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Syrische Flüchtlinge in der Türkei: Überleben im Nirgendwo

Foto: Hasnain Kazim

Kurdische Flüchtlinge aus Syrien "Warum hilft der Westen erst jetzt?"

Tausende Menschen flüchten in die Türkei, seit die Kämpfer des "Islamischen Staats" vor der syrischen Stadt Ain al-Arab stehen. Viele Kurden fühlen sich alleingelassen - und denken darüber nach, zurückzukehren und zu kämpfen.

Ain al-Arab/Suruc - Schüsse und Explosionen lassen den Englischlehrer Idris Dabo, 28, am vergangenen Samstag aufschrecken. In der Stadt Ain al-Arab, im Norden von Syrien, direkt an der Grenze zur Türkei, haben die Menschen mit Sorge gehört, dass Kämpfer des "Islamischen Staats" (IS) vorrücken und ein Dorf nach dem anderen erobern.

Jetzt stehen sie zwölf Kilometer vor Ain al-Arab, im Westen, im Osten und im Süden. Die Stadt ist eingekesselt, nur nach Norden hin, Richtung Türkei, ist der Weg frei. "Wir ahnten, dass schlimme Zeiten bevorstehen, also packten wir ein paar Sachen und stellten uns auf die Flucht ein", sagt Dabo.

Am Samstagmittag, als die Kampfgeräusche lauter scheinen als sonst, telefoniert er mit Freunden. Manche sind schon auf der Flucht. Sie haben Angst, in einer der kommenden Nächte könnten IS-Milizen in ihre Häuser dringen und sie töten. Am Abend verlässt auch Dabo mit seiner Mutter und zwei Schwestern die Wohnung.

Dabo hat eine Tasche mit ein paar Kleidungsstücken dabei, außerdem seinen Laptop und sein Mobiltelefon. Die Frauen tragen Taschen mit Bekleidung und ihrem Schmuck. Der Bruder fährt sie bis zum Grenzübergang, eine kurze Fahrt voller Angst und Abschiedsschmerz. Dann Umarmungen, gute Wünsche, ein paar Tränen, wer weiß, ob man sich wiedersieht. Der Bruder und der Vater wollten in Ain al-Arab bleiben und aufpassen, dass nichts geplündert wird.

3000 Menschen in einer Schule - ohne Dusche

Zu Fuß passieren Dabo, die Mutter und die Schwestern die Grenze. Sie haben Glück, es geht schnell: Die türkischen Beamten winken sie durch. Es geht weiter nach Suruc, einem Ort in der Provinz Sanliurfa, nahe der gleichnamigen Stadt. Nach vier, fünf Kilometern Fußmarsch erfahren sie, dass sie einen Schlafplatz in einer Schule am Rand von Suruc bekommen, wenn sie sich beeilen. Das Gebäude ist, wie so viele entlang der Grenze, zu einem Flüchtlingslager umfunktioniert worden. Ein paar Stunden nach ihrem Aufbruch sind sie nur ein paar Kilometer von ihrem Zuhause entfernt, aber doch in einer anderen Welt.

In den Klassenzimmern schlafen Kinder auf den Böden, in Decken mit UNHCR-Aufdruck gehüllt. Männer und Frauen sitzen dazwischen, unterhalten sich, trinken Wasser aus Plastikflaschen, die Helfer ausgeteilt haben. Es riecht streng nach Schweiß und Urin. Etwa 3000 Menschen sind in dieser Schule untergebracht. Für so viele Menschen reichen die Toiletten nicht, es gibt keine Duschen.

Schätzungen gehen inzwischen von mindestens 150.000 Menschen aus, die in den vergangenen drei Tagen von Syrien in die Türkei geflüchtet sind, überwiegend Kurden, aber auch syrische Araber, Jesiden, Christen. Täglich werden es mehr. Überall entlang der Grenze entstehen neue Zeltstädte in Parks und Flüchtlingslager in Schulen.

