IS-Terrorist Die rätselhafte Radikalisierung des "Jihadi John"

Von London über Syrien bis nach Kuwait - überall gibt es Spuren von Mohammed Emwazi alias "Jihadi John". Sie setzen sich zu einem verstörenden Psychogramm des IS-Henkers zusammen. Der Überblick.

"Jihadi John": Immer neue Details über den IS-Henker
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"Jihadi John": Immer neue Details über den IS-Henker


Berlin - Sein erster öffentlicher Auftritt war grausam. Im August 2014 trat "Jihadi John" schwarz vermummt vor die Kameras, ein Messer in der Hand. Auf Englisch mit breitem Londoner Akzent verkündete der junge Mann, dass er nun den Journalisten James Foley hinrichten werde. Das Video der Enthauptung sorgte weltweit für Entsetzen

"Jihadi John" - so hatten ihn europäische Geiseln getauft, die der "Islamische Staat" (IS) 2014 gegen Lösegeld frei ließ. Es war ein bitterer Scherz: Die Geiseln wurden von vier britischen IS-Terroristen gequält, einem Quartett, das sie heimlich als "Terror-Beatles" verspotteten - John, Ringo, Paul und George. Nur "John" zeigte sich in den IS-Hinrichtungsvideos. Ihn beschrieben die Ex-Gefangenen als "kalt, sadistisch und gnadenlos".

In der vergangenen Woche wurde "Jihadi Johns" Name schließlich öffentlich. Seitdem haben sich Journalisten von London bis Kuwait auf die Spur von Mohammed Emwazi gemacht und viele Details über den 26-Jährigen zusammengetragen.

Die fünf wichtigsten Fakten:

  • Er versuchte vergeblich seine Identität zu verschleiern: Mohammed Emwazi trägt in den IS-Videos eine schwarze Maske über dem Gesicht, nur die Augen sind zu sehen. Seine Stimme ließ er in späteren Videos digital verändern. Im Internet hat er kaum Spuren hinterlassen. Die US-Bundespolizei FBI kannte seine Identität nach eigenen Angaben bereits im September 2014, wenige Wochen nachdem er im James-Foley-Video erstmals erschien. Was genau ihn verriet, sagte das FBI nicht. Bekannt ist, dass die Ermittler Stimmanalysen durchführten und die europäischen Ex-Geiseln befragten. Emwazi soll auch die Lösegeld-Verhandlungen mit europäischen Beamten geführt haben.
  • Er stammt aus einer Mittelklassefamilie, die eine Odyssee hinter sich hat: Seine Eltern stammen ursprünglich aus dem Südirak. Sie flohen vermutlich während des irakisch-iranischen Krieges ins benachbarte Kuwait, wo Emwazi 1988 geboren wurde. Die Emwazis erhielten nie die kuwaitische Staatsbürgerschaft. 1994 zog die Familie nach London, wo Mohammed Emwazi und seine Geschwister aufwuchsen. Emwazis Vater baute sich in London ein kleines Taxi-Unternehmen auf. Die Familie wohnte in einer Mittelklasse-Gegend.
  • Er fiel in der Schule durch seine Wutausbrüche auf, galt später aber als vorbildlich: In der weiterführenden Schule galt Mohammed Emwazi seinen Lehrern als "liebenswürdiger Junge", der sich allerdings oft nicht im Griff hatte. "Er konnte sehr wütend werden und er brauchte dann sehr lange, bis er sich wieder beruhigte", sagte eine Lehrerin der "BBC". Die Schule schickte ihn zum Anti-Aggressions-Training. Danach galt er an der Schule als "Erfolgsgeschichte": Mohammed Emwazis Noten besserten sich. Er wurde von der Universität seiner Wahl in London angenommen und schloss das Informatik-Studium mit 21 Jahren ab.
  • Er war mit einigen späteren Dschihadisten befreundet, auch mit einem Deutschen: Zu Universitätszeiten fand Emwazi in seiner Londoner Nachbarschaft zweifelhafte Freunde, berichtet der "Guardian". Einige von ihnen standen mit Hussain Osman in Kontakt, einem der Qaida-Attentäter von London 2005. Von den jungen Männern, mit denen Emwazi damals regelmäßig in die Moschee und zum Fußballspielen ging, sind drei inzwischen tot: Zwei schlossen sich der Schabab-Miliz in Somalia an und wurden dort 2012 durch US-Drohnenangriffe getötet. Der dritte starb in Syrien. Auch Emwazi soll 2009 versucht haben, über Deutschland und Tansania nach Somalia zu reisen, mit zwei Freunden, einer davon ein deutscher Konvertit, berichtet die "Washington Post". Emwazi behauptete damals, er habe eine Safari in Tansania machen wollen.
  • Er war ab 2009 im Visier des Geheimdiensts - reiste aber trotzdem nach Syrien: Tansania verweigerte Emwazi und seinen Freunden 2009 die Einreise. Der Tipp kam offenbar vom britischen Geheimdienst: Nach eigenen Angaben wurde Emwazi 2009 vom MI5 befragt - und wandte sich später an die britische Nichtregierungsorganisation Cage, die Opfern des Krieges gegen den Terrorismus hilft. Danach zog Emwazi nach Kuwait, lebte bei Verwandten, wollte eine Kuwaiterin heiraten und arbeitete bei einer IT-Firma. Ein halbes Jahr später erhielt er kein neues Visum für Kuwait und musste nach London zurück. 2012 schloss er ein Zertifikat als Englischlehrer ab und bewarb sich erfolglos auf Stellen in Saudi-Arabien. Im folgenden Jahr änderte er seinen Namen und verschwand. Seine Familie meldete ihn als vermisst. Emwazi reiste über die Türkei in die syrische Stadt Atmeh, wo er sich anderen Briten anschloss. Dort sei er als Sonderling aufgefallen, der nur mit seinen engen Freunden zu tun haben wollte, sagte ein einstiger IS-Kämpfer der BBC. Durch seine Auftritte in den Hinrichtungsvideos habe er beim IS schnell Karriere gemacht. "Vice"-Journalisten hatten im November 2013 mehrere vermummte britische Dschihadisten in Atmeh gefilmt, möglicherweise war auch Emwazi darunter.

