Entflohene IS-Kämpfer Baghdadis Traum - Syriens Albtraum

Abu Bakr al-Baghdadi plant seine Rückkehr. Dabei hilft dem Kopf der Terrormiliz "Islamischer Staat" die türkische Offensive. Gegen die Bündnispartner der Türken wird zudem ein schwerer Vorwurf erhoben.
IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi: Den Gegner aus dem Hinterhalt heraus aufreiben

IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi: Den Gegner aus dem Hinterhalt heraus aufreiben

Foto: Al-Furqan/ AFP

Abu Bakr al-Baghdadi, der Chef der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS), hat eine ziemlich präzise Wunschliste veröffentlicht. "Die Gefängnisse, die Gefängnisse, oh Soldaten des Kalifats", sagte er in einer 30-minütigen Tonaufnahme vor einem Monat. "Tut euer Möglichstes, um eure Brüder und Schwestern zu retten und die Mauern niederzureißen, die sie einsperren."

Was vor einem Monat noch illusorisch klang, droht sich nun zu bewahrheiten: Seit Beginn der türkischen Offensive konnten bereits IS-Anhänger fliehen, möglicherweise Hunderte. Niemand weiß es derzeit so genau. Und es könnten noch mehr werden.

Die türkische Offensive im Nordosten Syriens droht die Erfolge gegen die Terrororganisation zunichtezumachen. Die syrisch-kurdischen Milizionäre, von denen Tausende im Kampf gegen die Dschihadisten gestorben sind, sind nun damit beschäftigt, die Türken und ihre Verbündeten abzuwehren. In ihren Gefängnissen saßen bisher rund 84.000 IS-Anhänger ein, etwa 11.000 Kämpfer und 73.000 ihrer Frauen und Kinder . Einige der Gefängnisse liegen nahe der türkischen Grenze - also genau dort, wo nun gekämpft wird.

Wer hat IS-Kämpfer freigelassen - zwei Theorien, keine Beweise

Aus dem Gefängnis von Ain Issa konnten am Sonntag bereits Dschihadisten entkommen. Die syrischen Kurden sprechen von mehr als 800 ausländischen Kämpfern. Doch wie genau konnte das passieren? Denn auch wenn um die Gefängnisse gekämpft wird und die Wachen abgezogen werden, bedeutet das nicht automatisch, dass die Türen aufgehen oder es den Gefangenen gelingt auszubrechen.

Zuerst hieß es, dass Geschosse die Gefängnismauern von Ain Issa getroffen und beschädigt haben könnten. Ob dies stimmt, ist noch immer unklar. US-Präsident Donald Trump behauptete auf Twitter, die syrischen Kurden hätten die IS-Gefangenen selbst freigelassen - um die Vereinigten Staaten dazu zu zwingen, doch wieder in den Konflikt einzugreifen. Belege für seine Behauptung präsentierte er keine.

Doch die Türkei greift diese These nun auf:

  • Am Montag präsentierte sie Videoaufnahmen, die zeigen, wie Soldaten durch ein leeres Gefängnis stürmen.
  • Dazu heißt es: Dies sei das Gefängnis von Tall Abjad, in dem bisher Dschihadisten einsaßen - aber es sei leer, weil die syrischen Kurden diese freigelassen hätten vor dem Einrücken der Türken.
  • Nur: All dies sieht man in dem Video nicht. Es ist sogar noch unklar, ob das Gefängnis von Tall Abjad ebenfalls leer ist oder ob IS-Kämpfer dort weiterhin gefangen sind.

Das Fachblatt "Foreign Policy" berichtet auf seiner Homepage inzwischen noch von einer anderen Version :

  • Das Blatt schreibt, dass die mit der Türkei verbündeten Milizen die IS-Kämpfer absichtlich freilassen würden aus den unbewachten Gefängnissen.
  • Der Bericht beruft sich auf zwei US-Beamte als Quellen.
  • Das heißt: Der amerikanische Sicherheitsapparat hat ganz andere Erkenntnisse als der twitternde US-Präsident. Und diese legen nahe, dass die Verbündeten der Türkei Baghdadis Wunsch gerade erfüllen.

Die Türkei arbeitet bei ihrer Offensive eng mit syrischen Milizen zusammen, die in der Regel vor den türkischen Soldaten am Boden einrücken. Es sind zum Teil extremistische und kriminelle Kämpfer der "Freien Syrischen Armee" - Syrer, die vor acht Jahren zu den Waffen griffen, um die Demonstranten gegen das syrische Regime und dessen Sicherheitskräfte sowie Geheimdienstschergen zu schützen.

Nur sind nach acht Jahren der Gewalt die meisten dieser Kämpfer tot, geflüchtet oder haben sich brutalisiert und radikalisiert. Sie kämpfen nun für denjenigen, der gerade die höchste Summe zahlt. In Afrin etwa, im Nordwesten Syriens, sind die Partner der Türkei islamistische und radikalislamische Milizen, die Teile der Bevölkerung terrorisieren. Im Nordosten Syriens haben die von der Türkei finanzierten Milizen bereits Kriegsverbrechen begangen, gefangen genommene syrisch-kurdische Kämpfer exekutiert und möglicherweise auch eine syrisch-kurdische Politikerin ermordet.

Die IS-Strategie: Abtauchen und auf die nächste Chance lauern

Es ist ein neues Horrorszenario, dass die gefangenen IS-Dschihadisten im Norden Syriens im Zuge der türkischen Offensive nun absichtlich freigelassen werden könnten. Denn inmitten des Chaos der anhaltenden Kämpfe im Nordosten des Bürgerkriegslands dürfte es kaum gelingen, sie schnell wieder zu ergreifen. Sie werden nun abtauchen und auf ihre nächste Chance lauern.

IS-Chef Baghdadi hatte seine Anhängerschaft dieses Jahr auf den mittelfristigen Plan eingeschworen: Aus dem Hinterhalt heraus solle der Gegner mit kleineren Attacken demoralisiert und aufgerieben werden, so lange, bis die Zeit gekommen sei, ihn entscheidend zu schlagen und das Kalifat wieder auszurufen.

Ähnlich hatte auch die Vorläuferorganisation des IS agiert - mit Erfolg: Im Sommer 2010 glaubten die USA und die irakische Armee, die Dschihadisten dermaßen geschwächt zu haben, dass ihnen nicht wie zuvor ein Comeback gelingen würde. Vier Jahre später kontrollierte der IS weite Teile Syriens und des Iraks.

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