IS-Selbstmordattentäter aus Deutschland "Sie haben nur ihr Leben zu geben"

Immer häufiger sterben deutsche Dschihadisten als Selbstmordattentäter in Syrien oder dem Irak. Wer treibt sie dazu? Der Terrorforscher Peter Neumann erklärt die zynische Strategie des "Islamischen Staats".
Explosion in Kirkuk (Archivbild): Immer mehr deutsche Selbstmordattentäter in Syrien und Nordirak

Explosion in Kirkuk (Archivbild): Immer mehr deutsche Selbstmordattentäter in Syrien und Nordirak

Foto: Khalil Al-Anyani/ dpa

Robert B. aus Solingen soll der Erste gewesen sein. Der Konvertit aus dem Rheinland sprengte sich nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden im Januar in Syrien in die Luft, womöglich riss er dabei Dutzende Milizionäre mit in den Tod. Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) feierte seine sinnlose Tat anschließend als geglückte "Märtyreroperation" .

Seither häufen sich die Meldungen zu deutschen Selbstmordattentätern in Syrien und dem Nordirak. Zuletzt verkündete die Propaganda-Maschine des IS am Sonntag, zwei deutsche Gotteskrieger mit den Kampfnamen Abu Jassir al-Almani und Abu Ibrahim al-Almani hätten sich in Kirkuk mit Autobomben in die Luft gesprengt. Eine Bestätigung dafür gibt es bislang nicht. Doch sollte sich die Nachricht bestätigen, ist zugleich auch klar: Die beiden Extremisten werden nicht die letzten "Märtyrer" gewesen sein.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der renommierte Terrorismusforscher Peter Neumann die brutale Strategie des IS.

Zur Person
Foto: icsr/ David Tett

Der Politologe und Terrorexperte Peter Neumann leitet das Internationale Zentrum zur Erforschung von Radikalisierung am King's College in London. Neumann schreibt regelmäßig über Terrorismus und Extremismus, unter anderem für die "New York Times" und die "International Herald Tribune". 2009 erschien sein Buch über "Old and New Terrorism".

SPIEGEL ONLINE: Herr Neumann, die Zahl der Dschihadisten, die als Selbstmordattentäter in Syrien oder dem Irak gestorben sind, steigt stetig. Die Sicherheitsbehörden gehen von einem halben Dutzend Extremisten aus Deutschland aus, die sich für die Terrororganisation IS geopfert haben. Was sind das für Männer?

Neumann: Es ist schwierig, das zu verallgemeinern. Fast immer sind Selbstmordattentäter aber ausländische Kämpfer, sie kommen also nicht aus Syrien. Die westlichen Dschihadisten sind häufig radikaler als etwa die einheimischen Islamisten, die ihrerseits Suizidattentate verweigern.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das zu erklären?

Neumann: Einheimische Dschihadisten sind mit diesen extremen Gewalttaten oft nicht einverstanden und argumentieren, das habe nichts mit ihrer Religion zu tun. Deswegen greift der "Islamische Staat" bei Selbstmordanschlägen oder besonders brutalen Gräueltaten gerne auf Ausländer zurück: Diese Männer sind hochgradig ideologisch motiviert, lokal nicht verankert und zu allem bereit.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist der Einsatz dieser ausländischen Kämpfer für den Erfolg des "Islamischen Staats"?

Neumann: Es kommen mehrere Aspekte zusammen. Erstens sind Selbstmordattentate militärisch sinnvoll. Sie können mit vergleichsweise wenig Aufwand großen Schaden anrichten und verbreiten zugleich extreme Furcht. Zweitens lassen sich Anschläge westlicher Dschihadisten propagandistisch ausschlachten: Das Entsetzen und die Verunsicherung in den Heimatländern der Kämpfer sind jedes Mal gewaltig.

SPIEGEL ONLINE: Also sind die Gotteskrieger aus dem Westen dem "Islamischen Staat" als Kanonenfutter sehr willkommen?

Neumann: Der "Islamische Staat" kann den Großteil der westeuropäischen Terrortouristen als Krieger eigentlich nicht gebrauchen. Diese jungen Kerle haben fast nie eine militärische Ausbildung und auch sonst nur wenige Fähigkeiten. Einen Medizinstudenten etwa könnten sie als Arzt einsetzen, aber was machen sie mit den vielen Schulabbrechern und Kleinkriminellen, die in ihren Heimatländern als Paketfahrer gejobbt haben und noch nicht einmal Arabisch sprechen? Die haben eben nur ihr Leben zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Die Anschläge werden meist gefilmt und propagandistisch ausgeschlachtet. Erkennen Sie da ein Muster?

Neumann: Ganz eindeutig. Es gibt eine Choreografie, der die Propaganda folgt. Am Anfang steht ein im Netz veröffentlichtes Video, das immer gleich aufgebaut ist: Zunächst zeigt es Details aus dem Leben des Kämpfers, es folgen die Anschlagsvorbereitungen, eine dramatische Ansprache und seine letzten Worte. Schließlich ist die Explosion zu sehen. Dazu wird dann häufig in den extremistischen Foren eine Biografie des Attentäters veröffentlicht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle bei der Radikalisierung junger Menschen spielt die Darstellung extremer Gewalt?

Neumann: Die Bilder dieser Gräueltaten haben für sich genommen keinen besonderen Rekrutierungseffekt. Es gibt in den Sympathisantenkreisen zwar wenig Widerspruch oder Kritik an solchen Handlungen, aber auch wenige Anzeichen dafür, dass sich einzelne Extremisten im Westen etwa von Enthauptungsvideos besonders angesprochen oder motiviert fühlen. Natürlich aber rekrutieren sich Dschihadisten aus extremistischen Milieus, in denen sie über Monate mit Botschaften und Bildern dieser Art konfrontiert werden. Gewaltvideos tragen damit dazu bei, sind aber in den allerwenigsten Fällen der ausschlaggebende Grund dafür, dass jemand nach Syrien aufbricht.

SPIEGEL ONLINE: Für wie gefährlich halten Sie die Dschihadisten, die aus Syrien oder dem Irak in ihre Heimatländer zurückkehren?

Neumann: Es gibt zwei Gruppen, von denen Gefahren ausgehen. Zum einen sind da diejenigen, die noch fanatischer aus dem Bürgerkrieg zurückkommen und in ihrer Heimat Terroranschläge verüben wollen. Zum anderen aber dürfen wir jene nicht aus dem Blick verlieren, die mit Posttraumatischen Belastungsstörungen heimkehren. Das sind nicht wenige. Von dieser Gruppe geht eine enorme Gefahr für die öffentliche Sicherheit aus, die wir oft unterschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich dagegen unternehmen?

Neumann: In fast allen europäischen Ländern wird ausschließlich davon gesprochen, Rückkehrer zu bestrafen. Natürlich müssen kriminelle Handlungen verfolgt und geahndet werden, das ist keine Frage. Doch dürfen wir als Mehrheitsgesellschaft eben damit nicht gleichzeitig diejenigen verprellen, die desillusioniert oder traumatisiert sind und sich von der Szene abwenden wollen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss also geschehen?

Neumann: Wir müssen Aussteigerprogramme auflegen und überhaupt in der Prävention noch viel mehr tun. Die muslimischen Gemeinden brauchen unsere Hilfe bei ihrer Aufklärungsarbeit, wenn es darum geht, junge Menschen von einer Radikalisierung abzuhalten. Es ist das Einzige, was wir substanziell und nachhaltig der terroristischen Propaganda entgegensetzen können.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.