Dschihadisten in Nordafrika Der IS ist zurück in Libyen

Vor neun Monaten verlor der IS seine letzte Bastion in Libyen - nun sind die Dschihadisten wieder in der Offensive. Geschickt machen sie sich den Machtkampf zwischen Regierung und Armee zunutze.

Libysches Militär auf Patrouille nahe Sirt
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Libysches Militär auf Patrouille nahe Sirt

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Die Angreifer kamen im Morgengrauen: Die Dschihadisten des "Islamischen Staats" (IS) überrannten al-Fuqaha, einen abgelegenen Außenposten der Armee in der Libyschen Wüste. Sie trieben ihre überraschten Opfer zusammen und enthaupteten elf Menschen. Die anderen ließen sie laufen, damit sie ihren Vorgesetzten von dem tödlichen Überfall berichten. Dann verschwanden die Terroristen, so schnell sie gekommen waren, wieder in der Wüste.

Der Überfall Ende August war die größte Terroroperation des IS in Libyen, seitdem die Miliz im Dezember 2016 ihre letzte Hochburg in der Hafenstadt Sirt verloren hatte. Neun Monate später unternehmen die Terroristen nun einen Comebackversuch.

"Der Krieg hat gerade erst angefangen", teilen sie ihren Sympathisanten in den sozialen Netzwerken mit. Libyen sei "der vergessene Schauplatz" - doch damit ist es nun vorbei.

Totengebet für enthauptete Soldaten
AFP

Totengebet für enthauptete Soldaten

Die libysche Regierung schätzt, dass der IS derzeit über rund tausend Kämpfer im Land verfügt. Weil sie damit zahlenmäßig den Milizen der Regierung der verschiedener Warlords unterlegen sind, versuchen sie gar nicht erst, Gebiete zurückzuerobern und dauerhaft zu kontrollieren. Stattdessen setzt der IS auf eine Guerillataktik. Die weitläufige Wüste, in der sich zahllose Höhlen befinden, bietet dafür einen idealen Rückzugsraum.

Von dort aus haben die IS-Kämpfer in den vergangenen Wochen mehrfach zugeschlagen: Einen Tag nach dem Überfall auf den Stützpunkt Fuqaha entführten sie einen Beamten der Wahlkommission und mehrere Soldaten. Ende August veröffentlichte Amaq, die sogenannte Nachrichtenagentur des IS, ein Video, das IS-Kämpfer zeigt. Zu sehen ist, wie die Terroristen Fahrzeuge auf der wichtigsten Verbindungsstraße zwischen Sirt und Zentrallibyen anhalten - darunter auch einen Öllaster. Was mit den Fahrern passiert, ist im Video nicht zu sehen.

Der IS profitiert davon, dass Libyen noch immer politisch gespalten ist. Da steht auf der einen Seite Fayez Sarraj, der international anerkannte Regierungschef, dessen Macht sich militärisch vor allem auf die Milizionäre aus der Stadt Misurata stützt.

Auf der anderen Seite ist der von Russland unterstützte Feldmarschall Khalifa Haftar. Er steht an der Spitze der nationalen Armee, weigert sich aber beharrlich, seine Truppen, die knapp die Hälfte des Landes beherrschen, der Kontrolle von Premierminister Sarraj zu unterstellen. Zwar bekämpfen beide Parteien den IS - sie bekämpfen aber vor allem einander.

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Beide Parteien werfen sich gegenseitig vor, heimlich mit den Dschihadisten zu paktieren oder sie für ihre Zwecke einzuspannen. Unterstützer der Regierung beschuldigen Haftar, er sehe tatenlos zu, wie der IS in Libyen erneut Fuß fasst. Seine Truppen hätten schon 2015 zugelassen, dass IS-Kämpfer vor der Eroberung ihrer einstigen Hochburg Darna entkommen konnten. Haftars Truppen, die damals die Stadt umzingelt hatten, hätten vielen Dschihadisten freies Geleit nach Sirt ermöglicht. In der Tat gelang damals vielen IS-Terroristen die Flucht von Darna ins mehrere Hundert Kilometer entfernte Sirt. Doch dafür, dass Haftar dabei eine aktive Rolle spielte, gibt es keine Beweise.