Wie Emwazi zu seinen radikalen Freunden kam, ist bisher nicht bekannt. Ein Alumnus seiner Universität vermutet, er könne dort in den Bann von Islamisten geraten sein. Diese These unterstützt auch ein britischer Dschihadismus-Forscher. Die bisher abwegigste Theorie hat einer seiner ehemaligen Grundschulkameraden aufgestellt in der britischen "Daily Mail": Emwazi sei als Sechsjähriger mit dem Kopf an einen Fußballtor-Pfosten geprallt und habe sich dabei Gehirnverletzungen zugezogen.

insgesamt 27 Beiträge
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maier-pf 03.03.2015
1. Bildung, Bildung und nochmals Bildung!
Bildung schütz am Beispiel von Jihadi John nicht vor Radikalisierung! Ganz im Gegenteil. Ohne Universitätsstudium wäre Jihadi John in Ost-London geblieben und hätte nie die Welt bereist um den internationalen Islam-Terrorismus kennen zu lernen!
castelduro 03.03.2015
2. Latein
Es heißt alumnus bzw. alumna bei einer person, alumni ist mehrzahl.
AndreHa 03.03.2015
3.
Ob nun intelligent oder liebenswürdig - dieser Junge war ein Verlierer in der Gesellschaft. Bei diesen Menschen ist eine Radikalisierung alles andere als rätselhaft. Sie ist ganz normal.
wehwehwehdievernunft 03.03.2015
4. nicht zu viel hinein interpretieren
kommt keiner auf die Idee, dass dieser Typ einfach nur eine perverse Sau ist, die seine Gelüste auslebt??
taglöhner 03.03.2015
5. Evolution
Zitat von maier-pfBildung schütz am Beispiel von Jihadi John nicht vor Radikalisierung! Ganz im Gegenteil. Ohne Universitätsstudium wäre Jihadi John in Ost-London geblieben und hätte nie die Welt bereist um den internationalen Islam-Terrorismus kennen zu lernen!
Bildung macht für viele schon den Unterschied, aber eben nicht für alle. Eine ideologische Sammlungsbewegung gestörter und/oder gescheiterter Persönlichkeiten, die Macht ausüben wollen, ist periodisch immer wieder zu erwarten. Und diese setzt sich stets zusammen aus einem Heer ungebildeter Ameisen und ein paar "Köpfen" Solche Ideologien sind nur repressiv in den Griff zu kriegen.
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