Islam Aufregung in Ägypten - eine Frau wird Standesbeamtin

Sie ist die erste Frau der islamischen Welt in diesem Job: Die ägyptische Juristin Amal Soliman wollte partout Ma'zoun werden - Standesbeamtin. Die Zustimmung der Theologen hat sie, aber selbst konservative Frauen sind entsetzt: Welcher Mann wird eine so geschlossene Ehe ernst nehmen?
Von Amira El Ahl

Kairo - Wer denkt, dass Frauen in Ägypten an den Herd gefesselt sind und ihre einzige Aufgabe darin besteht, Kinder zu erziehen, liegt falsch. Frauen arbeiten hier nicht nur als Lehrerin oder Krankenschwester, sondern auch als Ärztin, Richterin, Botschafterin oder Unternehmerin. Andere werden Journalistinnen, sie berichten aus Kriegsgebieten, leiten Talkshows und Nachrichtensendungen. Arbeitende Frauen sind kein Phänomen, sondern die Norm.

Doch trotz alldem hat der Berufswunsch einer jungen Frau in Ägypten für Schlagzeilen gesorgt. Amal Soliman will Ma'zoun werden. Der Ma'zoun ist ein Gerichtsbevollmächtigter für Eheschließungen und Scheidungen. Bislang füllte diese Rolle immer ein Mann aus, noch nie gab es einen weiblichen Ma'zoun. "Dass der Ma'zoun männlich ist, ist eine reine Tradition", sagt Amal Soliman, "und Traditionen können ja gebrochen werden."

Amal Soliman hat ein offenes Lächeln, sie trägt ein lilafarbenes Kostüm mit langem Rock, Haare und Hals sind mit einem beigefarbenen Kopftuch bedeckt, das große, lilafarbene Blumen schmücken. Sie sitzt in ihrem Haus in Al-Kanayat, einer Kleinstadt im Delta, etwa 90 Kilometer nord-östlich von Kairo gelegen. Das schmale Haus gehört der Familie ihres Mannes, im Untergeschoss wohnt die Großmutter, unterm Dach der Bruder des Mannes. Das Haus steht in einer kleinen, staubigen Seitenstraße, hier schmiegt sich ein Bau an den nächsten. Wäsche hängt vor dem Balkon, auf der Straße spielen Kinder Fangen.

Die Wohnung ist klein, viel Platz für Amal, ihren Mann und die drei Kinder gibt es nicht, aber es ist gemütlich und gepflegt, die Schuhe bleiben vor der Tür, und auf der grün-beige gestreiften Wohnzimmergarnitur sitzt ein weißer Plüsch-Teddy. Eigentlich gehört Amal Soliman gar nicht hierher, sie kommt aus der Provinzhauptstadt Zagazig. Dort ist sie aufgewachsen, dort hat sie Jura studiert, und dort will sie auch wieder hin. Zumindest sehnt sie sich nach einer größeren Wohnung in einer größeren Straße, mit mehr Platz und weniger Müll. Auch deshalb will sie unbedingt diesen Job, um ihr eigenes Geld zu verdienen und ihren Mann zu unterstützen.

Zehn Empfehlungsschreiben und ein Jura-Abschluss

Die Idee, Ma'zoun zu werden, kam Amal Soliman im vergangenen Herbst. Da starb der Onkel ihres Mannes, der jahrzehntelang Ma'zoun in al-Kanayat war. Da keiner seiner Söhne in die Fußstapfen des Vaters treten wollte, wollte sie es selber versuchen. "Ich erfülle alle Bedingungen, die ein Ma'zoun benötigt", sagt Soliman. Sie ist über 21 Jahre alt, sie ist Ägypterin, Muslimin und hat Jura studiert. Zuerst habe sie Bedenken gehabt, "ich hatte Angst, dass mich die Leute auslachen würden", gesteht Soliman. Doch ihr Mann unterstützte sie in ihrem Vorhaben, holte Rat ein und besorgte gemeinsam mit ihr Empfehlungsschreiben von zehn Männern im Ort, die sie für ihre Bewerbung benötigte. "Die Männer müssen bestätigen, dass ich für diese Arbeit geeignet und ein guter Mensch mit tadellosem Charakter bin."

Warum sich auch Frauen gegen die Frau im Standesamt wehren

Amal Soliman ist keine Feministin, aber eine Frau, die bereit ist, für ihr Recht zu kämpfen. "In der Verfassung ist die Gleichberechtigung von Frau und Mann verankert, und darauf berufe ich mich." Als promovierte Juristin weiß sie um ihre Rechte. "Der Ma'zoun ist kein religiöses Amt, sondern er ist Angestellter des Staates, er ist ein simpler Beamter", erklärt Soliman. Er muss ein Diplom in Scharia – islamischem Recht – oder allgemeinem Recht haben, aber keine theologische Ausbildung vorweisen. "Nur, weil die Menschen im Fernsehen immer einen Mann als Ma'zoun sehen, der möglicherweise auch noch ein Scheich ist, denken sie fälschlicherweise, dass dies so sein muss."

