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Kampf um Kobane Syrische Kurden fordern panzerbrechende Waffen

Mit einem eindringlichen Appell haben sich syrische Kurden an die internationale Gemeinschaft gewandt. Die Kämpfer fordern schwere Waffen im Kampf gegen die Terrormiliz IS. Augenzeugen berichten von vielen Verletzten in Kobane.

Suruc - Kurdische Kämpfer beschreiben die Lage in Kobane als dramatisch. "Die Situation ist schlechter, als die Menschen denken", sagte ein Mitglied der Volksschutzeinheiten bei einem Aufenthalt an der Grenze zur Türkei. Die syrisch-kurdische Stadt ist seit Anfang der Woche von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) eingekesselt. "Viele sind ernsthaft verletzt und noch immer drinnen. Es war nicht möglich, sie rauszubringen. IS ist sogar noch näher gekommen." Der Kämpfer wollte nicht namentlich genannt werden.

Die syrischen Kurden bitten die internationale Gemeinschaft eindringlich um schwere Waffen zur Verteidigung der Stadt. "Jeder sagt 'wir stehen Euch bei'", sagte der Co-Präsident der syrischen Kurden-Partei PYD, Salih Muslim, der türkischen Zeitung "Hürriyet Daily News". Kein Land aber mache konkrete Schritte. "Wir wollen panzerbrechende Waffen."

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Schlacht gegen IS: Hoffnung für Kobane

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Muslim forderte von der Türkei einen Korridor für Kämpfer der Volksschutzeinheiten (YPG), die in Enklaven östlich und westlich von Kobane einsatzbereit seien. "Unsere bewaffneten Kämpfer in Afrin und Cizre warten darauf, sich den Kämpfern in Kobane anzuschließen. Aber wir müssen türkisches Territorium nutzen, um diese Kämpfer nach Kobane zu bringen."

Derzeit konzentrierten sich die Kämpfe auf den Osten der Stadt, berichtete ein kurdischer Aktivist namens Farhad al-Schami in Kobane der dpa per Telefon. "IS-Kämpfer haben eine groß angelegte Offensive begonnen, um den gesamten Bezirk Kani Araban unter ihre Kontrolle zu bringen", sagte er. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und die kurdische Nachrichtenseite "Welati" meldeten dagegen, kurdische Kämpfer hätten den Vormarsch der Dschihadisten gebremst und sie an den östlichen Stadtrand zurückgedrängt.

Allerdings seien IS-Kämpfer weiterhin in der Stadt. Die von den USA geführte Militärallianz flog am Mittwoch sechs Luftangriffe gegen den IS. Ein hochrangiger Behördenvertreter des Bezirks, Idris Nassan, sagte am Mittwoch: Der Beschuss und das Bombardement seien sehr wirkungsvoll gewesen. "Das ist ihr größter Rückzug, seit sie in die Stadt eingedrungen sind", sagte Nassan und zeigte sich äußerst optimistisch. "Wir können davon ausgehen, dass das der Beginn ihres Rückzuges aus der Region ist."

Am Nachmittag sprengte sich ein Selbstmordattentäter des IS in Kobane in die Luft. Die Dschihadisten teilten mit, der Mann sei mit einem sprengstoffbeladenen Fahrzeug in einen YPG-Stützpunkt gerast und habe viele Kurden getötet. Die Gegenseite behauptet, der Sprengsatz sei detoniert, bevor der Attentäter sein Ziel erreichte.

Die strategisch wichtige Stadt an der Grenze zur Türkei, die auf Arabisch Ain al-Arab heißt, ist seit Wochen stark umkämpft. Trotz heftiger Gegenwehr kurdischer Milizen und internationaler Luftangriffe drangen die IS-Dschihadisten am Montag erstmals in die Stadt ein.

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Der kurdische Aktivist und Journalist Mustafa Ebdi berichtete am Mittwoch bei Facebook, die Straßen des Maktala-Viertels im Südosten Kobanes seien "voller Leichen" von IS-Kämpfern. Er warnte, die humanitäre Lage für die Hunderten in der Stadt verbliebenen Zivilisten sei sehr schwierig. Ein Krankenwagenfahrer berichtete, es stünden zu wenig Wagen zu Verfügung. "Es kommen mehr und mehr Verwundete an der Grenze an."

ler/syd/AFP/dpa