Terror im "Islamischen Staat" Als Sittenwächterin in Rakka

Vor dem Syrien-Krieg war Chadidscha Grundschullehrerin - im "Islamischen Staat" wurde sie Sittenwächterin. Als sie mit einem Kämpfer verheiratet werden sollte, flüchtete sie. Jetzt erzählt sie ihre Geschichte.

Frauen in Rakka: "Streng zu den Ungläubigen aber gnädig untereinander"
REUTERS

Frauen in Rakka: "Streng zu den Ungläubigen aber gnädig untereinander"


Hamburg - Der Leidensweg der jungen syrischen Frau beginnt mit einer Onlinebekanntschaft. Im Internet lernt die Syrerin einen netten und eloquenten Mann aus Tunesien kennen. Er ist fanatischer Anhänger der Dschihadistengruppe, die sich damals noch "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS) nennt.

Er erzählt ihr, dass die Gruppe ganz anders sei, als sie dargestellt werde. ISIS sei keine Terrororganisation, sondern wolle einfach nur den wahren Islam leben. "Im Moment herrscht Krieg, da müssen wir harsch vorgehen", sagt der Mann. Irgendwann erzählt er ihr, dass er in die syrische Stadt Rakka ziehen werde, die Hochburg der Dschihadisten in Syrien. Dort wolle er die junge Frau heiraten.

Bis dahin war der Weg der heute 25-Jährigen zur radikalen Islamistin nicht abzusehen. Ihre Familie sei nicht besonders konservativ gewesen und habe ihr eine gute Bildung ermöglicht. Sie selbst arbeitet als Grundschullehrerin, als vor dreieinhalb Jahren der Aufstand gegen Diktator Baschar al-Assad beginnt.

Frauen müssen auch die Augen verhüllen

So erzählt es die Frau in einem Interview mit dem US-Nachrichtensender CNN, in dem sie von ihrer Zeit im "Islamischen Staat" berichtet.

Als der Bürgerkrieg in Syrien immer schlimmer wurde, habe sie nach einer Zuflucht gesucht. "Das Problem ist, dass ich dort hingerannt bin, wo alles noch schlimmer war", sagt die Frau bei CNN, die sich selbst Chadidscha nennt. So hieß die erste Frau des Propheten Mohammed.

Eine Cousine habe sie in Rakka in die weibliche Sittenpolizei eingeführt. Diese sogenannte Chansaa-Brigade ist für ihre Rücksichtslosigkeit berüchtigt. Die 25 bis 30 Mitglieder der Einheit achten darauf, dass Frauen keine enganliegenden Umhänge, sogenannte Abajas, tragen und ihre Augen verhüllen. Alle, die sich nicht daran halten, werden ausgepeitscht.

Diese öffentlichen Bestrafungen werden von einer Frau ausgeführt, die sich Umm Hamsa nennt. "Sie ist keine normale Frau. Sie ist groß, trägt eine Kalaschnikow, eine Pistole, eine Peitsche und einen Dolch", erzählt Chadidscha in dem Interview. Ihre Kommandeurin habe ihr gesagt: "Wir sind streng zu den Ungläubigen, aber gnädig untereinander."

Chadidscha flüchtet vor der Hochzeit in die Türkei

Chadidscha lernte, wie sie eine Waffe putzt, auseinanderbaut und abfeuert. Am Anfang habe ihr die Aufgabe gefallen - auch weil sie 200 Dollar Monatslohn und kostenloses Essen bekam. "Ich hatte Macht in den Straßen. Aber dann bekam ich Angst - sogar vor mir selbst", berichtet die Frau bei CNN.

Die Brutalität im "Islamischen Staat" erschütterte sie: "Einem Mann wurde vor meinen Augen die Hand abgehackt", sagt Chadidscha. Auch die Verheiratungen von ausländischen IS-Kämpfern mit einheimischen Frauen fände sie abstoßend. "Die ausländischen Kämpfer waren sehr brutal gegenüber den Frauen, sogar ihren Ehefrauen. Es gab Fälle, in denen sie wegen sexueller Gewalt in die Notaufnahme gebracht werden mussten."

Als auch sie verheiratet werden sollte, entschloss sich Chadidscha zur Flucht aus Rakka. Kurz vor Beginn der US-geführten Luftangriffe flüchtete sie mit Hilfe von Schleusern in die Türkei. Ihre Familie ließ sie in Syrien zurück.

Heute sei ihr unverständlich, warum sie auf den IS hereinfiel. "Wie konnten wir zulassen, dass sie uns regieren?", fragt die ehemalige Lehrerin. Nun falle ihr die Rückkehr in ihr altes Leben schwer, berichtet sie im CNN-Interview. Dabei wäre sie gerne wieder "ein Mädchen, das fröhlich ist, das Leben liebt, gerne reist, malt und auf der Straße mit Kopfhörern Musik hört. Und der egal ist, was andere denken."

syd



insgesamt 22 Beiträge
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baba01 06.10.2014
1. Ich würde sagen
vorher das Hirn einschalten... wenn überhaupt je eines da war...
sardur 06.10.2014
2.
Jetzt werden sich bestimmt bald die Foristen melden, die meinen: Zu spät! Da hat sie jetzt eben Pech gehabt - mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Für mich aber sind solche Menschen einfach nur Opfer des Anspruches der Religionen und ihrer Vertreter, über das Leben der Menschen zu bestimmen. Ich nehme das Christentum hier definitiv nicht aus. Die Geschichte des Papsttums könnte hier ebenso herangeführt werden, wie aktuelle Entwicklungen in evangelikalen Gruppierungen und auch im erzkonservativen Judentum. Wir sitzen nach wie vor noch im Glashaus und seit dem "Kreuzzug" des Herrn Bush brauchen wir uns über Gegenbewegungen auch nicht zu wundern.
suppenkoch 06.10.2014
3.
Sie hat ja auch so lange mitgemacht, bis es ihr selber quasi an den Kragen ging, als sie verheiratet werden sollte. Vorher hat sie das Elend gesehen, dem sie selber gedient hat, aber Macht und Geld waren dann doch stärker. Von daher ist es das übliche, dass die meisten Menschen erst aufwachen, wenn es direkt neben ihnen knallt. Sie hat sich gerade noch rausgewunden, das Glück hatten andere nicht und sie war wahrscheinlich zum Teil daran beteiligt.
dannyinabox 06.10.2014
4. Jetzt haben sie Angst
Klar doch, als alles noch bestens lief war alles gut mit ihrer "Macht". Jetzt, nachdem sie wohl 1+1 zusammengezählt hat, flüchten die die noch nicht ganz so fanatisch sind. Für mich sind das Terrortouristen die dann klangheimlich das weite suchen weil es mit der Terror-Karriere nicht ganz so geklappt hat. Die Familie hat sie aber bei den IS Leuten gelassen. So läuft das.
Shivon 06.10.2014
5.
Ich will gar nicht wissen, wie viele Menschen hier in D leben, die sich so leicht instrumentalisieren lassen... Zwar finde ich es schön, dass die Frau geflohen ist, aber sie war trotzdem ein Teil des Systems. Ich stimme den Foristen zu: Hirn einschalten und darüber nachdenken, wie man am besten mit seinem "Nachbarn" leben kann. Wenn man dafür anstatt einen gesunden Menschenverstandt Religion braucht...
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