Isaf-General McNeill "Wir brauchen keine leeren Versprechen"

US-General McNeill hat klare Vorstellungen davon, was Deutschland in Afghanistan leisten soll. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview fordert der Chefkommandeur kurz vor dem Nato-Gipfel eine flexible Truppe fürs ganze Land - die schon geplante Eingreifeinheit soll nur der Anfang sein.

SPIEGEL ONLINE: General McNeill, im Juni werden Sie den Posten als Kommandeur der Nato-Truppen in Afghanistan verlassen. In welchem Zustand übergeben Sie die Mission Ihrem Nachfolger?

General Dan McNeill: Er wird weiterhin auf Aufständische, auf eine Bewegung von Radikalen hier in Afghanistan treffen - aber sie wird nicht größer, auch wenn viele das behaupten. Unsere Feinde sind nicht so stark wie die Allianz der Nato und unsere afghanischen Verbündeten. Er wird ebenso Fortschritte im afghanischen Sicherheitsbereich vorfinden, viel bei der Armee aber leider wenig bei der Polizei. Ein großes Problem bleibt die Verwaltung des Landes durch die Regierung, hier müssen die Afghanen mehr tun.

SPIEGEL ONLINE: Der Widerstand, besser gesagt die Taliban, bleiben also das Hauptproblem der Nato im Jahr 2008.

McNeill: Der Widerstand ist ein Teil des Problems, nicht unbedingt der wichtigste. Wir haben es hier mit einer Kombination zu tun. Eine schlechte Verwaltung, die in viele Ecken des Landes gar nicht ankommt. Korruption, die diese durchzieht. Hinzu kommt der rapide Anstieg des Opiumanbaus, der alle drei Probleme mit dem Drogengeld noch befördert.

SPIEGEL ONLINE: Die Taliban haben ihrerseits in den vergangenen Wochen für 2008 die blutigste Offensive seit dem Einmarsch der Nato verkündet.

McNeill: Erinnern Sie sich an den Herbst 2006 oder Anfang 2007? Damals haben sie die gleichen Ankündigungen gemacht. Doch die wirkliche Offensive war die der Nato und der afghanischen Armee. Genau so wird es dieses Jahr sein. Die Aufständischen werden, so oft sie können, ihre Form des Kriegs anwenden: Sie werden Zivilisten mit Bomben töten, Selbstmordattentäter schicken und Angst verbreiten. Dass sie viele Afghanen töten, während sie auf uns zielen, kümmert sie nicht.

SPIEGEL ONLINE: Es gab bereits herbe Rückschläge in diesem Jahr. Die Taliban sind zurück mit ihren Angriffen. Im Süden haben sie über die Nachtstunden sogar das Mobilfunknetz mit ihrer Drohung lahmgelegt, Funkmasten zu sprengen ...

McNeill: ... die Afghanen sagen mir, dass dies nicht die Taliban waren, es gibt offenbar einen Kampf zwischen Geschäftskonkurrenten. Der Minister für Kommunikation bestätigt, dass trotz der freiwilligen Abschaltung der Netze durch einige Betreiber immer noch sicher gestellt ist, dass die Afghanen im Süden in der Nacht telefonieren können.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem war es ein Symbol, das die Taliban für sich nutzen.

McNeill: Die Aufständischen haben aus meiner Sicht einen schweren Fehler begangen. Mit der Abschaltung mancher Netze haben sie einen Fortschritt beendet, den alle Afghanen als wichtigen Teil in ihrem Leben sehen – die Möglichkeit, mit dem Handy zu telefonieren. Das passt nicht zu der Behauptung, dass die Taliban dem Volk helfen wollen, und das Volk wird das auch so sehen.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zur Militärstrategie. Mit gezielten Schlägen tötet die Nato fast jede Woche hochrangige Kommandeure der Taliban. Trotzdem scheint es, dass die Guerilla ihre Ränge sehr schnell auffüllen kann.

McNeill: Wir wollen die Kommandoebene des Widerstands beeinträchtigen und letztlich zerstören, und wir hatten gute Erfolge im vergangenen Jahr. Diese Anführer werden kaum zu ersetzen sein. Sicher, es kommen neue, junge Männer nach, doch die haben kaum Erfahrung. Was wir brauchen, ist die Hilfe der Nachbarn Afghanistans, die Rekrutierungsindustrie der Taliban, diesen Strom von Fußsoldaten endlich zu stoppen.

SPIEGEL ONLINE: Die afghanische Regierung, allen voran Präsident Karzai, redet unablässig über Verhandlungen mit den Taliban. Wie passt das zum aggressiven Nato-Krieg gegen die Aufständischen?