Früheres IS-Büro in Sirt (Archivbild)
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Früheres IS-Büro in Sirt (Archivbild)

Nach Lesart von Unterstützern der Regierung duldet der Feldmarschall nun, dass sich die Dschihadisten in der Wüste neu sammeln - in der Hoffnung, dass dadurch die Position der Regierung und ihrer Milizen geschwächt wird. Was gegen diese Theorie spricht: In Fuqaha hatte der IS Haftars Truppen angegriffen und enthauptet.

Die Anhänger des Generals bezichtigen deshalb ihrerseits die Regierung in Tripolis, sie dulde stillschweigend das Wiedererstarken des IS. Denn wenn Premier Sarraj seinen Unterstützern in Europa glaubhaft das Schreckensbild eines IS-Ablegers an der südlichen Mittelmeerküste präsentieren könne, stärke das seine Position. Sprich: Mehr IS-Terroristen, die es zu bekämpfen gibt, würden für die libysche Regierung mehr Geld, mehr Waffen, mehr politische Unterstützung bedeuten. Auch für diese These gibt es keine Beweise.

Das Einzige, was zweifelsfrei feststeht ist: Solange der politische Konflikt zwischen Sarraj und Haftar nicht gelöst wird, findet der IS in Libyen ideale Bedingungen vor.

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
hundini 07.09.2017
1. ^^
Waren die denn weg?...
loeweneule 07.09.2017
2.
Zitat von hundiniWaren die denn weg?...
Ja. Für 'ne Pinkelpause.
ulli7 07.09.2017
3. Man sollte Libyen in West-Libyen und Ost-Libyen trennen
Nach meiner Einschätzung wäre eine baldige Teilung von Libyen die sinnvollste Lösung für die Bevölkerung und für Europa. Anschließend können die Libyer in Sicherheit und in großem Wohlstand leben, denn die riesigen Erdölvorkommen reichen für alle.
willibaldus 07.09.2017
4.
Zitat von ulli7Nach meiner Einschätzung wäre eine baldige Teilung von Libyen die sinnvollste Lösung für die Bevölkerung und für Europa. Anschließend können die Libyer in Sicherheit und in großem Wohlstand leben, denn die riesigen Erdölvorkommen reichen für alle.
Für eine Teilung des Landes gibt es in Libyen keine Mehrheit.
Bernd.Brincken 07.09.2017
5. Nationalgefühl, Wüste
Zitat von ulli7Nach meiner Einschätzung wäre eine baldige Teilung von Libyen die sinnvollste Lösung für die Bevölkerung und für Europa. Anschließend können die Libyer in Sicherheit und in großem Wohlstand leben, denn die riesigen Erdölvorkommen reichen für alle.
Es gibt aber tatsächlich, neben den Clan-Loyalitäten und der jetzigen Zweiteilung, auch ein libysches Nationalgefühl. Es beruft sich u.a. auf Omar Muchtar, der gegen die italienischen Kolonialisten kämpfte, und 1931 gefangen genommen und hingerichtet wurde. Im Bürgerkrieg 2011 haben die Aufständischen sein Porträt auf ihre Fahnen gedruckt, aber auch Gaddafi hatte sich auf ihn berufen, u.a. 2009 in Paris demonstrativ ein Bild Muchtars getragen. Das Problem von Libyen, und auch Mitursache für die Schwierigkeit, den IS zu vertreiben, ist die sehr niedrige Bevölkerungsdichte (3 Personen pro km2, in Deutschland sind es 220); die natürlich durch die großen Wüstenflächen bedingt ist. Das hat auch mit dem Bürgerkrieg, Gaddafi oder der aktuellen Machtkonstellation nichts zu tun: Auch eine stabile Einheitsregierung hätte das Problem, dass sie allein aus ökonomischen Gründen nicht jede Höhle in der Wüste überwachen kann.
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