Nato in Afghanistan Rasmussen spekuliert über rascheren Teilabzug

Die Nato will die unbeliebte Afghanistan-Mission schnell beenden. Generalsekretär Rasmussen spekulierte im "Guardian" nun sogar über mögliche Truppenabzüge vor der Deadline 2014. Zunächst müsse aber der entscheidende Lagebericht der USA vorliegen.

AFP

London - Eigentlich steht die Deadline: Bis Ende 2014 sollen die allermeisten Nato-Soldaten aus Afghanistan abgezogen sein. An ihrer Stelle übernimmt dann ein Heer aus lokalen Sicherheitskräften die Aufsicht über das Land. Doch nun sorgt Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen mit Spekulationen über einen möglichen früheren Abzug für Irritation. "Der Prozess kann in bestimmten Bereichen beschleunigt werden", sagte er dem britischen "Guardian".

"Von jetzt bis Ende 2014 wird es eine Veränderung unserer Präsenz im Land geben. Die Nato-Einheiten können verlegt, anderen Aufgaben zugeteilt - oder eben auch abgezogen werden", so Rasmussen.

Rund 120.000 Soldaten sollen das Land laut bisherigem Plan bis 2014 verlassen. In vielen Nato-Ländern wächst jedoch schon jetzt der Widerstand gegen die unbeliebte Mission.

Einen klaren Zeitplan nannte Rasmussen nicht, ein entscheidender Gradmesser für das Tempo des Abzugs wird aber am Ende des Jahres erwartet. Dann liefert General John Allen seinen Lagebericht samt Empfehlungen für das weitere Vorgehen in Afghanistan ab. Allen ist oberster US-Befehlshaber der Mission am Hindukusch. "Seine Einschätzung der Situation wird die politischen Entscheidungen über einen möglichen rascheren Abzug stark beeinflussen", erklärte Rasmussen.

Rasmussens Äußerungen sind inhaltlich keine Sensation, war doch von Beginn an klar, dass sicherere Gebiete wie im Norden Afghanistans oder rund um die Hauptstadt schneller von der Nato an die lokalen Sicherheitskräfte übergeben werden können.

Trotzdem betonte der Nato-Mann, er wolle die Überlegungen nicht als "Rennen zu den Ausgängen" missverstanden wissen. Schon beim Nato-Gipfel in Chicago hatten die Strategen der Allianz große Mühe, die Brüche beim gemeinsamen Zeitplan für den Exit vom Hindukusch zu kitten. Vor allem Frankreich hatte auf seinem Plan beharrt, seine Truppen schneller aus dem Land zu holen, als bisher geplant.

Mit ähnlichen Vorstößen muss die Allianz derzeit fast jeden Tag rechnen, auch die britische Regierung ist nervös. In Berlin sorgt man sich, dass die Bundeswehr am Ende die letzte Armee sein könnte, die vom Hindukusch abzieht. Vor dem großen Treffen der Verteidigungsminister in Brüssel am Dienstag und Mittwoch würden neue Ankündigungen eines früheren Abzugs einzelner die fragile Harmonie der Bündnispartner schnell erschüttern.

Blutige Attacken "erschüttern gegenseitiges Vertrauen"

Neben den Planspielen für einen beschleunigten Rückzug äußerte sich Rasmussen auch zu den immer häufigeren, blutigen Anschlägen gegen Nato-Soldaten in Afghanistan. "Zweifellos haben die Insider-Attacken das gegenseitige Vertrauen erschüttert, das kann man absolut sicher sagen", sagte Rasmussen dem "Guardian". Gemeint sind Angriffe von afghanischen Soldaten und Sicherheitskräften gegen internationale Ausbilder, Trainer und andere Mitglieder der Nato-Truppe.

Hinter den Anschlägen vermutet Rasmussen eine koordinierte Angriffswelle der Taliban-Miliz. "Ein beträchtlicher Teil der Angriffe kann auf taktische Spielchen der Taliban zurückgeführt werden. Die Attacken sind mit großer Wahrscheinlichkeit fester Bestandteil ihrer Strategie." Oft würden die Kämpfer in geliehenen oder gestohlenen Uniformen Zugang zu Stützpunkten erhalten und dort ihre blutige Mission ausführen.

Trotz der massiven westlichen Truppenpräsenz bleibt die Sicherheitslage im Land äußerst angespannt. Nach Informationen des SPIEGEL geht der Bundesnachrichtendienst (BND) davon aus, dass die Zahl der Anschläge von Angehörigen der afghanischen Sicherheitsbehörden gegen westliche Soldaten weiter zunehmen wird.

