Islamabad "Die Soldaten sind die letzten Kunden"

Der Kampf um die Rote Moschee in Islamabad legt das tägliche Leben Zehntausender lahm. Nur für zwei Stunden wird die Ausgangssperre gelockert, viele Geschäfte öffnen aus Furcht vor den Islamisten gar nicht erst.


Das Alltagsleben liegt lahm. Die verhärtete Front zwischen den Islamisten in der Roten Moschee und den sie belagernden Regierungstruppen hat starke Auswirkungen auf das Leben von Zehntausenden Menschen, die in Islamabad in der Nähe des Gotteshauses wohnen.

Am frühen Nachmittag, genau eine Woche nachdem die Gefechte an der Lal Masjid auch das rege Treiben auf dem Aabpara-Markt zum Erliegen brachten, warten dort die Händler geduldig darauf, ihre Läden während der täglichen Unterbrechung der Ausgangssperre für zwei Stunden öffnen zu dürfen.

Milchmann an der Roten Moschee: Das tägliche Leben muss sich innerhalb von zwei Stunden abspielen
REUTERS

Milchmann an der Roten Moschee: Das tägliche Leben muss sich innerhalb von zwei Stunden abspielen

"Die Soldaten sind die letzten Kunden, die noch geblieben sind", sagt ein Bäcker, dessen sorgfältig hergerichtetes Schaufenster verdeckt wird von einer Mauer aus Sandsäcken, hinter der sich Scharfschützen der Armee verbergen. "Und die kaufen nicht einmal viel", fügt er frustriert hinzu.

Die vorübergehende Lockerung der Ausgangssperre bringt ein wenig Leben zurück in die sonst so geschäftige Gegend. Soldaten schaffen die Stacheldrahtrollen bei Seite und langsam füllt sich die Straße mit Verkehr. Ein Tankstellenjunge erhebt sich aus seinem Lager, das er sich im Schatten seiner nicht mehr frequentierten Zapfsäulen gemacht hat.

Fußgänger - fast nur junge Männer - passieren die leeren Schaufenster von Suzuki- und Chevrolet-Läden. Die Betreiber haben die Wagen weggebracht aus Angst, sie könnten bei weiteren Zusammenstößen demoliert werden.

Massage-Salon dicht

Der "Nirvana Day Salon", ein etwas vornehmeres Bad, ist bereits seit einer Woche geschlossen. Die bewaffneten Wachmänner vor dem Eingang sagen, weil die Besitzer fürchten, ihr anständiges Massage-Geschäft könnte für ein Bordell gehalten werden.

Kinder bevölkern jetzt die Straße. Vollbeladen schleppen sie das fürs Leben Nötige nach Hause, in der kurzen Zeit, in der sie ihre Häuser verlassen können. Der Postbote fährt seine übliche Route ab und stellt Briefe zu in einem Bruchteil der Zeit, die er sonst benötigt. Shahnawaz Ali, ein Drogerist in der Straße, scherzt mit anderen Ladenbesitzern zu den Soldaten gewandt: "Lasst ihn nicht durch, er bringt eh nur Rechnungen."

Das soziale Leben im Viertel ist zusammengeschrumpft auf die Zeit der aufgehobenen Ausgangssperre. Die Menschen haben nur ein paar Minuten, um über die Vorgänge in der Moschee zu debattieren. Die meisten sagen, sie bewunderten die wachsamen Geistlichen ihrer Moschee, doch alle lehnen deren Geiselnahme von Frauen und Kindern ab.

"Ich kenne die beiden Brüder, die der Moschee vorstehen", sagt Mohammad Khan, der einen größeren Laden betreibt, "und ich vertraue ihnen. Ich glaube, sie sind gute Menschen." Je länger er jedoch über die beiden geistigen Oberhäupter der Moschee, Abdul Rashid Ghazi und Abdul Aziz, der festgenommen wurde, als er vergangene Woche versuchte, in einer Burka zu fliehen, nachdenkt, desto skeptischer sieht er die beiden Brüder: "Der Koran sagt, wir müssen das Leben eines jeden Mannes und einer jeden Frau wertschätzen."