Den Beruf des Ma'zoun – des Standesbeamten - gibt es erst seit etwa 100 Jahren, vorher wurden Ehen mündlich zwischen dem Vater der Braut und dem Bräutigam vereinbart. Mit dem Islam hat der Beruf – anders als allgemein angenommen - wenig zu tun.

"Was soll daran verboten sein, als Frau Ehen zu schließen?"

Der ungewohnte Berufswunsch der 32-Jährigen hat in Ägypten für Aufsehen gesorgt und ihr neben vielen Unterstützern auch viele Gegner beschert. Prominente Unterstützung bekommt sie vom Mufti Ali Gomaa, der höchsten Instanz im Islam. Er hat in einer Fatwa – einem religiösen Gutachten - erklärt, dass es Frauen erlaubt ist, Ma'zoun zu werden. Auch der Justizminister sagt, dass nichts gegen eine Frau als Standesbeamtin spricht, vor allem, weil der Ma'zoun ein Staatsbeamter ist.

Unter ihren Gegnern finden sich Männer wie Frauen, Kleriker an der Al-Azhar-Universität ebenso wie in Al-Kanayat. Auf den Straßen des 43.000-Einwohner-Städtchens sind die Meinungen zu Amal Solimans Vorhaben geteilt. Schneidermeister Hamid, dessen winziger Laden gegenüber der großen Moschee des Stadt liegt, ist begeistert von Solimans Vorhaben. "Sie ist mutig, und ich unterstütze sie. Was sollte daran verboten sein, als Frau Ehen zu schließen?" Doch auch viele Frauen wehren sich gegen das Konzept eines weiblichen Ma'zoun.

Karima ist eine groß gewachsene Frau, sie trägt den Khimar, einen Schleier in A-Form, der nicht nur Haare und Hals, sondern auch den Oberkörper komplett bedeckt. Ihre Ablehnung begründet sie mit der Einstellung der Männer, die nie einen weiblichen Ma'zoun akzeptieren würden. "Vielleicht einer in einer Million akzeptiert so etwas, der Rest lehnt das doch ab", argumentiert sie. Außerdem könne eine Frau bei einer Scheidung nicht objektiv handeln, sondern wäre automatisch auf Seiten der Frauen. Das könne nicht funktionieren.

Unterstützung erhält Karima von ihrem Onkel Scheich Ibrahim Raschid. Er trägt eine dunkel-graue Galabiyya, das traditionelle Gewand der islamischen Kleriker, und eine schwarz umrandete Sonnenbrille mit blauen Gläsern. Das moderne Accessoire täuscht, der Mann ist streng konservativ und ein vehementer Gegner neumodischer Trends. "Wir leben im Zeitalter von Fitna", sagt er, was eine Auflehnung gegen das bestehende religiöse Dogma beschreibt. Was Amal Soliman betreibe, stelle die Tradition auf den Kopf und zerstöre das Gleichgewicht der Gesellschaft. Dass sogar der Mufti eine Fatwa zu Gunsten der Juristin erlassen habe, zeugt nach Meinung des Scheichs nur vom herrschenden Niedergang der Gesellschaft.

"Ich kämpfe gegen zehn Männer"

Dass eine Frau, die ihre Periode hat, den Koran nicht anfassen, nicht beten oder eine Moschee betreten kann, ist ein Hauptargument für Menschen wie Scheich Ibrahim Raschid. Doch Amal Soliman weiß auch darauf zu antworten. "Um zwei Menschen zu verheiraten, muss ich den Koran nicht anfassen", erklärt die Muslimin. Die Zeremonie, so lange sie nicht in einer Moschee stattfindet, ist weitgehend weltlich gestaltet. Das wichtigste Stück der Zeremonie ist der Ehevertrag, der vom Ma'zoun aufgesetzt und den Ehepartnern unterschrieben wird. Wenn ein Paar unbedingt in der Moschee heiraten will, kann Amal Soliman einen Vertreter schicken, der den von ihr aufgesetzten Vertrag vorlegt.

Menschen, die versuchen, ihre Wahl zu verhindern, nennt Amal Soliman "ignorant". Sie schätzt, dass die Mehrheit der Menschen in al-Kanayat auf ihrer Seite sind, "und die 30 Prozent, die gegen mich sind, verstehen die Arbeit eines Ma'zoun nicht".

Am Montag hat der Präsident des Familiengerichts in Zagazig seine Entscheidung getroffen. Amal Soliman bekommt den Job. Sie hat sich damit nicht nur gegen zehn weitere Bewerber - allesamt Männer - durchgesetzt, sondern schreibt auch ein kleines Stück Geschichte. "Ich habe eigentlich immer damit gerechnet, den Posten zu bekommen", sagte Amal nach der Entscheidung. Die junge Frau ist nicht nur selbstbewusst und optimistisch, sie hatte von allen Bewerbern auch einfach die höchste Qualifizierung für die Position.

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