Muslime und Toleranz Wer Allah liebt, verteidigt keinen Mord

Der Islam muss Kritik aushalten. Und er muss endlich aufhören, Morde im Namen des Glaubens zu verteidigen. Wo sind die Muslime, die für Meinungsfreiheit auf die Straße gehen? Es ist Zeit für ein Zeichen.

Muslime in Frankreich: Zeit, offen und lautstark für Meinungs- und Pressefreiheit einzustehen
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Muslime in Frankreich: Zeit, offen und lautstark für Meinungs- und Pressefreiheit einzustehen

Ein Debattenbeitrag von Ibrahim Quraishi


Zum Autor
    Ibrahim Quraishi, Künstler und Autor, beschäftigt sich mit den Medien Fotografie, Bildkunst und Video/Film. Er lebt seit mehr als zehn Jahren in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Seine Familie stammt aus dem Jemen und Usbekistan. Quraishi hat Beiträge in Publikationen wie "Libération" (Frankreich), "MIT Press" (USA) und "Kommersant" (Russland) veröffentlicht. Sein Kinderbilderbuch über den Gaza-Streifen "The Story of Hurry" ist bei Seven Stories Press in New York erschienen. Als Künstler hat er seine Werke in vielen Ländern gezeigt.
"Charlie Hebdo" war respektlos. Respektlos gegenüber allen Ideologien und allen sozialen und ökonomischen Trends. Als die Satirezeitung aber begann, den Islam zu kritisieren und in Frage zu stellen, rief das die Abwehrmechanismen der gesamten islamischen Welt auf den Plan. Viele forderten und ermutigten Vergeltung und Bestrafung bis hin zu Morddrohungen.

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Heft 4/2015
Warum junge Männer Europa den Krieg erklären

Ist der Islam also so unsicher, so wenig selbstbewusst, dass er diejenigen nicht tolerieren kann, die ihn infrage stellen? Oder ihn einfach nur spielerisch verspotten? Sind zwölf Karikaturen, die den Propheten zeigen, es tatsächlich wert, Gott zu rächen durch Massenmord an Zivilisten?

Müssen wir ständig die Horrortaten des kolonialen Frankreich, den endemischen Rassismus und die wahrlich bedauernswerten Zustände in den Pariser Banlieus bemühen, um Gewalt zu rechtfertigen? Und müssen wir immer wieder betonen "Nein, das hat nichts mit Islam zu tun" oder "Der Islam ist eine friedliebende Religion"? Offensichtlich hat es doch etwas mit dem Islam zu tun, wenn Killer "Rache für Allah" schreien!

Menschen glauben an Religion und nicht an eine Abstraktion. Die Gründe sind sicher komplex, aber wir müssen endlich aufhören, Mörder zu verteidigen, die schreckliche Taten im Namen der islamischen Religion begehen. Wir müssen endlich aufhören, immer wieder historische Ungerechtigkeiten anzuführen, um Entschuldigungen zu finden. Entschuldigungen, hinter denen sich die muslimischen Gemeinschaften in einer empfundenen Opferrolle verstecken, um ihre Verantwortung nicht wahrnehmen zu müssen.

Ich frage: Wo sind die muslimischen Massenproteste gegen diese abscheulichen Mordaufrufe? Wo sind die kraftvollen Stimmen unserer Führungsfiguren? Figuren, die zwar - völlig zu Recht - immer lautstark protestieren, wenn die israelische Besatzungsmacht Rechte des palästinensischen Volkes missachtet. Von denen man aber nichts hört, wenn es um die Missachtung der Grundrechte auf Meinungs- und Pressefreiheit geht. Die ihre Stimme nicht erheben gegen Aufrufe zur Gewalt. Gewaltaufrufe, die angeblich inspiriert sind von dem Bedürfnis, den Islam zu verteidigen. Wo sind die Stimmen der islamischen Mehrheit? Warum schweigt sie jetzt noch immer?

