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18. September 2006, 15:51 Uhr

Islam-Äußerungen

Chamenei sieht im Papst einen Kreuzzügler

Aufruhr und Empörung auch nach dem öffentlichen Bedauern des Papstes: Al-Qaida ruft zum Krieg gegen Christen, Islamische Staaten fordern eine Religionsdebatte bei der Uno - und Irans geistliches Oberhaupt sieht in Benedikts Äußerungen das "letzte Glied eines Komplotts für einen Kreuzzug".

Rom/Bagdad/Dubai/Teheran - Ayatollah Ali Chamenei kritisierte die umstrittenen Islam-Äußerungen von Papst Benedikt XVI. scharf. In einer Ansprache sagte er, die Passagen der Papst-Rede in Regensburg seien das "letzte Glied eines Komplotts für einen Kreuzzug". Vorausgegangen seien der Papst-Rede die Veröffentlichung "beleidigender" Karikaturen des Propheten Mohammed und Äußerungen westlicher Politiker.

Die Organisation Islamischer Staaten rief zu einer Debatte über religiöse Toleranz im Uno-Menschenrechtsrat auf. Der pakistanische Botschafter bei dem Uno-Gremium forderte, der Rat solle dazu in dieser Woche Zeit reservieren. Zugleich sagte er, die Organisation Islamischer Staaten sei überzeugt, dass der Papst bei seinem Auftritt am Sonntag "sein Bedauern ausgedrückt, sich von dem Text distanziert und seine Einladung zu einem offenen und aufrichtigen Dialog in gegenseitigem Respekt erneuert habe". Der Papst hatte bei seinem gestrigen Auftritt in Castelgandolfo sein Bedauern über die Missverständnisse nach seiner Rede ausgedrückt. Von der Rede selbst hatte er sich jedoch nicht distanziert.

Im südirakischen Basra verbrannten Demonstranten aus Protest gegen die Islam-Rede des Papstes deutsche Fahnen und ein Abbild des Pontifex. Die gut 500 Teilnehmer einer Kundgebung forderten eine Entschuldigung des Papstes. Sie waren einem Aufruf des einflussreichen Ayatollahs Machmud al-Hassani gefolgt. Auch Flaggen der USA wurden von den Demonstranten angezündet. Der Papst beteuerte bereits gestern sein Bedauern über die Missverständnisse seiner Äußerungen.

Nichtsdestotrotz kündigte die Terrororganisation al-Qaida Vergeltung an. "Wir sagen dem Diener des Kreuzes: Warte auf die Niederlage", hieß es in einer gestern im Internet veröffentlichten Erklärung der Qaida im Irak. "Wir sagen den Ungläubigen und Tyrannen: Wartet, was euch heimsuchen wird. Wir setzen unseren heiligen Krieg fort", hieß es weiter. "Wir werden das Kreuz zertrümmern."

Der Vatikan versucht inzwischen verstärkt, die Lage zu entschärfen. Die Botschafter des Kirchenstaates in den muslimischen Ländern seien angewiesen worden, den Text der Papst-Rede bekannt zu machen. Sie sollen die "bisher nicht beachteten Elemente hervorheben", sagte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera". Bisher sei der Vatikan das Opfer einer "schweren Manipulation" des Textes geworden. Dieser sei so abgeändert worden, dass er nicht mehr den Absichten des Papstes entsprochen habe.

"Ich hoffe, dass der Dialog mit dem Islam im Sinne der Absichten des Papstes und der Kirche wieder aufgenommen wird", sagte Bertone. Dies solle über die Vatikan-Diplomaten geschehen, über die kulturellen Eliten und über den vatikanischen Rat für den interreligiösen Dialog.

"Die Welt toleriert nichts, was gegen den Propheten geht"

Der Streit um die Äußerungen des Papstes eskalierte außer im Irak und in Iran auch in anderen muslimischen Ländern. Nach einem Aufruf islamischer Politiker zum Proteststreik gegen die Äußerungen des Papstes sind im indischen Bundesstaat Kaschmir viele Läden und Behörden geschlossen geblieben. Der Verkehr in der muslimisch dominierten Sommerhauptstadt Srinagar war schwach, viele Geschäfte und Ämter folgten dem Aufruf. Aufgerufen hatte die Hurriyat-Konferenz, ein von islamischen Gruppierungen getragenes Parteienbündnis. Der Streik solle zeigen, dass "die Welt nichts toleriert, was sich gegen unseren Glauben und unseren Propheten richtet", stand in einer Erklärung der Organisation.

Zuvor hatte schon der einflussreiche islamische Würdenträger Scheich Jussuf al-Kardawi weltweit zu einem "Tag des friedlichen Zorns" aufgerufen. Er rief im katarischen Fernsehsender al-Dschasira Muslime auf, mit Demonstrationen und Sit-ins nach der Freitagspredigt in den Moscheen gewaltlos gegen das katholische Kirchenoberhaupt zu protestieren. Der ägyptischstämmige katarische Geistliche verbot seinen Anhängern, Kirchen anzugreifen.

Zugleich forderte er die Botschafter arabischer und islamischer Staaten im Vatikan dazu auf, beim Kirchenstaat schriftlich Protest gegen die umstrittenen Redeäußerungen Benedikt XVI. einzulegen und vom Heiligen Stuhl organisierte Veranstaltungen zu boykottierten.

"Das sind keine Entschuldigungen, das ist ein Vorwurf"

Kardawi warf dem Papst vor, sich mit seiner Klarstellung am Sonntag nicht wirklich entschuldigt zu haben. "Das sind keine Entschuldigungen. Das ist ein an die Muslime gerichteter Vorwurf, dass sie seine Worte nicht verstanden haben", sagte er al-Dschasira. Solange Benedikt XVI. seine Worte nicht zurückziehe, werde der Dialog zwischen Muslimen und Christen eingestellt. Kardawi, der als Chef der sogenannten Weltunion der moslemischen Ulama über Autorität bei sunnitischen Moslems verfügt, äußerte sich in einer beliebten wöchentlichen Religionssendung.

Kardawi gehört zu jenen muslimischen Geistlichen, die sonst selbst nicht zimperlich sind: So hat der Gelehrte in der Vergangenheit gesagt, die Säkularisierung sei im Westen nötig gewesen (und nur dort), um den Menschen aus den Fesseln des Christentums zu befreien. Denn dieses sei unzulänglich, weil nicht wirklich auf Gott hingewandt. Das kann man als ziemlich fundamentalen Angriff auf das Christentum werten.

Nach den Drohungen gegen den Papst hat die Stadt Rom die Sicherheitsmaßnahmen an den wichtigsten Monumenten verschärft. Rings um den Petersplatz bilden sich seit gestern lange Schlangen, weil die Besucher von Metalldetektoren durchleuchtet werden. Sporadisch würden Touristen jetzt auch aufgefordert, ihre Taschen zu öffnen und durchsuchen zu lassen, bevor sie in den Petersdom eingelassen werden, berichtet "Il Messaggero" heute. Gleichzeitig ist der Luftraum über dem Vatikan und der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo seit gestern für den Flugverkehr gesperrt.

Der Papst hatte bei einem Vortrag in Regensburg am Dienstagabend unter anderem die Äußerung eines byzantinischen Kaisers zitiert, der Begründer des Islams, Mohammed, habe "nur Schlechtes und Inhumanes" in die Welt gebracht.

asc/AFP/dpa

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