Milizen gegen Assad Irakische Qaida baut Macht im Norden Syriens aus

Ein Emir soll regieren, die Scharia herrschen. Direkt an der Grenze zur Türkei will die irakische Qaida einen Gottesstaat erschaffen. Ihre Kämpfer sind im Norden Syriens zur bestimmenden Macht geworden - wer ihnen in die Quere kommt, wird umgebracht.

Al-Qaida in Syrien: Ein Radikalislamist hisst seine Flagge über dem Land
AFP/ YouTube

Al-Qaida in Syrien: Ein Radikalislamist hisst seine Flagge über dem Land


Mohammed Said war ein Revolutionär der ersten Stunde, 25 Jahre alt, glatt rasiert, mit Gel im Haar. Als die Proteste gegen Baschar al-Assad in seiner Heimatstadt Aleppo anfingen, griff der Student zur Handykamera und filmte. Ein gutes Jahr später, als die Rebellen in Teile der Stadt eingezogen waren, stand Said vor der Kamera als Reporter für den arabischen Fernsehsender al-Arabija. Dieser hat ein Kurzporträt des Syrers veröffentlicht. Was vorher nicht möglich war, wollte Said in Syrien nach Assad tun: frei berichten.

Der syrische Journalist machte seine Sache gut, zu gut. Kämpfern der radikalislamistischen Gruppe "Islamischer Staat in Irak und in Syrien" (Isis) missfiel seine Art und seine Berichterstattung. Ende Oktober hat er gerade bei einem Barbier Platz genommen, als vermummte Männer den Laden betraten. Sie schossen Said drei Kugeln in den Kopf. Syrische Aktivisten vermuten die radikalen Islamisten hinter der Tat.

Radikale haben im Laufe des Konflikts in Syrien an Einfluss gewonnen. Isis ist die extremste Gruppe unter ihnen. Ihr Ziel ist es, Theokratien zu schaffen nach dem Vorbild des Kalifats unter dem muslimischen Propheten Mohammed. Die Macht soll darin vom "Emir" ausgehen, einem Isis-Vertreter. Die Gesetze sollen von Gott stammen. Sie sollen der Auslegung entsprechen, die Isis aus dem Koran und den islamischen Schriften macht. Isis empfiehlt Frauen die Burka.


Die Anhänger von Isis sind relativ neu in den Aufständen gegen Baschar al-Assad. Dennoch ist die Gruppe inzwischen eine der wichtigsten Kräfte an der Nordgrenze Syriens, gleich neben dem Nato-Staat Türkei. Der radikalen Miliz kommt zugute, dass ihre möglichen Rivalen stark zersplittert und dezentralisiert sind - lokale Räte und Gruppen, die sich selbst organisieren.

Isis-Dschihadisten im Aufwind

Die Isis-Anhänger sind nach Syrien gekommen und wollen bleiben. In den vergangenen Monaten hat Isis eine brutale Kampagne gestartet gegen jeden, der ihnen unliebsam ist. Die Dschihadisten bezeichnen die Rebellen, die sich der "Freien Syrischen Armee" zuordnen, als Kriminelle. Sie nennen jeden, der nicht ihre Ansichten teilt, einen "Ungläubigen", den es zu bekämpfen gilt. Mit öffentlichen Hinrichtungen versuchen sie die Bevölkerung einzuschüchtern. Ihre Nachschubwege haben sie abgesichert durch Attacken auf Grenzposten, die in der Hand rivalisierender Milizen waren.

Die Isis-Krieger sind zum Großteil keine Syrer. Die Gruppe hat ihren Ursprung im benachbarten Irak, wo sie die US-Soldaten bekämpfte und sich zur Zentralführung von al-Qaida bekannte. Sie schien schon nahezu besiegt, als die polarisierende Politik des irakischen Regierungschefs Nuri al-Maliki ihr neue Sympathisanten bescherte und die Gewalt im benachbarten Syrien ihr neue Chancen eröffnete.

Zu welcher Stärke Isis 2013 zurückgefunden hat, hat die Miliz mit einer Reihe Terroranschläge und spektakulärer Gefängnisausbrüche im Irak bewiesen. Hunderte Mitglieder der irakischen Qaida, darunter führende Köpfe, die teils noch von den Amerikanern verhaftet worden waren, wurden dabei befreit. Im Westen Iraks sind die Radikalen derzeit fest verankert und betreiben Trainingslager genauso wie über die Grenze hinweg in Teilen Syriens.

Der Isis-Oberbefehlshaber, der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi, hatte erst gezögert, selbst in den Kampf nach Syrien zu ziehen. Er schickte einen seiner syrischstämmigen Männer vor, der den Spitznamen "Abu Mohammed al-Golani" trägt. Golani gründete einen schlagkräftigen Isis-Ableger, die sogenannte Nusra-Front, der schnell ein Eigenleben entwickelte.