Der Islam muss Kritik aushalten

Wir sind dringend aufgefordert, tief in uns selbst hineinzuhören, um die spirituellen und soziopolitischen Gründe zu finden, die diesen tollwütigen Fanatismus innerhalb unserer Gemeinschaften möglich machen und päppeln! Vielleicht sind es ja die Weltanschauungen und Versprechungen der Imame und ihrer wahhabitischen Geldquellen, welche die Illusion nähren, ein Leben in der ultimativen Umma (islamische Gesellschaft - d. Red.) statt in der Gesellschaft der "unreinen" Ungläubigen des Westens sei erstrebenswert.

Wir müssen endlich akzeptieren, dass es absolut KEINE Entschuldigung für Anstiftung zur Gewalt gibt, um Meinungs- und Pressefreiheit zu behindern! Andernfalls fänden wir uns bald in Verhältnissen wie in Afghanistan, Ägypten, Pakistan, China, Nigeria, Saudi-Arabien oder Nordkorea wieder, wo jede Äußerung von Kritik einfach erstickt wird, bevor sich die Chance auf einen zivilen Diskurs ergibt.

Wir sind uns einig. Auch in Frankreich existiert Rassismus. Wie in allen anderen europäischen Gesellschaften. Wie aber auch in den Gesellschaften des mittleren- und nahen Ostens! Aber alle die, die die Schuld den Opfern zuschieben wollen, wegen deren angeblicher Beleidigung des Islams, oder diese auch nur damit erklären zu versuchen, die beleidigen die Komplexität der französischen und anderer europäischen Gesellschaften. Gesellschaften, die lange und hart für ihre Meinungs- und Pressefreiheit gekämpft haben, als eines der Grundprinzipien der pluralistischen Gesellschaft. Sie beleidigen aber auch die zaghaften Anfänge eines Diskurses, der auch in den muslimischen Gemeinschaften dringend notwendig ist.

Und, nicht zuletzt: Jeder, der diese kriminellen Taten ignoriert oder gar zu entschuldigen versucht, schlägt all jenen Europäern ins Gesicht, die tagtäglich viele Tausende von muslimischen Flüchtlingen tatkräftig unterstützen. Flüchtlinge, die gerade einer Welt entkommen sind, in der sie für ihren Glauben und ihre Hoffnungen an eine freie Gesellschaft bombardiert wurden (tatsächlich und intellektuell). Bombardiert und terrorisiert im Namen Allahs.

Es ist höchste Zeit für ein Zeichen aus der Mitte der islamischen Gemeinschaften, bevor unsere Agenda komplett von der extremen Rechten besetzt wird! Es ist höchste Zeit für Muslime, offen und lautstark für Meinungs- und Pressefreiheit einzustehen, auch wenn sie sich dadurch persönlich attackiert fühlen.

Denn letztlich muss der Islam, eine Religion, der weltweit mehr als eine Milliarde Menschen angehören, in der Lage sein, Kritik auszuhalten. Andernfalls wird er nur noch als eine reaktionäre, ideologische Kraft der Gewalt und Unterdrückung wahrgenommen werden und nicht als eine spirituelle Bewegung.

