Verhandlungen mit dem IS Die unfreiwillige Top-Terroristin

Jordanien denkt über einen Tauschhandel mit dem "Islamischen Staat" nach. Das Königreich will die Radikalislamistin Sajida al-Rishawi nach neun Jahren Haft freilassen - aber nur unter zwei Bedingungen.

Sajida al-Rishawi vor Gericht 2006: Die gescheiterte Terroristin wurde überraschend zum Faustpfand zwischen Jordanien und dem "Islamischen Staat"
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Sajida al-Rishawi vor Gericht 2006: Die gescheiterte Terroristin wurde überraschend zum Faustpfand zwischen Jordanien und dem "Islamischen Staat"


Sajida al-Rishawi ist eine gescheiterte Terroristin, denn sie ist noch am Leben. Eigentlich sollte sie sich 2005 in Amman in die Luft sprengen im Auftrag der irakischen Qaida. Doch Rishawi konnte ihren Sprengstoffgürtel nicht zünden, sie flüchtete. Jordanische Sicherheitskräfte nahmen sie fest.

Nun, nach neun Jahren Haft, steht Rishawi auf einmal im Mittelpunkt eines Gefangenenaustausches. Das jordanische Königshaus hat eingewilligt, Rishawi freizulassen und an den IS auszuliefern - unter zwei Bedingungen.

Die Dschihadisten sollen im Gegenzug den japanischen Journalisten Kenji Goto und den jordanischen Kampfjet-Piloten Muaz al-Kasaesbeh freilassen. Der Pilot war an Heiligabend über der syrischen Stadt Rakka abgestürzt und vom IS gefangen genommen worden. Die Dschihadisten behaupten, sein Flugzeug abgeschossen zu haben.

Von dem jordanischen Piloten gibt es seit seiner Festnahme allerdings kein Lebenszeichen. Der IS hatte zuletzt nur den japanischen Journalisten mit einer Videobotschaft präsentiert.

Amman forderte am Donnerstagnachmittag, dass der IS erst einmal beweist, dass der Pilot überhaupt noch lebt, bevor weiter verhandelt wird.

Für das jordanische Königshaus ist es ein guter Deal

Für Jordanien und Japan wäre der Gefangenentausch ein günstiger Deal. Denn dem jordanischen Königshaus ist die 46-jährige irakische Rishawi ziemlich egal. Dagegen fiebert das ganze Land mit dem Schicksal des Piloten mit.

Der charismatische Muaz al-Kasaesbeh entstammt einem einflussreichen Familienclan. Sein Vater hat in den vergangenen Wochen große öffentliche Unterstützung zusammengetrommelt.

Warum interessiert sich der IS plötzlich für eine unbedeutende, gescheiterte Terroristin?

  • Opportunismus: Ursprünglich hatte der IS überhaupt nicht die Freilassung von Rishawi gefordert, sondern 200 Millionen Dollar, eine absurd hohe Summe. Jordanien und Japan waren nicht bereit, darauf einzugehen. Also passte der IS seine Forderungen an. Ein solcher Kurswechsel ist typisch für den IS. 2014 waren mehrere europäische Regierungen einen Deal mit dem IS eingegangen und kauften ihre Staatsbürger für mehrere Millionen Euro frei. Großbritannien und die USA lehnten dies für ihre Geiseln strikt ab. Als der IS begriff, dass er von London und Washington nichts bekommen würde, steuerte er um: Die britischen und amerikanischen Geiseln wurden umgebracht und in Propagandavideos zur Schau gestellt.

  • Anerkennung: Anders als die bisherigen Geiselverhandlungen finden die aktuellen unter großer internationaler Aufmerksamkeit statt. Allein das kann der IS bereits als Erfolg darstellen. Die Organisation will als Staat gelten, doch bisher fehlt ihr dafür die internationale Anerkennung. Nun hat ein anderes Land öffentlich den IS als Gesprächspartner anerkannt.

  • Dschihad-Symbolpolitik: Rishawi war Mitglied der irakischen Qaida, der Vorläuferorganisation des IS. Ihr Bruder war die rechte Hand des legendären Abu Musab al-Zarqawi. Zarqawi hatte mit Qaida-Chef Osama Bin Laden in Afghanistan gekämpft, den Qaida-Ableger im Irak gegründet und in seiner Heimat Jordanien Terroranschläge verübt - unter anderem die Anschlagsserie von Amman 2005, bei der Rishawi überlebte. Die neue IS-Führung hofft, dass der vermeintliche Dschihad-Glanz Zarqawis nun auf den IS abstrahlt.

Ob es tatsächlich zu einer Einigung zwischen dem IS und Jordanien kommt, ist noch fraglich. Der IS hatte seine ursprüngliche Frist um 24 Stunden verschoben und gefordert, dass Rishawi am Donnerstagabend zum Zeitpunkt des Sonnenuntergangsgebets dem IS an der türkisch-syrischen Grenze übergeben werde.

Doch Amman wird diese Frist nicht einhalten. Rishawi sei noch immer im Gefängnis in Jordanien, sagte am Donnerstagnachmittag ein Sprecher der jordanischen Regierung.

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