McNeill: Mich wundert immer die Überraschung im Westen darüber, dass es diese Gespräche gibt. Es gab Verhandlungen dieser Art schon 2002, als ich das erste Mal hier war. Präsident Karzai hat immer gesagt, dass es Teile des Widerstands gibt, mit denen kein Deal zu machen ist. Das sind die Extremisten, die Radikalen mit Verbindungen zu al-Qaida. Mit manchen, die heute zum Widerstand gehören, kann man aber reden. Ich habe dem Präsidenten stets gesagt, dass er vor jedem Gespräch sicher sein soll, mit wem er da verhandelt.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit tobt eine wilde Debatte über die Truppen, die die einzelnen Nato-Staaten für diese Mission stellen sollen. Bald treffen sich die Nato-Mitglieder beim Gipfel in Bukarest – was erhoffen Sie sich von dem Treffen?

McNeill: Bukarest ist ein politisches Treffen. Ich bin ein Nato-Soldat, der sich auf das Militär konzentriert. Dieser Soldat braucht keine leeren Versprechen. Wir wollen Zusagen, um die Nato-Truppen in Afghanistan stärker zu machen, als sie bisher sind.

"Wir werden mehr Soldaten bekommen"

SPIEGEL ONLINE: Sie haben immer gesagt, dass die Nato mehr Truppen schicken soll.

McNeill: Wir werden mehr Soldaten bekommen. Die USA schicken großzügig 3200 Männer und Frauen für den Süden. Polen, Briten, Franzosen und Dänen haben ebenfalls Andeutungen für eine Aufstockung ihrer Einheiten gemacht. Ich bin hoffnungsvoll. Ich nenne keine Zahlen. Wir brauchen schlicht mehr von allem: Wir brauchen bewegliche, einsetzbare Truppen, mehr Fluggerät und mehr Überwachungstechnik.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Zusagen. Doch gerade aus Deutschland hört man in den vergangenen Tagen, die Nato brauche einen neuen Ansatz, den Comprehensive Approach – mehr Wiederaufbau und weniger Militärschläge also.

McNeill: Die meisten verstehen gar nicht, was dieser Ausdruck eigentlich bedeutet. Zum Comprehensive Approach gehört eine starke militärische Option: Bekämpfung des Widerstands, dann Wiederaufbauhilfe. Die US-Streitkräfte machen das im Süden vor. Zuerst attackieren sie die Militanten in einem Tal, dann bauen sie eine Straße hinter sich auf. Wer über das Konzept redet, sollte den Kampf nicht vergessen.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Tagen war in einigen europäischen Ländern, darunter Berlin, sogar die Rede von einer Exit-Strategie, also dem Plan, sich langsam zurückzuziehen.

McNeill: Wir konzentrieren uns nicht auf Abzugsstrategien. Wir reden auch nicht über das Ende der Mission. Unsere Aufgabe ist es, die afghanischen Streitkräfte so stark zu machen, dass sie unsere Arbeit übernehmen können. Das wird noch eine Weile dauern, im Fall der afghanischen Luftwaffe sicherlich noch bis 2011. Auch die Armee braucht noch viel Unterstützung. Wenn wir nichts mehr zu tun haben, wenn wir nicht mehr gebraucht werden, können wir über den Abzug reden – vorher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Das politische Motiv hinter der Debatte ist klar: Mit einer Exit-Strategie generiert man die Hoffnung auf einen Rückzug, um mehr Unterstützung für die jetzige Mission zu bekommen.

McNeill: Politiker müssen tun, was sie tun müssen. Ich kann nur meinen besten Rat geben, was realistisch ist oder nicht. Ich weiß, dass in vielen europäischen Metropolen einen Debatte über die Afghanistan-Mission tobt. Großer Respekt gebührt deswegen Kanzlerin Angela Merkel und ihren Führungsqualitäten. Ich weiß, dass es einen starken Widerstand gegen den Einsatz am Hindukusch gibt, doch Angela Merkel bekommt für das Afghanistan-Mandat immer wieder eine Mehrheit im Parlament, das ist außergewöhnlich.

SPIEGEL ONLINE: Die Kanzlerin wird sich über ein solches Lob von einem ranghohen US-Kommandeur freuen. Was würden Sie sich sonst von ihr und der Bundeswehr wünschen?

McNeill: Die Bundeswehr ist eine ausgezeichnete, professionelle Armee mit der Fähigkeit zur Führung. Ich könnte diese Truppe in vielen anderen Gegenden von Afghanistan außerhalb des Nordens gut gebrauchen.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundeswehr sagt dann gerne, der Transport der Truppen sei unmöglich.

McNeill: Wenn sich die Deutschen entscheiden, sich uns außerhalb des Nordens abzuschließen, reicht ein Anruf. Wir holen sie als gute Freunde dann ab. Das wird nicht das Problem sein.

SPIEGEL ONLINE: Eine solche, sehr bewegliche Truppe, wird die so genannte Quick Reaction Force (QRF) sein, die Deutschland ab Juli stellt.

McNeill: Ich habe gehört, dass Deutschland eine starke Kampfeinheit schickt, die für alle Notfälle im Norden bereit steht. Es wäre gut, wenn die deutsche Regierung der QRF erlaubt, auch außerhalb des Nordens zu operieren. Ich würde mich mehr als freuen, die QRF-Einheit für mich einzuplanen.

Das Interview führte Matthias Gebauer im Isaf-Hauptquartier in der afghanischen Hauptstadt Kabul

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