Geflüchtete Kurden auf dem Rückweg nach Syrien Aus der Hölle, in die Hölle

Gerade erst haben sich unzählige syrische Kurden in die Türkei gerettet, jetzt wollen viele zurück in die Heimat und sich in den Kampf gegen den "Islamischen Staat" stürzen. Ihr neuer Mut hat zwei Gründe: die PKK und die US-Luftwaffe.
Geflüchtete Kurden auf dem Rückweg nach Syrien: Aus der Hölle, in die Hölle

Geflüchtete Kurden auf dem Rückweg nach Syrien: Aus der Hölle, in die Hölle

Foto: Burhan Ozbilici/ AP/dpa

Der Grenzübergang Mürsitpinar ist in Aufruhr. Etwa hundert Männer diskutieren mit den türkischen Soldaten. Die verweigern ihnen die Ausreise. Hinter den mit Pistolen und Gewehren bewaffneten Grenzschützern steht ein Wasserwerfer, aus einem gepanzerten Transporter holen Uniformierte Kartuschen mit Tränengas.

Verkehrte Welt: Die Männer wollen von der Türkei nach Syrien - nicht umgekehrt. Nicht wie mindestens 150.000 Menschen seit vergangenem Freitag, die aus der syrischen Stadt Ain al-Arab in die Türkei, in die Provinz Sanliurfia geflüchtet sind.

Die Männer sind syrische Kurden, sie gehörten zum Flüchtlingsstrom der vergangenen Tage. Aber jetzt haben sie Mut gefasst, jetzt wollen sie kämpfen, gegen die Milizen des "Islamischen Staats" (IS), vor denen sie vor ein paar Tagen noch weggelaufen sind. Doch nun ist die Grenze dicht, wieder einmal. Aber dieses Mal in die andere Richtung.

Serhat, ein 27-jähriger Mann mit braunem, seitengescheiteltem Haar, Star-Wars-T-Shirt, Jeans und Turnschuhen, grinst. "Wir machen die jetzt fertig", sagt er. Er meint den IS. Die türkischen Soldaten brüllen sie an, sie sollten zurückgehen, hier gebe es keine Möglichkeit, nach Syrien zu kommen. Unbedingt will Ankara verhindern, dass PKK-Kämpfer nach Syrien gelangen. Die Männer brüllen zurück, es ist ein Durcheinander auf Türkisch, Kurmandschi und Arabisch.

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Serhat sagt, er werde so lange warten, bis er vorbeidürfe. Auch er ist erst am Samstag in die Türkei geflüchtet, zusammen mit seinen Eltern und zwei Schwestern. Seine Familie will in einem Flüchtlingscamp in Sanliurfa ausharren, bis die Lage in ihrer Heimatstadt Ain al-Arab sich entspannt hat. Er selbst aber will schon jetzt zurück und kämpfen.

Eine halbe Stunde später schiebt ein Soldat das Gitter beiseite, das zwischen Reihen von Stacheldraht steht, und lässt die Männer doch noch passieren. Jeder einzelne wird abgetastet, niemand soll Waffen dabei haben. Die meisten tragen nur Plastiktüten mit Wäsche bei sich. Wo und wie sie bewaffnet werden, wissen sie selbst noch nicht, sagen sie.

"Ich will nur mein eigenes Volk verteidigen"

Hunderte, vermutlich Tausende Kurden kehren allein am Dienstag zurück nach Syrien. "Wir folgen dem Aufruf der PKK", sagt Fatah, 29, ein Kioskbesitzer aus Ain al-Arab. "Sie haben alle Kurden aufgefordert, sich gegen den IS zu wehren." Er betont, er wolle nicht kampfeslustig klingen, ihm liege nichts daran, zur Waffe zu greifen. "Ich will nur mein eigenes Volk verteidigen. Die Islamisten wollen uns ausrotten."

Auftrieb erhält die in der Türkei, in der EU und in den USA als Terrororganisation eingestufte PKK auch durch den Politiker Selahattin Demirtas. Als Präsidentschaftskandidat seiner kurdischen Partei HDP versuchte er im Sommer noch, jede Nähe zur PKK zu vermeiden. Jetzt fordert er eine Aufrüstung der PKK im Kampf gegen den IS. Die Türkei solle dabei helfen.

Ein zweiter Grund für den neuen Mut der Kurden sind die US-Luftschläge, in am frühen Dienstagmorgen begonnen haben. Sie sind sich einig, dass die militärische Hilfe aus dem Westen viel zu spät kommt, drei Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs in Syrien. Aber immerhin bestehe jetzt die Hoffnung, Ain al-Arab verteidigen zu können mit Unterstützung der USA. Ob diese auch die vom IS eroberten Dörfer um die Stadt herum bombardieren, weiß aber niemand.

Tränengas im Stadtzentrum

Ein paar Stunden später, inzwischen ist Nachmittag, wird der Grenzübergang wieder geschlossen. Hunderte Menschen können vorerst nicht zurück nach Syrien - die Spannung wächst. Im Ortskern von Suruc demonstrieren die Menschen, die Polizei fährt Wasserwerfer auf. Die Wartenden sagen, sie würden an mehreren Orten protestieren. Türkische Sicherheitskräfte beziehen an allen wichtigen Kreuzungen Posten, mit Helmen, Schutzmasken und -schildern und Tränengas.

Ein paar Kilometer weiter haben die türkischen Behörden einen neuen Grenzübergang aufgemacht, um den Ansturm an Flüchtlingen zu bewältigen. Menschen, die aus Syrien in die Türkei wollen. Auf einem Parkplatz stehen ihre Autos, die sie dort zurücklassen müssen. Türkische Flüchtlingshelfer haben die Menschen geimpft und medizinisch untersucht. Nach Stunden des Wartens dürfen sie in die Türkei einreisen, in Sicherheit. Auch sie werden auf Waffen abgetastet.

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