Hilferuf aus Syrien Britische Dschihadisten wollen nach Hause

Eine Gruppe britischer Dschihadisten in Syrien hat einen Hilferuf in die Heimat gesendet. Die Männer sind desillusioniert und zermürbt von den Kämpfen. Laut "Times" wollen sie nur eins: zurück in die Heimat.
Trainingslager für Dschihadisten: Junge Männer bereiten sich in Nordsyrien auf Kämpfe vor

Trainingslager für Dschihadisten: Junge Männer bereiten sich in Nordsyrien auf Kämpfe vor

Foto: MIGUEL MEDINA/ AFP

London - Die ersten europäischen Dschihadisten haben offenbar genug vom Kämpfen in Syrien und im Irak. Ein Brite hat über soziale Medien die Experten vom Internationalen Zentrum für Forschung zu Radikalisierung und Politischer Gewalt (ICSR) in London kontaktiert. Das berichtet  die britische Zeitung "Times". Er wolle aussteigen aus dem Dschihad und mit ihm noch weitere 30 Briten, behauptete er. Seinen Namen möchte er nicht öffentlich genannt wissen.

Die jungen Männer, fast alle Anfang 20, seien desillusioniert vom Dschihad und zunehmend verzweifelt, sagte er den Forschern. "Wir sind gekommen, um das syrische Regime zu bekämpfen", sagte er. Stattdessen seien sie hauptsächlich in zermürbende Kämpfe mit rivalisierenden Rebellengruppen verwickelt. "Dafür sind wir nicht nach Syrien gegangen."

"Zurzeit sind wir gezwungen, weiterzumachen. Welche Optionen haben wir denn?", ließ der britische Dschihadist die Forscher wissen. Tatsächlich befinden sie sich in einer schwierigen Lage. Er und seine Kameraden haben sich strafbar gemacht, indem sie einer Terrororganisation beigetreten sind. Alle kämpfen in einer Gruppe, die mit der radikalen Miliz "Islamischer Staat" verbündet ist. Ihnen drohen bei einer Rückkehr nach Großbritannien lange Haftstrafen.

Von den Radikalismus-Forschern erhoffte sich der britische Dschihadist nun Vermittlerhilfe. Er und seine 30 Mitstreiter würden in ihre Heimat zurückkehren, wenn sie Amnestie erhalten würden, heißt es. Sie seien bereit, an Entradikalisierungsprogrammen teilzunehmen und sich überwachen zu lassen, wenn sie so Gefängnisstrafen entgehen könnten.

Viele Heimkehrer sind desillusioniert

Großbritannien konnte in der Vergangenheit mit Entradikalisierungsprogrammen schon Erfolge erzielen. So sind mehrere Londonder Radikalisierungsforscher selbst Ex-Dschihadis. Aussteigerprogramme können aber auch fehlschlagen: Saudi-Arabiens bekanntester vermeintlicher Ex-Dschihadist hat sich nun in Syrien wieder den Extremisten angeschlossen.

"Die Syrien-Reisenden sind keine homogene Gruppe", schreiben  die Radikalismus-Forscher vom ICSR. Ihre Motivationen seien sehr unterschiedlich. "Manche von ihnen werden eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen. Manche werden sich auch dem internationalen Terrorismus zuwenden." Diese müsse man streng bestrafen. Aber die Mehrheit gehöre nicht zu diesen beiden Gruppen, und für diese müsse man auch andere Ansätze finden.

Erfahrungen mit früheren britischen Dschihad-Heimkehrern zeigten, dass lediglich einer von neun weiter terroristische Absichten verfolgte. Der Rest sei nach dem Kämpfen im Ausland desillusioniert und hätten dem Radikalismus den Rücken gekehrt.

Aus Großbritannien sind mehr als 500 Menschen nach Syrien gegangen, um zu kämpfen. Knapp die Hälfte ist inzwischen zurückgekehrt. Rund 40 stehen vor Gericht. Insgesamt werden einige Tausend Europäer in Syrien und im Irak vermutet, die meisten von ihnen aus Frankreich, Belgien und Großbritannien. Auch etwa 400 Deutsche sind nach Syrien gegangen, darunter rund 20 Ex-Bundeswehrsoldaten.

Die Westler werden als Kanonenfutter eingesetzt

Syrien ist für europäische Radikale ein beliebtes Ziel. Auf sozialen Netzwerken bewarben es westliche Islamisten als einen "Fünf-Sterne-Dschihad": Im Vergleich zu früheren Dschihad-Zielen wie Afghanistan oder Somalia ist Syrien leicht erreichbar, und die jungen Westler können dort verhältnismäßig bequem leben.

Einmal vor Ort, entscheiden sich dann allerdings nur die wenigsten Zugereisten, tatsächlich zu kämpfen. Die Realität ist oft komplett anders, als sie es sich in ihren Dschihad-Abenteuerträumen ausgemalt haben. Wer eigentlich in Syrien gegen Baschar al-Assad in die Schlacht ziehen wollte, wird nicht selten als Selbstmordattentäter im Irak gegen andere Milizen vorgeschickt.

Die Miliz "Islamischer Staat" hat wenig Interesse daran, schlecht ausgebildete Westler auszurüsten und kämpfen zu lassen. Stattdessen werden sie als "Kanonenfutter" eingesetzt. Vor Kurzem hatte sich auch ein deutscher Konvertit in die Luft gesprengt.

Zudem treibe die europäischen Dschihadisten auch eine Glaubensfrage um, berichten die Radikalismus-Forscher: Könnten sie denn überhaupt als Märtyrer ins Paradies kommen, wenn sie im Kampf gegen andere Rebellengruppen oder Dschihadisten sterben statt im Kampf gegen Baschar al-Assad?

Der Kontakt zwischen dem britischen Dschihadisten und den Radikalismusforschern in London könnten nun ein erstes Anzeichen sein, dass es offenbar inzwischen aussteigewillige Kämpfer gibt.

vek/ras
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