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Syrien: Das Trauma des Krieges

Foto: BASSAM KHABIEH/ REUTERS

Syrische Kriegsopfer Im Bann der Gewalt

Viele Syrer haben unvorstellbare Brutalität erlebt. Die Erfahrungen können über Generationen hinweg wirken und die Kinder der Opfer radikalisieren. Eine deutsche Ärztin behandelt in Berlin die seelischen Verletzungen der Flüchtlinge.

Die meisten Kriege kommen irgendwann auch bei Mechthild Wenk-Ansohn in Berlin-Moabit an. Bosnien, Tschetschenien, Afghanistan, nun sind es die Syrer, die sich bei ihr melden. Die 61-jährige Ärztin und Psychotherapeutin leitet die ambulante Abteilung des Behandlungszentrums für Folteropfer in Berlin, wo Flüchtlinge auch in einer Tagesklinik behandelt werden können.

Auf dem weitläufigen Gelände ist es so ruhig, dass man Vögel zwitschern hören kann mitten in der Stadt. Doch dort zwischen den roten Backsteingebäuden ist für die Ärztin Syriens Bürgerkrieg mittlerweile so präsent, dass ihr Bevölkerungsgruppen und Ortsnamen des Landes so mühelos über die Lippen kommen als handele es sich um Brandenburg und Bayern.

Zur Person

Die 61-jährige Mechthild Wenk-Ansohn leitet die ambulante Abteilung des Behandlungszentrums für Folteropfer in Berlin. Die Ärztin und Psychotherapeutin arbeitet bereits seit rund 20 Jahren mit traumatisierten Flüchtlingen.

"Unsere Patienten kommen meist nach der Flucht bei uns noch relativ funktionsfähig an, und wenn sie dann in Berlin zur Ruhe kommen, folgt bei vielen der Einbruch", sagt sie. "Manche weinen und schreien, andere sind wie abgestumpft."

Trotz der Schrecken, die Wenk-Ansohn täglich hört, hat sie sich eine natürliche Fröhlichkeit bewahrt. Manche Patienten seien nach kurzer Zeit schon wieder "fit wie ein Turnschuh", erzählt sie. "Die meisten aber erholen sich nur sehr langsam, besonders wenn sie noch nicht wissen, ob sie in Deutschland bleiben können - oder sie von Ängsten um in Syrien verbliebene Angehörige gequält sind."

Seit dreieinhalb Jahren herrschen in Syrien Aufstand, Repression, Bürgerkrieg. Nun rücken auch noch radikale Milizen wie der "Islamische Staat" (IS) vor. Ein Besuch bei Wenk-Ansohn hilft zu erahnen, was der Krieg mit den Menschen macht und wie er manche von ihnen zu Monstern werden lässt.

"Beim ersten Schuss zittert noch die Hand"

"Wenn irgendwo Krieg herrscht, gibt es immer eine Gewöhnung an die Gewalt, eine Auflösung der gesellschaftlichen Regeln", sagt Mechthild Wenk-Ansohn. "Beim ersten Schuss zittert dem Heckenschützen noch die Hand am Abzug, beim nächsten nicht mehr."

Ihre Patienten sind alle Zivilisten. Gerade sie haben in Bürgerkriegen am meisten zu leiden. Die Flüchtlinge haben Grauenvolles erlebt - Todesangst, Folter, Vergewaltigungen. Die Bilder lassen sie nicht mehr los. Selbst in Berlin haben sie das Grauen regelmäßig vor Augen in Flashbacks und Albträumen. Immer wieder schauen sich die Syrer die Schreckensbilder auf ihren Handys an und im Internet neue Videos aus ihrer Heimat.

"Die meisten können sich nicht trennen", sagt Mechthild Wenk-Ansohn. Die Ärztin erklärt ihren Patienten, welche Wirkung die grauenvollen Fotos auf sie haben. Abends sollten sie lieber einen kleinen Spaziergang machen, anstatt bis zum Schlafengehen die Nachrichten anzuschauen, empfiehlt sie. In Einzelsitzungen helfen Therapeuten, Sozialarbeiter und Ärzte den traumatisierten Flüchtlingen.