Radikale setzen auf Zuckerbrot und Peitsche

Als sich Golani nicht mehr einfach nur Baghdadi unterordnen wollte, zog Baghdadi selbst nach Syrien in den Krieg. Dabei hat er sich auch mit der Zentralführung von al-Qaida überworfen, die nichts gegen Golanis Unabhängigkeit hatte. Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri hat bereits die Auflösung von Isis befohlen, doch über die Gruppe hat er wenig Einfluss. Der Beliebtheit von Isis in Dschihadistenkreisen scheinen die Streitereien nicht geschadet zu haben: Einige der extremistischsten Kämpfer in Syrien sind von der Nusra-Front zu Isis übergelaufen.

Der Krieg gegen Baschar al-Assad treibt Isis stetig neue internationale Rekruten zu, die sich im heiligen Krieg glauben. Nicht nur Iraker, auch andere Araber, Tschetschenen oder sogar Westler kämpfen in ihren Reihen.

Syrien ist zum beliebtesten Ziel für Möchtegern-Gotteskrieger geworden, auch für Deutsche, da es vergleichsweise simpel und billig erreichbar ist. Isis hat in den Grenzprovinzen der Türkei ein gut funktionierendes Logistiknetz aufgebaut, über das sie Neuankömmlinge zu ihren Einheiten in Syrien lotsen oder ihren Kämpfern eine Auszeit in der Türkei organisieren.

In Syrien scheint Isis mehr zu erreichen als in den Nullerjahren im Irak, wo Isis keine dauerhafte Präsenz etablieren konnte, da die Bevölkerung sich schnell gegen sie wandte. Denn die Radikalislamisten scheinen im Irak eine Lektion gelernt zu haben: Nicht allein mit Terror versuchen sie es in Syrien, sondern auch mit Wohltaten.

Isis verteilt in Syrien auch Lebensmittelpakete und Eiscreme, wirbt mit Plakaten für sich und ihre Prinzipien. Die Islamisten-Kämpfer organisieren Wettbewerbe sowie Religionsunterricht für Kinder und inszenieren sich als Saubermänner, die für Recht, Ordnung und Anstand sorgen. Der Krieg gegen Baschar al-Assads Kämpfer scheint dagegen nicht ihre Priorität zu sein.

insgesamt 129 Beiträge
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Gottloser 09.11.2013
1. Alles im Namen Gottes?
Oder alles im Namen der Allwissenden USA. Jedenfalls ein neuer Krisenherd, den man mit mehr Fingerspitzengefühl hätte verhindern können. Jetzt bringt halt al-Qaida die amerikanische Demokratie. Oder etwa nicht?
ariovist1966 09.11.2013
2. Na danke!
Das haben die USA ja wieder gut hingekommen. Assad wird, wie vor ihm andere Herrscher, solange bekämpft, bis wieder ein neuer Staat unter einer islamistisch geprägten Regierung leidet. Na wenigstens zeigt sich bei den islamistischen Rebellen das wahre Gesicht des Islam. Und die eurpäischen Demokratien sehen zu. Wer wird wohl den Christen in Syrien helfen, einer der ältesten christlichen Gemeinden überhaupt.
richard-erb 09.11.2013
3. Nein wie überraschend.
Da hätte ja niemand mit gerechnet, dass die Islamisten gerne die Waffen und das Geld annehmen und dann die Hand, die sie gefüttert hat, beissen. Ich frag mich manchmal, wie dämlich man eigentlich sein muss, Terroristen zu finanzieren, deren gesamtes Wertesystem diametral dem eigenen entgegensteht. Aber das waren ja alles Demokraten, die die Syrer von Assad befreien sollten. Na ja, nicht alle können noch befreit werden. Die gut 100.000 Menschen, die dabei als Kollateralschaden bereits getötet wurden, scheinen den Kriegstreibern in USA und Saudi Arabien anscheinend akzeptabel.
aramcoy 09.11.2013
4. Verzerrte Darstellung
Das ist aber eine extrem verzerrte Darstellung. Das sind liberale Freiheitskämpfer gegen das Pöse/den Pösen der in Syrien regiert. Schland und alle anderen der Meinungsfreiheit verpflichteten Kräfte müssen diese Freiheitskämpfer unbedingt unterstützen. Das sagen doch auch unsere Freunde die Amis also - auf in den Krampf - die NSA sicher unsere Freiheit - ach ja und die Erde ist eine Scheibe.
LeonLanis 09.11.2013
5. Eine sehr wesentliche Information
Zitat von sysopAFP/ YouTubeEin Emir soll regieren, die Scharia herrschen: Direkt an der Grenze zur Türkei will die irakische al-Qaida einen Gottesstaat erschaffen. Ihre Kämpfer sind im Norden Syriens zur bestimmenden Macht geworden - wer ihnen in die Quere kommt, wird umgebracht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/isis-in-syrien-wird-iraks-al-qaida-zu-einer-der-wichtigen-milizen-a-931017.html
wird uns in dem Artikel vorenthalten: Welche Staaten haben diese Islamfaschisten mit Geld und Waffen unterstützt und tun es noch und durch welche Länder verlaufen die Nachschubwege? Die Eroberung von Grenzposten an der türkischen Grenze wäre doch zwecklos, wenn der Nato-Staat Türkei die Grenze nicht offen halten würde. Oder habe ich da etwas nicht verstanden?
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