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06. Oktober 2014, 14:30 Uhr

Terror im "Islamischen Staat"

Als Sittenwächterin in Rakka

Vor dem Syrien-Krieg war Chadidscha Grundschullehrerin - im "Islamischen Staat" wurde sie Sittenwächterin. Als sie mit einem Kämpfer verheiratet werden sollte, flüchtete sie. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte.

Hamburg - Der Leidensweg der jungen syrischen Frau beginnt mit einer Onlinebekanntschaft. Im Internet lernt die Syrerin einen netten und eloquenten Mann aus Tunesien kennen. Er ist fanatischer Anhänger der Dschihadistengruppe, die sich damals noch "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) nennt.

Er erzählt ihr, dass die Gruppe ganz anders sei, als sie dargestellt werde. ISIS sei keine Terrororganisation, sondern wolle einfach nur den wahren Islam leben. "Im Moment herrscht Krieg, da müssen wir harsch vorgehen", sagt der Mann. Irgendwann erzählt er ihr, dass er in die syrische Stadt Rakka ziehen werde, die Hochburg der Dschihadisten in Syrien. Dort wolle er die junge Frau heiraten.

Bis dahin war der Weg der heute 25-Jährigen zur radikalen Islamistin nicht abzusehen. Ihre Familie sei nicht besonders konservativ gewesen und habe ihr eine gute Bildung ermöglicht. Sie selbst arbeitet als Grundschullehrerin, als vor dreieinhalb Jahren der Aufstand gegen Diktator Baschar al-Assad beginnt.

Frauen müssen auch die Augen verhüllen

So erzählt es die Frau in einem Interview mit dem US-Nachrichtensender CNN, in dem sie von ihrer Zeit im "Islamischen Staat" berichtet.

Als der Bürgerkrieg in Syrien immer schlimmer wurde, habe sie nach einer Zuflucht gesucht. "Das Problem ist, dass ich dort hingerannt bin, wo alles noch schlimmer war", sagt die Frau bei CNN, die sich selbst Chadidscha nennt. So hieß die erste Frau des Propheten Mohammed.

Eine Cousine habe sie in Rakka in die weibliche Sittenpolizei eingeführt. Diese sogenannte Chansaa-Brigade ist für ihre Rücksichtslosigkeit berüchtigt. Die 25 bis 30 Mitglieder der Einheit achten darauf, dass Frauen keine enganliegenden Umhänge, sogenannte Abajas, tragen und ihre Augen verhüllen. Alle, die sich nicht daran halten, werden ausgepeitscht.

Diese öffentlichen Bestrafungen werden von einer Frau ausgeführt, die sich Umm Hamsa nennt. "Sie ist keine normale Frau. Sie ist groß, trägt eine Kalaschnikow, eine Pistole, eine Peitsche und einen Dolch", erzählt Chadidscha in dem Interview. Ihre Kommandeurin habe ihr gesagt: "Wir sind streng zu den Ungläubigen, aber gnädig untereinander."

Chadidscha flüchtet vor der Hochzeit in die Türkei

Chadidscha lernte, wie sie eine Waffe putzt, auseinanderbaut und abfeuert. Am Anfang habe ihr die Aufgabe gefallen - auch weil sie 200 Dollar Monatslohn und kostenloses Essen bekam. "Ich hatte Macht in den Straßen. Aber dann bekam ich Angst - sogar vor mir selbst", berichtet die Frau bei CNN.

Die Brutalität im "Islamischen Staat" erschütterte sie: "Einem Mann wurde vor meinen Augen die Hand abgehackt", sagt Chadidscha. Auch die Verheiratungen von ausländischen IS-Kämpfern mit einheimischen Frauen fände sie abstoßend. "Die ausländischen Kämpfer waren sehr brutal gegenüber den Frauen, sogar ihren Ehefrauen. Es gab Fälle, in denen sie wegen sexueller Gewalt in die Notaufnahme gebracht werden mussten."

Als auch sie verheiratet werden sollte, entschloss sich Chadidscha zur Flucht aus Rakka. Kurz vor Beginn der US-geführten Luftangriffe flüchtete sie mit Hilfe von Schleusern in die Türkei. Ihre Familie ließ sie in Syrien zurück.

Heute sei ihr unverständlich, warum sie auf den IS hereinfiel. "Wie konnten wir zulassen, dass sie uns regieren?", fragt die ehemalige Lehrerin. Nun falle ihr die Rückkehr in ihr altes Leben schwer, berichtet sie im CNN-Interview. Dabei wäre sie gerne wieder "ein Mädchen, das fröhlich ist, das Leben liebt, gerne reist, malt und auf der Straße mit Kopfhörern Musik hört. Und der egal ist, was andere denken."

syd

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