Fotostrecke

Der IS und die pakistanischen Taliban: Allianz der Terroristen

Foto: Ishtiaq Mahsud/ AP

Hilfe für IS Pakistans Taliban schwärmen vom "Islamischen Staat"

Neidisch und fasziniert blicken Pakistans Taliban auf die blutigen Eroberungen des "Islamischen Staats" in Syrien und im Irak: Sie suchen den Schulterschluss, wollen eigene Kämpfer schicken - und spekulieren sogar auf Atomwaffen.

Die pakistanischen Taliban haben eine Menge Rückschläge hinnehmen müssen. Angriffe durch US-Drohnen löschen nach und nach ihre Führung aus. Die mindestens 30 Gruppen unter dem Dach von Tehrik-i-Taliban (TTP) sind zerstritten, verstrickt in Nachfolgedebatten und die Suche nach einem gemeinsamen Kurs.

Seit Mitte Juni werden die Taliban nun auch noch von der pakistanischen Armee bekämpft: in Nord-Waziristan, ihrer einstigen Hochburg in den Stammesgebieten entlang der Grenze zu Afghanistan. Die Kampfmoral, so ist aus den Reihen der TTP zu hören, sei spürbar gesunken.

In diesen schwierigen Zeiten wirkt die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ein paar Tausend Kilometer weiter westlich wie eine Verheißung auf die Taliban-Kommandeure: Mit Vertrauen in Allah, Kampfeswillen, Todesmut, militärischem Geschick und genügend Geld ist alles möglich. Das ist die Botschaft, die bei den Taliban ankommt.

"Vorbildliche Medienpräsenz des IS"

"Wir lesen, hören und sehen die Nachrichten und staunen. Sogar Luftschläge der USA können ihnen nichts anhaben", sagt ein Kommandeur aus den Stammesgebieten zu SPIEGEL ONLINE am Telefon. Die Faszination für die mordende Miliz scheint gewaltig: "Seit mehr als zehn Jahren versuchen wir, ein Gottesreich zu etablieren - und schaffen es nicht. Aber diese Brüder und Schwestern erobern ein riesiges Gebiet innerhalb weniger Monate und gründen ein Kalifat, das die ganze Welt wahrnimmt. Dafür gebührt ihnen Respekt."

Ein anderer Kommandeur aus den mittleren Taliban-Rängen sagt über die IS-Kämpfer, es sei "bewundernswert, wie sie immer neue Anhänger gewinnen". Die größte Schwäche der Extremisten - Taliban wie al-Qaida - war bislang ihre Zerstrittenheit untereinander. "Eine der größten Errungenschaften des IS ist es, rechtschaffene Muslime aus unterschiedlichen Ländern und Gruppen anzulocken und unter einem Dach zu einigen", so der Kommandeur.

Was er als "Errungenschaft" bezeichnet, bedeutet nichts anderes als: Dem IS gelingt es, immer neue Kämpfer für seine Mördermiliz zu rekrutieren. Dazu habe, so der Talib, vor allem die "vorbildliche Medienpräsenz" des IS beigetragen. Dahinter verbergen sich vor allem die grausamen Enthauptungsvideos, mit denen der IS für Schlagzeilen sorgt.

Abkehr von al-Qaida, hin zum IS

Auch die Spitze der pakistanischen Taliban teilt offensichtlich die Begeisterung für den IS. Nun will man selbst von dessen Eroberungen profitieren. Am Wochenende sagte TTP-Chef Mullah Fazlullah in einer schriftlichen Botschaft Unterstützung im Kampf in Syrien und im Irak zu. "Die Mudschahidin, die dort kämpfen, sind unsere Brüder", schreibt Fazlullah. "Wir werden euch auf jede Art und Weise helfen, die uns möglich ist." Unterstützung, Errungenschaften, vorbildliche Präsenz: Die Formulierungen der Taliban lesen sich so nüchtern, als bahne sich die Allianz legitimer Parteien an. Dabei ist es ein Bündnis unter Terroristen.

Ihre Sympathie für die neuen Helden der Dschihadisten ist bemerkenswert, denn bislang waren die pakistanischen Taliban lose mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbunden. Al-Qaida sieht den IS als Konkurrenten. Zudem konzentriert TTP sich auf die Bekämpfung des pakistanischen Staats, weil der sich 2001 zum Anti-Terror-Partner der USA erklärt hatte, und auf die Errichtung eines Gottesstaats dort. Der IS dagegen propagiert ein "Kalifat", das sich von Südasien bis nach Europa erstreckt.

Ein TTP-Sprecher versprach, man werde "weiterhin" Kämpfer von Pakistan nach Syrien und in den Irak entsenden und den IS unterstützen. Etwa "1000 bis 1500 Kämpfer" aus Pakistan seien bereits in der Region im Einsatz, wohl auch eine Folge von IS-Anwerbeaktionen in Pakistan Anfang September.

Gemeinsame Bemühung um die Atomwaffe

Eine Gegenleistung erwarte man nicht, erklärten TTP-Kämpfer, aber man hoffe "auf gute Zusammenarbeit auch in unserer Region". Wieder eine dieser bemüht harmlosen Formulierungen. Fragt man nach, erhält man eine konkretere Antwort: "Die IS-Kämpfer wollen Atomwaffen. Und wir auch", sagt einer der Kommandeure.

Pakistan ist der einzige islamische Staat, der über die Atombombe verfügt. Das Militär betont zwar, sein Arsenal sei gut geschützt. Das Risiko, dass nukleare Sprengköpfe in die Hände von Extremisten fielen, liege bei "so gut wie null Prozent", wie ein Armeesprecher erklärt.

Allerdings haben Extremisten zuletzt mehrere Kasernen überfallen, mal das hochgeschützte Armeehauptquartier in Rawalpindi, mal einen wichtigen Marinestützpunkt und zuletzt, im September, eine strategisch wichtige Werft in Karatschi. Jedes Mal müssen sie Hilfe aus den Reihen des Militärs erhalten haben. Wie sicher also sind die Atomwaffen wirklich?

Offensichtlich erhoffen die Taliban sich auch noch in anderer Hinsicht Hilfe durch den IS. Dabei geht es weniger um konkrete militärische Unterstützung. Die Waffen und Fahrzeuge, mit denen IS in Syrien und im Irak einen Ort nach dem anderen erobert, ließen sich ohnehin nicht nach Pakistan bringen. Zu groß sind die Entfernungen, zu streng die Grenzkontrollen.

Pakistanische Sicherheitsexperten befürchten aber, der finanziell bestens ausgestattete IS könnte dabei helfen, Know-how und Baupläne für Atomwaffen zu erwerben. Im Klartext: Wenn Taliban und IS die bestehenden Nuklearwaffen nicht entwenden können, bauen sie sich eben selber welche. Ein Armeeoffizier aus einer Anti-Terror-Einheit warnt: "Diese Organisation hat womöglich genug Geld, um die entsprechenden Leute zu kaufen."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.