Bündnis im Irak Die brüchige Allianz von Mossul

Bagdad inszeniert die Schlacht um Mossul als Geburtsstunde eines neuen Irak. Doch das Militärbündnis gegen den IS ist labil - nach der Eroberung der Stadt könnten alte Konflikte erneut aufbrechen.

Brennender Verteidigungsgraben bei Mossul
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Brennender Verteidigungsgraben bei Mossul

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Der Vormarsch auf die IS-Hochburg Mossul läuft - und er läuft schneller als erwartet. Die irakische Armee, kurdische Peschmerga und verschiedene verbündete Milizen rücken Kilometer um Kilometer auf die Millionenstadt im Nordirak vor. In den ersten Tagen der Offensive haben sie mehr als ein Dutzend Dörfer östlich von Mossul von den Dschihadisten zurückerobert. Am Montag beschossen irakische Spezialeinheiten IS-Stellungen 15 Kilometer vor Mossul, schon bald wollen sie in die Außenbezirke der Metropole einrücken.

Die Schlacht um Mossul ist der größte und wichtigste Einsatz der irakischen Armee seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein 2003. Für die Regierung in Bagdad ist es weit mehr als nur eine Militäroperation. Sie stilisiert die anstehende Vertreibung der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu einem identitätsstiftenden Moment für die von Bürgerkrieg, ethnischen und konfessionellen Spannungen zerrissene Nation.

Die Lage um die Millionenstadt
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Die Lage um die Millionenstadt

Ministerpräsident Haider al-Abadi wird jedenfalls nicht müde zu betonen, dass rund um Mossul Araber und Kurden, Schiiten und Sunniten, Jesiden und Christen Seite an Seite gegen den IS kämpfen. "Unser Krieg heute in Mossul ist ein irakischer Krieg - geführt von Irakern für Iraker, um irakisches Gebiet zu verteidigen", sagte Abadi am Donnerstag.

Die irakische Armee ist zu schwach für einen Alleingang

Doch die zur Schau gestellte Einigkeit ist alles andere als stabil. Schon jetzt ist absehbar, dass das Anti-IS-Bündnis nach der Rückeroberung Mossuls implodieren dürfte - zu unterschiedlich sind die Interessen der verschiedenen Kriegsparteien und ihrer ausländischen Unterstützer.

Ginge es nach den Wünschen der Regierungen in Bagdad und Washington, dann würde die irakische Armee die Stadt im Alleingang zurückerobern. Doch dafür sind die Streitkräfte viel zu schwach aufgestellt. Es sind nicht einmal zweieinhalb Jahre vergangen, seit die irakischen Regierungstruppen Mossul fast kampflos dem IS überließen. Seither haben die USA zwar die Zahl ihrer Militärberater verstärkt, trotzdem ist die Armee beim Kampf um die Stadt auf Hilfe angewiesen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die kurdischen Peschmerga. Bis zu 50.000 ihrer Kämpfer stehen vor der Stadt. Sie kontrollieren das Gebiet nördlich und östlich sowie die wichtigsten Einfallstraßen. Sie sind es auch, die in den ersten Tagen der Schlacht die größten Geländegewinne gegen den IS errungen haben.

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Offensive im Irak: Machtkampf um Mossul

In einem Abkommen zwischen der Führung in Bagdad und der kurdischen Regionalregierung in Erbil haben sich die Peschmerga dazu verpflichtet, nicht in das eigentliche Stadtgebiet von Mossul vorzudringen. Allerdings bezweifeln Beobachter, dass sie sich daran halten werden. Zum einen dürften die irakischen Regierungstruppen im Häuserkampf gegen den IS auf die Peschmerga angewiesen sein. Zum anderen gibt es in Mossul mehrere Stadtviertel, die mehrheitlich von Kurden bewohnt werden. Kurdische Vertreter haben bereits angekündigt, ihre Truppen würden diese Wohnquartiere nach der Rückeroberung schützen und kontrollieren.

Für diesen Fall haben aber bereits schiitische Milizen angekündigt, dass sie ebenfalls in Mossul einrücken wollen. Die sogenannten Volksmobilmachungseinheiten sind ein Bündnis von rund 40 schiitischen Milizen, die maßgeblich von Iran ausgebildet und finanziert werden. Sie spielten bereits eine wichtige Rolle bei der Rückeroberung der Städte Ramadi und Falludscha. Menschenrechtsgruppen und Vereinte Nationen werfen ihnen vor, dort willkürlich angebliche IS-Anhänger entführt, gefoltert und erschossen zu haben.

Erdogan gibt den Schutzpatron der Turkmenen

Auch mit den Kurden sind die Volksmobilmachungseinheiten in den vergangenen Monaten schon mehrfach aneinandergeraten. Nach der Rückeroberung der Stadt Tus Khurmatu vom IS gingen dort schiitische und kurdische Kämpfer aufeinander los. Dutzende Menschen, darunter zahlreiche Zivilisten, wurden getötet. (Lesen Sie hier eine SPIEGEL-Reportage aus Tus Khurmatu.) In Mossul droht sich dieses Szenario zu wiederholen.

