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Kampf gegen den IS Mord an britischer Geisel setzt Cameron unter Zugzwang

Erst zwei Amerikaner, nun ein Brite: Die Enthauptung der Geisel David Haines durch IS-Terroristen setzt den britischen Premier Cameron unter Druck. Eine Intervention der Royal Air Force scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Eine britische Intervention im Irak rückt näher. Nachdem die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) am Samstag ein Enthauptungsvideo der ersten britischen Geisel ins Internet gestellt hatte, reagierten Politiker in London mit scharfen Worten. Premierminister David Cameron verurteilte den Mord als "Akt des reinen Bösen". "Sie sind keine Muslime, sie sind Monster", sagte er über die Terrorkämpfer des IS. Oppositionsführer Ed Miliband sprach von einer "barbarischen Tat".

"Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, diese Mörder zu finden und ihrer gerechten Strafe zuzuführen, egal wie lange es dauert", sagte Cameron. Der Regierungschef brach sein Wochenende vorzeitig ab und beriet sich am Sonntag mit dem nationalen Krisenstab "Cobra".

Der Mord an dem zweifachen Familienvater David Haines, 44, könnte den entscheidenden Anstoß für ein britisches Eingreifen in den Konflikt geben. Bislang hat Großbritannien sich nicht an den Luftschlägen der USA gegen IS-Kämpfer beteiligt. Cameron bereitet die Öffentlichkeit jedoch seit Wochen auf einen neuerlichen Waffengang im Irak vor.

In dem zweieinhalbminütigen IS-Video wird Cameron direkt herausgefordert. "Eure Allianz des Bösen mit Amerika … wird eure Zerstörung nur beschleunigen. Die Rolle des gehorsamen Schoßhündchens wird dich, Cameron, und dein Volk in einen weiteren blutigen und nicht gewinnbaren Krieg hineinziehen", sagt der schwarzmaskierte Täter.

Am Ende des Videos wird eine weitere britische Geisel, Alan Henning, als nächstes mögliches Opfer vorgeführt. Der Schotte Haines ist nach den beiden amerikanischen Journalisten James Foley und Steven Sotloff die dritte westliche Geisel, die von den Dschihadisten geköpft wurde. Der Ex-Soldat war als Sicherheitsberater für die französische Hilfsorganisation Acted tätig und vor 19 Monaten im Norden Syriens entführt worden. Der IS hat noch einen dritten Briten und zwei weitere Amerikaner in seiner Gewalt.

Der Täter ist offenbar erneut "Jihadi John"

Das britische Außenministerium hält das Video für echt. Bei dem Täter handelt es sich offenbar erneut um den britischen IS-Kämpfer mit dem Spitznamen "Jihadi John".

Cameron hatte bislang gezögert, in den Konflikt einzugreifen. Die Erinnerung an das Syrien-Debakel vor einem Jahr ist noch frisch. Damals hatte das Unterhaus ihm die Zustimmung zu Luftschlägen gegen das Assad-Regime verweigert. Eine solche Niederlage will der Premier nicht noch einmal erleben. Er hat das Parlament jedoch bereits vorgewarnt, dass er notfalls Luftschläge gegen den IS auch ohne explizite Zustimmung der Abgeordneten anordnen werde, wenn die nationale Sicherheit dies gebiete.

Cameron hat die Rhetorik in den vergangenen Wochen verschärft. Zunächst hatte er vor "reflexhaften Reaktionen" auf die Grausamkeiten des IS gewarnt. Später klang er wie Tony Blair, als er den Kampf gegen die Dschihadisten zum "Generationenkampf" erklärte. Großbritannien unterstützt bereits die Kurden im Nordirak mit militärischer Ausrüstung. Die Empörung über Haines' Ermordung könnte Cameron nun dazu bringen, die Royal Air Force an die Seite der Amerikaner zu beordern.

Der frühere Chef der britischen Armee, Lord Dannatt, sagte "Sky News", Großbritannien dürfe sich vor dem IS nicht wegducken, sondern müsse ihn "zerstören". Man brauche allerdings eine vernünftige Strategie, die Regionalmächte wie Saudi-Arabien und Jordanien einbinde.

Widerstand im Unterhaus

Im Unterhaus gibt es noch erheblichen Widerstand. Der außenpolitische Sprecher der Labour-Fraktion, Douglas Alexander, sagte "Sky News", der Kampf gegen den IS sei vor allem Aufgabe der irakischen Regierung und der Nachbarn.

Auf die Unterstützung der britischen Öffentlichkeit hingegen scheint Cameron diesmal zählen zu können. Anders als im Fall Syrien vor einem Jahr hält eine Mehrheit der Briten die Luftschläge gegen den IS für richtig und würde auch eine britische Beteiligung mittragen. Laut dem gut vernetzten Hauptstadtjournalisten James Forsyth will die Regierung jedoch ein militärisches Engagement vor dem schottischen Referendum am 18. September vermeiden, um die kriegsmüden Schotten nicht zu verschrecken.

Die USA bombardieren seit dem 8. August die IS-Stellungen. Vergangene Woche hatte US-Präsident Barack Obama die Ziele erheblich ausgeweitet. Es geht nicht mehr nur um den Schutz der Kurden und US-Amerikaner in Arbil, sondern auch um den Schutz irakischer Infrastruktur. Die Hilfe der Briten wäre hochwillkommen.

Das britische Militär plant unterdessen eine verstärkte Präsenz im Nahen Osten, wie die "Times" diese Woche berichtete. Die Generäle wollten drei Militärstützpunkte in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Oman und Bahrain als Basis für zusätzliche Schiffe und Truppen nutzen. Die Verstärkung sei schon vor dem Auftauchen des IS geplant gewesen, erscheine dem Verteidigungsministerium nun aber umso dringlicher.