Irans Luftangriffe im Irak IS-Propaganda hetzt gegen "Allianz der Abtrünnigen"

Erstmals seit 25 Jahren hat Iran Bombenangriffe im Irak geflogen - mit Billigung der Regierung in Bagdad. Der Terrororganisation "Islamischer Staat" hilft das bei ihrer Propaganda: Die radikalen Sunniten können sich als Opfer der Schiiten darstellen.
Iranischer Kampfjet F-4 Phantom (Archiv): Angriff in der Provinz Dijala

Iranischer Kampfjet F-4 Phantom (Archiv): Angriff in der Provinz Dijala

Foto: EBRAHIM NOROUZI/ AFP

Der Jet kreist, geht in den Sturzflug, dann klinkt die Bombe aus und schlägt Sekunden später ein. Ein Kamerateam des Nachrichtensenders Al Jazeera hat die Szene Ende November in der irakischen Provinz Dijala festgehalten. Die Journalisten hielten das Flugzeug für einen Jet der irakischen Streitkräfte.

Doch auf den Bildern aus Dijala ist eine McDonnell Douglas F-4 Phantom II zu sehen. Die Aufnahmen zeigen einen der ersten Luftangriffe des iranischen Militärs auf Einrichtungen der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) im Irak. Iraks Luftwaffe hat keine F-4 Phantoms - Irans Armee schon. Die USA hatten in den Siebzigerjahren diese Flugzeugen geliefert, als in Teheran noch der mit dem Westen verbündete Schah herrschte. Zumindest einen Teil der Luftflotte hat Irans Militär über die Zeit retten können.

"Wir haben Hinweise darauf, dass die Iraner in den vergangenen Tagen tatsächlich Luftangriffe mit F-4-Phantom-Jets geflogen haben", sagte Pentagon-Sprecher John Kirby. Die Regierung in Teheran wollte dies offiziell weder bestätigen noch dementieren. "Die iranische Strategie hat sich nicht geändert", sagte Außenamtssprecherin Marsieh Afcham. Ein namentlich nicht genannter Sicherheitsbeamter aus Teheran sagte der Nachrichtenagentur Reuters allerdings: "Iran war nie in Luftangriffe gegen den IS im Irak involviert."

Doch angesichts der Fernsehbilder aus Dijala ist das nur eine Schutzbehauptung. Klar ist: Zum ersten Mal seit Ende des Iran-Irak-Kriegs 1988 hat Teherans Luftwaffe damit Ziele im Ausland bombardiert. Doch während Iran damals Krieg gegen den Irak geführt hatte, erfolgen die Luftschläge nun mit ausdrücklicher Billigung aus Bagdad. "Der Irak braucht die Hilfe all seiner Freunde", sagte ein Sprecher von Ministerpräsident Haider al-Abadi. Bereits vor einigen Monaten schickte Teheran mehrere Bomber vom Typ Suchoi Su-25 nach Bagdad. Vermutlich werden diese Jets bei ihrem Einsatz gegen den IS auch von iranischen Piloten geflogen, eine offizielle Bestätigung dafür gibt es jedoch nicht.

Im Sommer zeigte sich Irans Top-General Qassem Suleimani im Irak. Der Kommandeur der Kuds-Brigaden, der Elitetruppe der iranischen Revolutionswächter, leitete eine Gegenoffensive, die den IS nördlich von Bagdad zurückdrängte.

Doch dem IS kommt das starke Engagement Irans im Irak propagandistisch gelegen. Die Dschihadisten präsentieren sich selbst nämlich als Vorkämpfer für die Sunniten im Nahen Osten. Die sunnitischen Extremisten halten die Schiiten für Häretiker, die vom wahren Islam abgefallen seien. Deshalb haben sie das schiitische Regime in Iran, die von Schiiten dominierte Regierung im Irak und die alawitische Diktatur in Syrien zu ihren Todfeinden erklärt.

Luftangriffe könnten dem IS noch mehr Anhänger zutreiben

Die iranischen Luftangriffe auf von Sunniten bewohnte Städte im Irak fügen sich in die IS-Ideologie von einem Krieg der Sunniten gegen die Schiiten. Die Terrormiliz hat auch deshalb so viele irakische Sunniten hinter sich scharen können, weil diese sich seit dem Sturz des sunnitischen Diktators Saddam Hussein von der Zentralregierung in Bagdad vernachlässigt fühlen. Die iranischen Luftangriffe könnten dem IS weitere Anhänger bringen.

Die Dschihadisten schlachten die iranischen Bombenangriffe bereits für ihre Propaganda aus. Die Schiiten seien "die Esel, auf denen die Feinde reiten", heißt es in einem Video, das der IS im Internet verbreitet. Die Sunniten müssten sich dieser "Allianz der Kreuzzügler und Abtrünnigen" entgegenstellen, heißt es weiter.

Aber dieses Bündnis gibt es nicht. Zwar bombardieren sowohl amerikanische als auch iranische Jets den IS. Doch beide Regierungen dementieren energisch, dass sie ihre Angriffe koordinieren. Es hat die USA einige Mühen gekostet, die arabischen Golfstaaten davon zu überzeugen, der Anti-IS-Koalition beizutreten.

In dem Bündnis gegen den IS, das sich am Mittwoch im Brüssel trifft, um weitere Schritte zu beraten, spielt Saudi-Arabien eine wichtige Rolle. Das Königreich ist nicht nur Erzfeind der Iraner in der Golfregion, laut Umfragen hegt auch eine Mehrheit der Saudi-Araber Sympathien für den IS. Daher wäre es für das Königshaus in Riad gegenüber seinen Untertanen kaum zu rechtfertigen, wenn es sich mit Teheran gegen die sunnitischen Extremisten im Irak verbünden sollte.

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