IS im Nordirak Die verschwundenen Frauen

Hunderte, womöglich sogar Tausende Frauen und Mädchen sind in der Gewalt von IS-Extremisten. Die Radikalen zwingen sie, zum Islam überzutreten und Kämpfer zu heiraten. Aus Verzweiflung sollen manche sich bereits umgebracht haben.
Irakische Frau aus Sinjar: Womöglich Tausende in der Gewalt des IS?

Irakische Frau aus Sinjar: Womöglich Tausende in der Gewalt des IS?

Foto: YOUSSEF BOUDLAL/ REUTERS

Amsche versuchte noch zu fliehen, doch sie war mit ihren Kindern nicht schnell genug. Mit ihren fünf- und siebenjährigen Töchtern und ihrem neunjährigen Sohn wurde die 35-Jährige am Rande ihres Heimatdorfs Hattin im Nordirak von Kämpfern der radikalen Miliz "Islamischer Staat" (IS) eingeholt. Seit dem 3. August ist sie in Geiselhaft der Extremisten.

Wie viele irakische Frauen und Kinder in der Gewalt von IS-Kämpfern sind, weiß keiner so genau, es könnten sogar Tausende sein. Einigen wie Amsche gelingt es, regelmäßig ihren Angehörigen ein Lebenszeichen zukommen zu lassen, berichtet  die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Diese Nachrichten geben erschreckende Einblicke in das Schicksal der Verschwundenen.

Die meisten Frauen und Kinder dienen dem IS als Geiseln, mit denen er Zugeständnisse erpressen will. Auch in Syrien hält die Miliz Hunderte Frauen und Kinder in ihrer Gewalt. Besonders gefährdet sind junge Frauen und ältere Mädchen. Die Dschihadisten setzen sie unter Druck, zum Islam zu konvertieren und dann einen der Kämpfer zu heiraten.

Weigern sie sich, droht man ihnen, sie als Sklavinnen zu verkaufen. Auch Amsches 16-jährige Nichte muss mit diesem Schicksal rechnen. Aus Verzweiflung sollen manche Mädchen in Gefangenschaft sich bereits umgebracht haben, berichtet Amnesty International.

Amsche und ihre Kinder wurden nach ihrer missglückten Flucht zusammen mit anderen Angehörigen von den Entführern erst ins 80 Kilometer entfernte Mossul getrieben - stundenlange Märsche bei Temperaturen um die 40 Grad - und im Badusch-Zentralgefängnis eingesperrt.

Rund 2000 Menschen sollen auf stickige, überfüllte Zellen verteilt gewesen sein. Die Männer und älteren Jungen hatten die IS-Kämpfer noch im Heimatdorf von den Frauen und Kindern getrennt.

Die Geiseln werden aufgeteilt

Nach ein paar Tagen wurden Amsche und ihre Kinder weitergejagt ins 50 Kilometer entfernte Tal Afar. Auch dort wurden sie wieder zusammen mit Hunderten anderen Frauen und Kindern eingesperrt, manche von ihnen sind Jesiden wie Amsche, andere schiitische Turkmenen und Mitglieder anderer irakischer Minderheiten.

In der Schule wurden die Geiseln aufgeteilt: Die älteren Frauen, Babys und Jungen blieben. Die Mädchen wurden fortgebracht - Amsches fünf- und siebenjährige Töchter sowie ihre drei Nichten zwischen neun und 16 Jahren.

Amsche und ihr Sohn werden noch immer in der Schule von Tal Afar gefangen gehalten wie Hunderte andere. Ihre Töchter und Nichten wurden inzwischen freigelassen - bis auf Amsches älteste Nichte, die 16-jährige Chaula. Von ihr fehlt jede Spur.

Mancher ausländische Dschihadist erhofft sich eine "Sklavin"

Wie viele Mädchen möglicherweise bereits zwangsverheiratet oder gar verkauft wurden, ist unbekannt. Vor wenigen Tagen sorgte eine Meldung der Organisation "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" für Aufsehen. Demnach seien rund 300 jesidische Frauen aus dem Irak von den Dschihadisten nach Syrien gebracht worden in die von dem IS kontrollierten Gebiete. Fast zehn Prozent von ihnen, 27 Mädchen, seien an Kämpfer verkauft worden.

Nach Gutdünken suchen sich die Dschihadisten Sätze aus dem Koran heraus, um ihr Tun zu rechtfertigen. Für sie sind Mädchen keine Menschen, sondern "Götzenanbeterinnen", vermeintlich Irrgläubige, denen sie ohne Mitgefühl begegnen.

Berichte von Dschihadisten auf sozialen Netzwerken lassen in ihre menschenverachtende Gedankenwelt blicken. Ein Franzose, von dem die rechtskonservative, auf den Nahen Osten spezialisierte Organisation Memri glaubt, dass er sich den Dschihadisten angeschlossen hat, schreibt auf seiner Facebook-Seite: "Eine jesidische Sklavin kostet in Mossul 350 Dollar, wenn ihr wollt. Sie sind sie alle in einem Raum und heulen. Eine von ihnen hat sich umgebracht."

Unter seinem Eintrag haben mehrere französische Radikale Fragen hinterlassen. Sie haken nach, was "Sklavinnen" genau seien und was man mit ihnen machen dürfe. "Was ist, wenn sie keinen Sex mit dir haben wollen?", fragt einer. "Eine Frau, die bei dir wohnt und dich nicht will, gibt irgendwann nach", antwortet der Dschihadist. Außerdem hätten die Entführten Angst vor den Kämpfern. Ihnen bleibe nichts anderes übrig.

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