Auch nach dem offiziellen Abzug der westlichen Truppen Ende 2014 würden bis zu 35.000 ausländische Soldaten, zumeist Ausbilder für die afghanische Armee, Kampftruppen für deren Schutz und möglichst viele Spezialkräfte zur Jagd nach Terroristen für die Stabilisierung des Landes gebraucht, heißt es in der BND-Analyse.

jok/mgb



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skruffi 02.10.2012
1. Abzug = Lüge
Die Menschen werden wieder einmal für dumm verkauft. Was soll das für ein Abzug sein, wenn noch 35000 ausländische Soldaten ein Land teilbesetzen und Terroristen jagen und mit welchem Mandat? Das alles wäre kein Abzug. Das wäre eine Truppen- reduzierung! Und alles das nur um den korrupten, unfähigen, aber von den USA eingesetzten Karzai zu beschützen. Die Afghanen spielen schon lange keine Rolle mehr. Kein Brunnen-, Schul- und Brückenbau, sondern Machterhaltssicherung einer westlichen Marionette. Und wir machen schön mit. Das ganze Afghanistan-Abenteuer war ausschließlich eine Rachefeldzug der USA (die anfangs gar keinen anderen dabei haben wollten!). Naja, da hat man schnell den Bündnisfall ausgerufen, der heute noch gilt. Es werden also weiterhin mit dem Leben und der Gesundheit der Soldaten gespielt und nebenbei Unsummen, die man hier gut brauchen könnte bei Bildung, Schulen, Soziales etc., "verballert". Alles Lüge, sang einst Rio Reiser.
Hans58 02.10.2012
2.
Zitat von skruffiDie Menschen werden wieder einmal für dumm verkauft. Was soll das für ein Abzug sein, wenn noch 35000 ausländische Soldaten ein Land teilbesetzen und Terroristen jagen und mit welchem Mandat? Das alles wäre kein Abzug. Das wäre eine Truppen- reduzierung! Und alles das nur um den korrupten, unfähigen, aber von den USA eingesetzten Karzai zu beschützen. Die Afghanen spielen schon lange keine Rolle mehr. Kein Brunnen-, Schul- und Brückenbau, sondern Machterhaltssicherung einer westlichen Marionette. Und wir machen schön mit. Das ganze Afghanistan-Abenteuer war ausschließlich eine Rachefeldzug der USA (die anfangs gar keinen anderen dabei haben wollten!). Naja, da hat man schnell den Bündnisfall ausgerufen, der heute noch gilt. Es werden also weiterhin mit dem Leben und der Gesundheit der Soldaten gespielt und nebenbei Unsummen, die man hier gut brauchen könnte bei Bildung, Schulen, Soziales etc., "verballert". Alles Lüge, sang einst Rio Reiser.
In der Tat wollten die USA für ihren Einsatz im Okt. 2001 niemanden "neben sich haben". Da sie aber im NATO-Rat darauf drängten, dass die Bündnisfallregelung (Art. 5 NATO-Vertrag) greifen sollte, mussten sie einige Nationen neben sich dulden. Extra dafür schufen die USA die Operation Enduring Freedom (OEF). Die Bundeswehr war nur in den ersten Jahren in AFG neben dem ISAF-Einsatz (UN-Mandat) auch im OEF-Einsatz. Seit Jahren ist die Bw nur noch im Rahmen ISAF in AFG. Das Bundestagsmandat für den OEF-AFG-Einsatz lief vor etlichen Jahren aus. Der Großteil der ausl. Truppen in AFG ist ebenfalls nicht im OEF-Einsatz, sondern im ISAF-Einsatz dort. Unabhängig davon hätte der Bündnisfall aus vertragsrechtlichen Gründen bereits im Dezember 2001 für beendet erklärt werden müssen.
lebenslang 02.10.2012
3. schade aber auch
Zitat von skruffiDie Menschen werden wieder einmal für dumm verkauft. Was soll das für ein Abzug sein, wenn noch 35000 ausländische Soldaten ein Land teilbesetzen und Terroristen jagen und mit welchem Mandat? Das alles wäre kein Abzug. Das wäre eine Truppen- reduzierung! Und alles das nur um den korrupten, unfähigen, aber von den USA eingesetzten Karzai zu beschützen. Die Afghanen spielen schon lange keine Rolle mehr. Kein Brunnen-, Schul- und Brückenbau, sondern Machterhaltssicherung einer westlichen Marionette. Und wir machen schön mit. Das ganze Afghanistan-Abenteuer war ausschließlich eine Rachefeldzug der USA (die anfangs gar keinen anderen dabei haben wollten!). Naja, da hat man schnell den Bündnisfall ausgerufen, der heute noch gilt. Es werden also weiterhin mit dem Leben und der Gesundheit der Soldaten gespielt und nebenbei Unsummen, die man hier gut brauchen könnte bei Bildung, Schulen, Soziales etc., "verballert". Alles Lüge, sang einst Rio Reiser.
tja, so schnell wird das mit dem von einigen anti-westlichen strategen erträumten talibanland wohl nichts werden auch nach 2014 nicht.
Bernd.Brincken 02.10.2012
4. Herausforderung
Eine wesentliche Herausforderung bei Afghanistan scheint doch offenbar die richtige Wortsetzung zu sein, dass man einerseits tatsächlich zügig abzieht, andererseits den Gesichtsverlust vermeiden will, dass die bisherige Taktik unter den dortigen Bedingungen vielleicht doch nicht optimal war. Die Insider-Attacken sprechen da eigentlich eine klare Sprache: Einen offenen Kampf mag man als Afghane nicht führen, allein weil er kaum zu gewinnen ist. Also lieber mit den Taliban herumschlagen, die kulturell etwas näher stehen, als mit den Fremden aus dem Westen.
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