Die Warterei zehrt an den Nerven

An der Grenze geht es nicht immer friedlich zu. Manchmal fliegen Steine, weil es hin und wieder doch länger dauert und die Warterei an den Nerven zehrt. Grenzsoldaten wiederum fühlen sich oft bedrängt von den Menschenmassen und reagieren gereizt. Zeitweise schließen die Türken die Übergänge, angeblich aus Sorge, dass Kämpfer der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK von der Türkei aus in den Krieg nach Syrien ziehen. Darunter leiden dann die Flüchtlinge, die bei Protesten dagegen auch noch mit Wasserwerfern und Tränengas vertrieben werden.

"Gut, dass wenigstens die PKK kämpft", sagt Nuri Issa, 35, ein Automechaniker aus Ain al-Arab, der zusammen mit seiner Frau und seiner zweijährigen Tochter in der Schule am Stadtrand von Suruc untergebracht ist. "Es hilft uns ja sonst niemand." Die Nachricht von den Luftangriffen der USA zusammen mit arabischen Partnern gegen IS-Stellungen hat sich noch nicht herumgesprochen, man weiß nur, dass sie geplant seien. Dabo findet Luftangriffe in Syrien gut, sie kämen aber zu spät. Er würde sich auch Luftschläge in der Umgebung von Ain Al-Arab wünschen, um die Stadt zu sichern. Issa schimpft: "All die Jahre hat der Westen uns im Stich gelassen. Der Bürgerkrieg in Syrien dauert mehr als drei Jahre. Warum denkt man erst jetzt über Hilfe nach?"

Verschwörungstheorien machen die Runde

Viele Flüchtlinge in Suruc sehen es ähnlich: Die USA sei desinteressiert, die EU machtlos, die Türkei sowieso feindselig gegenüber den Kurden. "Wir haben alle die Bilder von Sindschar im Kopf, als IS die Jesiden in die Berge jagte, sie zwang, zum Islam zu konvertieren und sie tötete, wenn sie sich weigerten", sagt Issa. "Wir kennen die Bilder von den entführten, vergewaltigten, ermordeten Frauen und von den Sklavinnen, die auf den Markt von Mossul gebracht wurden. Es gab zu Recht weltweit Diskussionen, den Jesiden und den Christen im Nordirak zu helfen. Aber niemand kümmert es, dass ein Völkermord an uns Kurden in Syrien stattfindet."

In dieser aufgeheizten Stimmung machen Verschwörungstheorien die Runde: IS sei in Wahrheit von der CIA gegründet und finanziert worden, um wieder einen Vorwand zu haben, im Nahen Osten einzugreifen. Oder IS sei eine Erfindung des syrischen Machthabers Baschar al-Assad, der durch das Auftreten dieser Extremisten plötzlich wieder als der Gute dastehe.

Aber dann lachen sie in der Schule von Suruc über diese Gedanken, weil sie selbst nicht so recht daran glauben. Das einzige, was jetzt Sinn mache, sei, selbst zu den Waffen zu greifen, sagen mehrere Männer. Die PKK hat alle Kurden aufgerufen, in den Kampf gegen IS zu ziehen. Nach eigenen Angaben hat die in der Türkei, in der EU und in den USA als terroristische Vereinigung eingestufte Organisation 300 Kämpfer nach Syrien geschickt.

Auch hier in Suruc überlegen einige Männer, nach Ain al-Arab zurückzukehren. "Mit der Waffe in der Hand", sagt einer, der namentlich nicht genannt werden will. Angeblich seien schon "2000 oder 3000" dem PKK-Aufruf gefolgt. Genau weiß das niemand. Manche kennen jemanden, der zurückgegangen ist, um zu kämpfen. Aber allein dass darüber geredet wird, genügt, um immer mehr Flüchtlinge über eine Rückkehr als Krieger nachdenken zu lassen. Die Lage sei so schlimm, sagt der, der kämpfen will, dass man nichts zu verlieren habe.

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