Ständig kreisen ihre Gedanken um die Heimat und die Zurückgebliebenen - diejenigen, die nicht das Geld hatten, um rechtzeitig zu flüchten oder die Schlepper nach Europa zu bezahlen. Die Geflohenen werden von Schuldgefühlen geplagt.

"Ich habe keine Worte mehr für die Verbrechen in Syrien"

Die Ärztin kann wegen ihrer Schweigepflicht nicht in Details beschreiben, was ihre Patienten durchgemacht haben. Einblicke in syrische Leidensgeschichten geben seit Jahrzehnten Berichte von Menschenrechtsorganisationen - Syrien war schon vor dem Krieg für systematische Folter berüchtigt. Auch die Uno hat seit 2011 über 3200 Syrer interviewt und Zeugenaussagen veröffentlicht:

"Soldaten kamen in das Haus, wo ich mit meinen Eltern und Schwestern wohnte. Sie fanden ein Arzneimittelversteck in der Nähe. Ich hörte ihren Befehlshaber sagen: 'Bringt ihn um'. "

"Wir haben den einen Wärter 'Hammer' genannt, weil er die Häftlinge immer mit einem Hammer schlug."

"Wir wussten, dass die Bombardierungen weitergehen würden. Ich erinnere mich daran, wie ich hilflos auf der Straße stand und zusah, wie die Leute weinend davonliefen, mit einer Mischung aus Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit im Gesicht."

"Sie haben ihn verhaftet und verprügelt wegen seines Posts auf Facebook."

Nur noch wenige Syrer sind vom Krieg bisher verschont geblieben, heißt es im Uno-Bericht vom September. Viele sind mehrmals Opfer von Misshandlungen geworden - erst durch die Regierung, dann auch durch regierungsfeindliche Milizen und den IS.

Trotz der extremen Gewalt der Islamisten sei die Regierung von Diktator Baschar al-Assad noch immer verantwortlich für die meisten zivilen Opfer, sagte Paulo Sérgio Pinheiro, der Leiter der Uno-Menschenrechtskommission für Syrien. "Täglich ermordet und verstümmelt die Regierung reihenweite Zivilisten."

"Erniedrigung verlangt nach Rache"

Millionen Menschenleben hat der Krieg in den vergangenen dreieinhalb Jahren zerrüttet. Eltern konnten ihre Kinder nicht mehr beschützen, sie waren hilflos. Väter wurden vor den Augen ihrer Söhne gedemütigt, Mütter und Schwestern vergewaltigt.

"Die Erwachsenen, die das erlebt haben, sind selbst oft zerstört", sagt Mechthild Wenk-Ansohn. "Die nächste Generation, die Kinder, waren oft Zeugen der Demütigung ihrer Eltern. Sie sind besonders gefährdet und überkompensieren gern." Manche kümmern sich überfürsorglich um die Eltern, andere engagieren sich als Helfer, wieder andere aber radikalisieren sich - besonders, wenn der Schrecken nicht mehr aufhört.

Wenk-Ansohns Patienten erzählen ihr oft, was sie von ihren Angehörigen in Syrien hören, denjenigen, die der Hölle nicht entkommen können. Sie klagen, dass ihnen ihre Söhne entgleiten, dass sie sich radikalisieren. "Erniedrigung verlangt nach Rache", sagt die Ärztin.

Wem es gelingt, Syrien zu verlassen, für den ist der Horror noch nicht vorbei. Die Flüchtlinge in Berlin berichten von ihrer dramatischen Flucht übers Mittelmeer oder über Land bis nach Berlin. Einer Patientin gingen bei der dichtgedrängten Überfahrt zwei ihrer vier Kinder über Bord. Noch immer ist sie überzeugt, ihre zwei ertrunkenen Kinder eines Tages lebend wiederzufinden.

"Manche Flüchtlinge haben eine Kette von Ereignissen erlebt - Haft, Kriegserfahrungen, dann die Flucht. Diese ganze Kette aufzuarbeiten, das wird erst später gehen - in ein, zwei Jahren, wenn sie gesettled sind", sagt Mechthild Wenk-Ansohn.

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