Islam in der Türkei Wenn Frauen besondere Reize aussenden

Sind es nur einzelne Episoden - oder stehen sie doch für einen allgemeinen Trend? Mehrere aktuelle Ereignisse schüren in der Türkei die Sorge vor einer schleichenden Islamisierung des Landes. Die Rolle der moderaten Religionsbehörde DIB wird dabei immer unklarer.

Von , Istanbul


Istanbul - Es muss schwer sein, ein gottgefälliges Leben zu führen, in einer globalisierten Welt voller Reize und Versuchungen.

Türkische Frau mit strengem Kopftuch: Sorge vor der schleichenden Islamisierung
AFP

Türkische Frau mit strengem Kopftuch: Sorge vor der schleichenden Islamisierung

Davon kann sicher jene Dame ein Lied singen, die vor einigen Tagen auf einem KLM-Flug von Istanbul nach Amsterdam neben einem fremden Mann sitzen sollte. Weil dies gegen die islamische Geschlechtertrennung verstoße, verlangte die empörte Frau umgehend einen anderen Platz. Oder jener Hotelinhaber, der das in der Türkei bislang unbekannte "Dubaimodell" anwandte und seinen ausländischen Touristen Alkohol verkaufte, inländischen aber nicht. Muslimen, so der Mann, sei das schließlich nicht gestattet. Kurze Zeit später wurde das Hotel allerdings kurzfristig geschlossen, weil der Besitzer überhaupt keine Lizenz zum Alkoholausschank besaß.

In der türkischen Presse mehren sich in diesen Tagen Anekdoten wie diese, die eine schleichende Islamisierung des Landes nahe legen. "Ein neuer Way of life kommt auf uns zu", befürchtet der Fernsehmoderator Mehmet Ali Birand, der sich bislang kaum der Islamophobie verdächtig gemacht hat. "Unsere Gesellschaft transformiert sich in allen Bereichen."

Den vorläufigen Höhepunkt markiert ein Dokument, das vor einigen Tagen Journalisten der Zeitung "Radikal" aus der Website des Amtes für religiöse Angelegenheiten, dem "Diyanet Isleri Baskanligi" (DIB), ausgegraben haben. Es handelt sich um einen Leitfaden für das gute und vorbildliche Leben der muslimischen Frau. Flirten, so heißt es da, sei nicht mehr und nicht weniger als Ehebruch. Der Kontakt mit fremden Männern müsse generell vermieden werden. Der Gebrauch von Parfüm außerhalb des eigenen Hauses sei Sünde. "Frauen müssen vorsichtiger sein, sie senden besondere Reize aus", so der Text weiter. Frauen und Männer am selben Arbeitsplatz seien deswegen eine besonders große Gefahr für die Gesellschaft.

Mit großen Buchstaben machte "Radikal" am Dienstag auf die Benimmliste aufmerksam. Auch die "Turkish Daily News" widmete sich ihr. Von einer Geisteshaltung, die es den Taliban gleichmache, die ihre Frauen hinter Burkas verstecken, sprach der Kolumnist Yusuf Kanli. "So wird Gewalt gegen Frauen erst gerechtfertigt", sagte Kizbes Aydin, eine Frauenrechtlerin. "Mit Ausreden wie: Sie benutzte Parfüm, oder: Sie zog sich provozierend an."

Dass ausgerechnet die mächtige Religionsbehörde DIB hinter dem Absender steht, irritiert. Sie überwacht alle 80.000 Moscheen in der Türkei, bezahlt die Imame, schreibt sogar deren Freitagspredigten. Als noch von Atatürk eingerichtete Institution, um die Türkei von rückwärtsgewandtem Gedankengut zu befreien, ist sie eigentlich bekannt dafür, einen modernen Islam zu fördern. Ihr Präsident Ali Bardakoglu gilt als renommierter Reformtheologe. Er empfing 2006 den Papst, trotz dessen umstrittener Regensburger Rede, und forderte den "Dialog der Religionen". Anfang des Jahres machte das DIB zudem mit einem Papier von sich reden, dass Frauen empfahl "zurück zu schlagen, wenn sie von ihrem Mann geschlagen werden". Aus dem Islam, so ein Amtssprecher, könne keineswegs das Recht hergeleitet werden, Frauen Gewalt anzutun. Und mit einem gewaltigen Forschungsprojekt will Bardakoglu derzeit alle nicht authentischen Aussprüche des Propheten Mohammed, die sogenannten Sunna, aus den Lehrbüchern bannen, darunter auch die besonders frauenfeindlichen.

Eine vom Islam gedeckte Gleichberechtigung und eine konservative Sexualmoral – für viele Musliminnen ist das nicht unbedingt ein Widerspruch. Sie sehen in den Verhaltensregeln einen privilegierten Schutz für ihr Geschlecht. Für andere Frauen, säkulare Türkinnen, kommt der Sittenkatalog einem Rückschritt in die Steinzeit gleich. "Die Türkei ist nicht Saudi-Arabien", sagt Lale, eine Studentin. "Soll ich mit Männern künftig nur noch übers Internet kommunizieren?"

Auf der Webseite des DIB war die umstrittene Schrift am Wochenende nicht mehr aufrufbar. Stattdessen konnten User unter dem entsprechenden Link ein persönliches Onlineformular zu kniffligen Alltagsfragen in Bezug auf den Islam abschicken. Etwa zum Thema künstliche Befruchtung, Schönheitschirurgie oder Geschlechtertrennung.

Und welchen Rat bekommt man als Frau zu der Flugzeug-Situation? Antwort: Ein Platzwechsel ist nicht notwendig, solange noch andere Passagiere, Männer und Frauen, im selben Raum sind.



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