"Islamischer Staat" Die Dschihadisten von den Malediven

Die Malediven plagen soziale Probleme, organisierte Kriminalität, radikale Prediger: ein idealer Nährboden für Islamisten. Nirgends auf der Welt ist die Pro-Kopf-Quote an ausgereisten IS-Kämpfern höher.
Hauptstadt Malé: Straßengangs kontrollieren den Moloch

Hauptstadt Malé: Straßengangs kontrollieren den Moloch

Foto: ROBERTO SCHMIDT/ AFP

"Die Sonnenseite des Lebens": Mit diesem Slogan werben die Malediven weltweit um Touristen. Anfang März ist der Inselstaat im Indischen Ozean offizielles Partnerland der ITB Berlin, der weltweitgrößten Messe der Tourismusbranche.

Das Land präsentiert sich selbst als idyllischer Archipel: einsame Inseln, weiße Strände, kristallklares Wasser, entspannte Lebensart - dieses Image vermarktet die Regierung. Mehr als eine Million Touristen kommen jedes Jahr.

Doch die Malediven sind mehr als ein Urlaubsparadies, sie bieten auch einen perfekten Nährboden für den islamistischen Terrorismus. Mehr als 200 Bürger des Landes sind mittlerweile nach Syrien und in den Irak gezogen und haben sich dort der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen. Auf den Malediven leben weniger als 350.000 Menschen. In Relation zur Einwohnerzahl findet der IS nirgendwo auf der Welt so viele Rekruten. Mehr als zehn Kämpfer von den Malediven sind bislang im Irak und in Syrien getötet worden.

Die Golfstaaten finanzieren Koranschulen und Moscheen

Als Keimzelle des militanten Islamismus gelten kriminelle Straßengangs in der Hauptstadt Malé. Die Inselmetropole hat wenig mit dem Bild gemein, das die Welt von den Malediven hat: Knapp 130.000 Menschen leben auf nicht einmal sechs Quadratkilometern. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele junge Männer sind drogenabhängig. Sie haben sich zu rivalisierenden Gangs zusammengeschlossen, die Teile der Stadt kontrollieren.

Urlaubsinsel auf den Malediven: Eine Million Touristen kommen pro Jahr

Urlaubsinsel auf den Malediven: Eine Million Touristen kommen pro Jahr

Foto: REINHARD KRAUSE/ REUTERS

Obwohl die Bandenmitglieder alles andere als ein sittsames Leben führen, haben sie sich in den vergangenen Jahren zusehends religiös radikalisiert. 2012 verprügelte eine Gang einen liberalen Blogger, der Toleranz gegenüber Homosexuellen gefordert hatte. Im gleichen Jahr wurde der liberale islamische Geistliche und Parlamentsabgeordnete Afrasheem Ali vor seinem Haus erstochen. Seit August 2014 ist der Journalist und Blogger Rilwan Ahmed Abdullah spurlos verschwunden. Er hatte kritisch über die Bandenkriminalität berichtet.

Allein aus der Gang, die den Stadtteil Kuda Henveiru kontrolliert, sind inzwischen mehr als ein Dutzend Mitglieder nach Syrien ausgereist. Zu ihnen gehören auch zwei Männer, die wegen der Entführung des Bloggers kurzzeitig in Untersuchungshaft saßen. Auch unter den anderen Dschihad-Reisenden sind Gangmitglieder, die wegen Drogenhandels, Körperverletzung und Mordes Haftstrafen verbüßten.

Beobachter machen den Einfluss der Golfstaaten mitverantwortlich. So hat unter anderem Saudi-Arabien mehrere Koranschulen und Moscheen in Malé finanziert, in denen Imame den wahhabitischen Islam predigen, der Andersgläubige und nichtreligiöse Muslime als Menschen zweiter Klasse betrachtet.

Demonstranten ziehen mit IS-Fahnen durch die Straßen

"Der Prediger sagte ihm, es sei besser, auf dem Wege Gottes zu sterben, als auf den Malediven ins Gefängnis zu gehen", berichteten die Angehörigen eines Mannes, der sich im Januar 2015 dem IS anschloss. Anfangs habe sich die Familie über seine Hinwendung zur Religion gefreut, weil er keine Drogen mehr nahm und nicht mehr ständig Ärger mit der Polizei hatte. Das änderte sich spätestens, als der Mann einen Abschiedsbrief mit den Worten hinterließ: "Die Malediven sind kein Land für Muslime. Ich mache mich auf den Weg ins Paradies." Dann verschwand er nach Syrien.

Die Regierung hat die Islamisten in Malé lange Zeit gewähren lassen. Staatspräsident Abdulla Yameen, der das Land seit zweieinhalb Jahren regiert, nutzt das Erstarken der Fundamentalisten, um seinen autoritären Kurs zu rechtfertigen. Er präsentiert sich selbst als einzige Alternative zu den religiösen Kräften - unternimmt aber nichts, um sie in die Schranken zu weisen.

Stattdessen durften mehrfach Hunderte Islamisten mit schwarzen IS-Fahnen durch Malé marschieren und dabei Slogans rufen, wie "Schickt die Demokratie zur Hölle" und "Der Islam wird die Welt beherrschen".

Die Regierung geht derweil lieber gegen jene vor, die über das Treiben der Dschihadisten auf den Malediven berichten wollen. Zuletzt wurde der ARD-Korrespondent Markus Spieker bei Dreharbeiten über IS-Rekruten des Landes verwiesen  - und mit einem zehnjährigen Reiseverbot belegt.


Zusammengefasst: Gemessen an der Einwohnerzahl, hat der IS nirgendwo so viele Anhänger wie auf den Malediven. Die militanten Islamisten rekrutieren sich aus kriminellen Gangs in der Hauptstadt Malé. Dort werben radikale Prediger für den Dschihad in Syrien und im Irak. Die Regierung lässt sie gewähren.