Islamische Verbände in Deutschland
Zentralrat der Muslime
Er ist am bekanntesten. Das liegt am Vorsitzenden Aiman Mazyek, öffentliches Gesicht der Muslime in Deutschland. Er nimmt häufig Stellung zu aktuellen Fragen und ist gut vernetzt. Mazyek setzt sich gegen Islamophobie und für einen christlich-islamischen Dialog ein. Der ZMD in Köln hat 24 muslimische Organisationen als Mitglieder. Unter den Dachverbänden gehört er aber zu den Kleinen - mit 300 Moscheegemeinden und 15.000 bis 20.000 Mitgliedern. Der Verband vertritt Muslime aus vielen Ländern. Islamexpertin Lale Akgün sagt: "Herr Mazyek ist medial sehr präsent, kann aber nur für eine kleine Minderheit der Muslime sprechen."
Ditib
Die Türkisch Islamische Union ist mit Abstand die größte muslimische Organisation, wächst weiter und vertritt rund 900 Gemeinden. Sie untersteht der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Ihre Ortsvereine machen vielerorts in Deutschland durch Moscheebauten auf sich aufmerksam. In Köln baut sie den bundesweit größten Moscheekomplex. Die Ditib gilt als konservativ. Sie richtet sich strikt an den Vorgaben aus Ankara aus. Der Vorstandsvorsitzende wechselt häufig. Bekanntestes Gesicht ist der langjährige Dialogbeauftragte und Geschäftsführer Bekir Alboga.
Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ)
Mit 300 Moschee- und Bildungsvereinen gilt er als unpolitisch und tief religiös. Er bildet Imame aus und hat überwiegend türkische Mitglieder.
Koordinationsrat der Muslime (KRM)
Hier sind seit 2007 neben ZMD und Ditib auch Islamrat und VIKZ zusammengeschlossen. Die Verbände wollen sich damit besser Gehör verschaffen und auch als Ansprechpartner für die Politik mehr Einfluss zu gewinnen. Der KRM geht davon aus, er vertrete 85 Prozent der Moscheegemeinden. Islamwissenschaftler Ralph Ghadban sagt: maximal 15 Prozent. Die KRM-Mitglieder laden alljährlich am 3. Oktober zum Tag der Offenen Moschee.
Islamrat
Er bekennt sich uneingeschränkt zum Grundgesetz und den Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung, wie es in seiner Selbstdarstellung heißt. Sein größtes Mitglied Milli Görüs (MG) ist aber umstritten, der Verfassungsschutz führt MG als islamistische Organisation, allerdings ist diese Einschätzung nach Reformen bei Milli Görüs in der Diskussion. Der Hamburger Verfassungsschutz beobachtet Milli Görüs nach Reformen - getragen durch jüngere Mitglieder - weitgehend nicht mehr.
Liberal-Islamische Bund (LIB)
Der LIB ist ein neuer, kleiner Verband. Die Vorsitzende Lamya Kaddor ist derzeit gefragte Interview-Partnerin. In Abgrenzung zu den anderen Verbänden legt der LIB den Islam bewusst sehr zeitgemäß aus. Kaddor sagt: "Wir Muslime müssen Extremismus in unseren Reihen bekämpfen. Da müssen wir viel entschlossener ran."
Alevitische Gemeinde Deutschland
Aleviten sind nach den Sunniten die zweitgrößte Konfession der Türken in Deutschland. Ihre religiösen Regeln sind weniger streng, viele Kurden in Deutschland sind Aleviten.
Religionsräte
In Ländern wie Niedersachsen, Hamburg oder Bremen haben sich religiöse Dachverbände (Schura) gebildet, um der Politik als Ansprechpartner etwa für Religionsunterricht zu dienen. Der Islam-Experte der Friedrich-Ebert-Stiftung, Dietmar Molthagen, sagt: "Sie schaffen es, den Vertretungsanspruch einzulösen." In Berlin wird derzeit die Gründung einer Schura erwogen.
Türkische Gemeinde in Deutschland
Die Türkische Gemeinde ist eine säkulare politische Interessenvertretung. Ihr Ex-Chef Kenan Kolat trat umtriebig für Integration ein. Seine Nachfolger Gökay Sofuoglu und Safter Çinar sind noch nicht so präsent.



insgesamt 218 Beiträge
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Seite 1
Lexx 22.01.2015
1.
Ich denke es gibt genug Muslime, die demonstrieren, es wird nur kaum in den Medien erwähnt. Ist ja auch langweilig, mit Gewalt, Rassismus und Hass lässt sich mehr Geld verdienen... Man sieht ja an aktuellen Ereignissen welche Macht die Medien haben. Diese sind auch Schuld für die Entstehung von Pegida.
softwareentwickler 22.01.2015
2. Danke
für diesen Artikel. Eine selbstbewusste Religion sollte keine Angst vor Kritik haben.
brzymek 22.01.2015
3. Morde im Namen des Islam
Nun' die Westmächte sollten aber auch aufhören Morde und Folter mit Demokratie zu rechtfertigen
humpalumpa 22.01.2015
4. Danke für diesen Artikel!
Das ist der erste Artikel, der das Problem einfach mal direkt anspricht! Und Kritik sollte auch kein Tabu mehr sein, egal an wem!
umdenker62 22.01.2015
5. Danke
wenigstens einer der mal mitdenkt!
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