beleg für die Behauptung, dass die Situation mit der von 1914 vergleichbar ist - in welcher Hinsicht überhaupt? - bleibt der Beitrag schuldig.
iasi 02.08.2019
4. Kurz gesagt: Die kleinen Staaten, die eh nichts zu gewinnen hätten,
wollen keinen Krieg. Anders sieht es aber eben mit Saudi Arabien aus - den Saudis geht es um die Vormacht in der Region und zumindest die Eindämmung des Iran. Und: Wie Israel wollen sie mit absoluter Sicherheit verhindern, dass der Iran in den Besitz von Nuklearwaffen kommt. Das befristete Hinhalteabkommen, auf dem sich die Europäer die nächsten Jahre ausruhen wollten, genügt ihnen nicht. Denn das Abkommen war doch nur die übliche herausschiebende Aussitztaktik ala Merkel.
draco2007 02.08.2019
5.
Zitat von Pfaffenwinkelwürde es nur Verlierer geben. Ich glaube, die Vernunft wird siegen. Bis auf diesen unberechenbaren Trump, der diese Situation herauf beschworen hat.
Würde ich auch gerne glauben, aber es gibt in diesem Spiel keine Vernünftigen Weder Trump, noch Bolton, noch Pompeo noch die Mullahs, noch Bibi, noch die Saudis, noch BoJo Alle Beteiligten sind für Vernunft nicht empfänglich... Gerade Bolton arbeitet sicher an einer Strategie, wie er den Iran dazu bekommt den ersten Schuss abzugeben.... Bomben will er schon lange regnen lassen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.