Fast genauso wichtig wie Mossul ist für die Volksmobilmachungseinheiten Tal Afar, knapp 80 Kilometer westlich der Millionenstadt. Vor der Eroberung durch die radikalen Sunniten des IS war fast jeder Dritte der knapp 250.000 Einwohner ein Schiit. Ihnen wollen sich die von Iran ausgebildeten Volksmobilmachungseinheiten als Befreier präsentieren.

Das sieht die Türkei jedoch mit großem Argwohn. Tal Afar ist nämlich ein wichtiges Zentrum der irakischen Turkmenen, zu deren Schutzpatron sich der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan aufgeschwungen hat. Ankara setzt beim großen Machtspiel um Mossul auf die sogenannten Wächter von Ninive, eine sunnitische Miliz, die nach der Provinz benannt ist, in der Mossul liegt. Sie setzt sich aus lokalen Kämpfern zusammen, die vom ehemaligen Provinzgouverneur Atheel al-Nujaifi angeführt werden.

Haftbefehl gegen Erdogans Vasall

Nujaifi hatte eigenmächtig die türkische Armee eingeladen, seither sind rund 500 Soldaten aus dem Nachbarland im Nordirak stationiert. Sie bilden die sunnitischen Milizionäre aus. Die Regierung in Bagdad hat 1500 von ihnen offiziell erlaubt, um an der Schlacht um Mossul teilzunehmen.

Trotzdem hat die irakische Führung Nujaifi seine eigenmächtige Allianz mit Erdogan nicht verziehen: Am Donnerstag stellte das Bundesgericht in Bagdad einen Haftbefehl gegen den Politiker aus. Ihm werden Spionage und Kollaboration mit einer ausländischen Macht, nämlich der Türkei, vorgeworfen.

Dieses juristische Ränkespiel ist nur ein Vorgeschmack auf den Machtkampf, der dem Irak nach dem Fall Mossuls bevorsteht.


Zusammengefasst: Irakische Armee, kurdische Peschmerga sowie schiitische und sunnitische Milizen rücken auf Mossul vor. Sie eint der gemeinsame Feind: die Terrororganisation "Islamischer Staat". Doch darüber hinaus verfolgen sie höchst unterschiedliche Interessen. Deshalb droht nach der Eroberung der Stadt ein politischer Machtkampf, der die Gefahr einer erneuten militärischen Eskalation in sich trägt.

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frenchie3 24.10.2016
1. KÖNNTEN alte Konflikte wieder aufkommen?
Es WIRD wieder wie früher werden. So schön und sinnvoll "ein irakisches Volk" auch klingt. Glaubt mir, ich würde mich mit Freuden blamieren wenn es klappen würde
klyton68 24.10.2016
2. Man soll dass
Fell des Bären nicht verteilen, bevor er nicht erlegt ist. Noch ist Mossul nicht erobert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der IS noch so einige miese Schweinereien auf Lager hat. Geiseln als Schutzschilder haben sie sich bereits geholt. Senfgas sollen sie auch haben. Was ist, wenn sie das einsetzen? Massiv zurückschlagen geht nicht. Auf jeden Fall haben die IS-Verbrecher keine Gnade zu erwarten. Speziell nicht, wenn sie den Shiieten in die Hände geraten. Es wird zu bestialischen Gräueltaten kommen. Auf beiden Seiten. So viel Hass.
HH-Hamburger-HH 24.10.2016
3. Wer hätte das gedacht !
Der IS wird aus Mossul vertrieben und es herrschen dort auch weiterhin weder Frieden noch demokratische Verhältnisse. Wann werdemn unsere Politiker endlich begreifen, dass es dereit völlig zwecklos ist, in der arabischen Welt die eine Gruppe gegen die andere militärisch zu unterstützen. Es gibt derzeit weit und breit kein Bündnis, dass auch nur Anlass zu der Erwartung gibt, hier könne statt eines diktatorischen Regimes eine pluralistische Demokratie nach westlichem Muster errichtet werden. Dies gilt im Irak ebenso wie in Syrien und Libyen ...
kuac 24.10.2016
4.
Die Türkei schafft dort zusätzliche Probleme, in dem sie sich dort als Besatzungsmacht auftritt um anschliessend gegen die Kurden vorgehen zu können.
menefregista 24.10.2016
5. Endziel Kurdistan
Der Autor beschreibt den Bürgerkrieg in Irak als "identitätsstiftenden Moment für die von Bürgerkrieg, ethnischen und konfessionellen Spannungen zerrissene Nation.". Von "Nation" kann keine Rede sein. Eher von einem nach Aufgabe der westlichen Kolonien künstlich geschaffenem Staat, der willkürlich über alle Ethnien, Religionen,Traditionen und Geschichte hinweg im Verständnis der Siegermächte der Weltkriege zustande gekommen ist. Erst wenn die tapferen Kurden ihren eigenen Staat haben, wird sich der gesamte Orient stabilisieren lassen. Früher nicht. Kapiert ihr es einfach nicht ?
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