Täglich praktizierte Religion ist weit entfernt, extrem zu sein

Chauzdhry Nazar, Inhaber eines Reinigungsgeschäfts, sagt: "Ich gehe in die Rote Moschee, weil sie hier am nächsten liegt, doch was sich dort gerade abspielt, ist nicht recht." Er stimme mit den geistigen Leitern nicht mehr überein, so Nazar, "doch die Regierung will mit uns normalen Leuten nichts mehr zu tun haben".

Die Religion hatte in Pakistan seit seiner Gründung 1947 immer eine fundamentale Bedeutung. Doch die junge Nation ringt sechs Jahrzehnte nachdem sie sich vom säkularen, multikulturellen Indien trennte, noch immer darum, genau zu definieren, was muslimische Identität heißt. "Wie ist der volle Name unseres Landes?", fragt Ali, ein Kunde Khans, des Ladenbesitzers. "Pakistan heißt nicht nur Pakistan, es heißt Islamische Republik Pakistan. Wir wollen wie Muslime leben in unserem muslimischen Land."

Doch obwohl die Religion von zentraler Bedeutung für die Identität Pakistans ist, ist die täglich praktizierte Religion weit davon entfernt, extrem zu sein. Die Erscheinungsform der Frauen der Lal Masjid in ihren schwarzen Nylon-Burkas ist typisch für die Golf-Staaten. Sie unterscheidet sich deutlich von der Mode der durchschnittlichen pakistanischen Frau, die viel lieber eine bunte Baumwollkopfbedeckung trägt.

Im Oktober 2002 gewann die Allianz islamistischer Parteien MMA ("Muttahida Majlis-i-Amal") die Mehrheit der Sitze in Belutschistans und in der Nordwestprovinz an der Grenze zu Afghanistan. Beobachter fürchteten, die neue Mehrheit würde Tugendwächter nach dem Vorbild der Taliban in den Straßen patrouillieren lassen - was sie nie tat.

Talibanisierung greift in den Stammesgebieten um sich

Es gelang einer kleinen Gruppe von Männern, die Schlagzeilen zu erobern, nachdem sie mehrere Kinos niedergebrannt und die Abbildungen von Frauen auf Reklameflächen geschwärzt hatten. Doch der tatsächliche Schaden war eher symbolisch, nur wenige Menschen hatten wirklich darunter zu leiden.

Die so genannte Talibanisierung macht sich allerdings seit diesem Jahr in den Stammesgebieten breit, einem gesetzeslosen Streifen entlang der pakistanisch-afghanischen Grenze, der traditionell außerhalb der Kontrolle der pakistanischen Zentralmacht liegt. Dort nehmen Frauen am öffentlichen Leben so gut wie gar nicht teil. In diesen Gebieten gilt Musik, Fernsehen, Drachen steigen lassen und Tanzen wie unter den Taliban in Afghanistan als Sünde. Denn diese Tätigkeiten halten die Menschen angeblich von der Koranlektüre ab. Ein Kleriker befand neulich, Frauen sollten in der Öffentlichkeit sogar auf die schwarzen "Mode-Burkas" verzichten und stattdessen weiße, "bescheidenere" tragen.

Doch trotz der lautstarken Minderheit der Islamisten, bleibt Pakistan entschlossen eine moderate Gesellschaft. Frauen sind zwar nicht gleichberechtigt, doch das Leben der meisten Männer ist ebenfalls alles andere als einfach. "Wir müssen noch einen langen Weg bis zur Gleichberechtigung gehen", sagt Sheherbano, eine Studentin an der Universität von Islamabad, "doch ich möchte mit keinem Mann tauschen". Ihre Begründung: "Männer haben die volle Verantwortung für ihre Familien in einem Land, das keine sozialen Sicherungssysteme kennt."

In dem Laden Khans überlagern die Sorgen des täglichen Lebens schnell die theologische Debatte über die Forderung der Roten Moschee, die Scharia einzuführen. "Ich habe keine Ahnung, wie ich diesen Monat die Miete zahlen soll", sagt Khan. "Und wir kriegen keine Löhne, die wir in deinem Laden ausgeben könnten", sagt Ali, sein Kunde.



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