Offensive im Irak Die Höhlenmenschen vom "Islamischen Staat"

Wo der IS vertrieben wurde, finden die Befreier oft riesige Tunnelsysteme unter den Häusern. Sie belegen die straffe Organisation der Miliz - und lassen Übles für die Schlacht um Mossul befürchten.

Olmo Calvo

Aus der Region Mossul berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Eigentlich hatte sich Abbas auf diesen Tag gefreut. Zum ersten Mal nach zwei Jahren und zwei Monaten kehrte der geflohene Registraturbeamte der Lokalverwaltung am vergangenen Freitag in sein Dorf zurück. "Mein Haus stand noch", sagt Abbas, der seinen Nachnamen nicht nennen will. Doch er kann die Tränen kaum zurückhalten.

Aus seinem Heim war zwar kein glutgebleichter Schutthaufen geworden wie aus manchen Nachbarhäusern, die von amerikanischen Luftschlägen im Kampf gegen den "Islamischen Staat" getroffen worden waren. Aber als er, in Trippelschritten hinter dem kurdischen Minenräumer herlaufend, sein Haus betritt, blickt er ins Leere. Genauer: in mehrere türgroße, mit Presslufthämmern durch die massiven Natursteinmauern getriebene Öffnungen und in einen Tunneleingang, dessen Aushub wiederum ein ganzes Zimmer füllt.

"Was haben die gemacht? Was haben die mit meinem Haus gemacht? Das hat mein Großvater gebaut! Was haben die nur getan?" Er ist immer noch fassungslos, während seine Familie die noch brauchbaren Habseligkeiten und Möbel einsammelt, um sie auf ihren Pick-up zu verladen. Wenige Stunden später verlassen sie "zumindest für ein paar Monate" abermals ihr Haus, das die IS-Männer zuvor so gründlich durchlöchert hatten.

Das Dorf steht nun auf einem Labyrinth: Die Durchbrüche setzen sich fort in die Nachbarhäuser, und der Tunneleingang führt in ein unterirdisches Gängesystem. Das zieht sich mehrere Hundert Meter quer durchs Dorf mit Ausgängen in etwa einem Dutzend Häusern, unter Betten und Brettern verborgenen Ausgängen ins Freie, einer Kommandozentrale, Strom- und Wasserversorgung sowie Vorratskammern. Alles in vier bis fünf Metern Tiefe durch den steinharten Boden getrieben.

Ein ausgedehntes, gut geplantes Gängesystem

Abbas' Dorf Bas Ghardan zählt 240 Häuser und ist eigentlich nur ein Ortsteil des Dorfes Chakuli etwa 30 Kilometer östlich von Mossul. Aber Ausmaß und Timing dieser irrwitzigen Maulwurfsarbeit verraten viel über das militärische Planungsvermögen des IS. Denn um ein derart ausgedehntes Gängesystem anzulegen, müssen die Dschihadisten bereits kurz nach ihrer Eroberung des Dorfes im August 2014 damit begonnen haben. Zumal keine Presslufthämmer, Generatoren oder sonstigen Baumaterialien mehr zu finden waren. Die Terrormiliz hatte diese wohl bereits weggeschafft.

Stattdessen: eine Moscheehalle, die bis auf einen sandsackgestützten Gang zweieinhalb Meter mit Aushub des Haupttunnels gefüllt wurde; eine Kommandozentrale für den "Emir" des Dorfes, die komplett wie ein Zimmer mit Paneelen, Bett, Fußboden und Lichtschaltern ausgestattet ist; Strom- und Telefonkabel sowie eine Wasserleitung, die vom Haus des unglücklichen Beamten Abbas ausging. Der hatte das Pech, neben der Quelle des Dorfes zu wohnen.

Das kleine Dorf lag seit seiner Besetzung im Sommer vor zwei Jahren an der Frontlinie des IS zu den kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die von einer Bergkette in der Nähe regelmäßig mit Mörsern feuerten. Trotz dieses Beschusses ist der Aufwand beängstigend, mit dem der IS sich hier unterirdisch eingerichtet hat, inklusive einer Kommunikationszentrale, wo noch laminierte Karten mit 66 Codenummern für Gefechtssituationen liegen ("13 - Windbericht, 27 - Selbstmordattentat, 32 - Bruder wird vermisst") sowie ein Dienstplan für die 75-Minuten-Schichten der Wachhabenden.

"Wie mag das nur in Mossul selbst aussehen?", fragt Atto Zibari, der örtliche Peschmerga-Kommandeur, der nicht einmal selbst ins Dorf kommen mag, weil selbst zwei Tage nach der Befreiung nicht ganz klar ist, ob sich nicht doch noch ein paar IS-Männer irgendwo versteckt halten: "In Mossul haben sie vermutlich unterirdische Autobahnen gebaut. Oder eine Großraumdisco." Kaum einer mag über diesen Scherz lachen.

Die Teetasse im Bunker

Zu unheimlich ist den meisten, was sich hinter der religiösen Fassade des "Islamischen Staates" verbirgt: ein immens durchorganisiertes, strategisch durchdachtes System, mit dem eroberte Ortschaften in unterirdische Festungen verwandelt wurden. Nichts, was auf allzu viel Gottvertrauen hindeuten würde. Im irakischen Rammadi und in Sindschar, im syrischen Manbij, in zig Dörfern auf beiden Seiten der Grenze fanden die einrückenden Truppen immer wieder verschachtelte, aufwendige Tunnelsysteme, manchmal im Zickzack-Verlauf angelegt, um die Einnahme zu erschweren. Die IS-Kämpfer können dort Luftangriffen entkommen, unbeobachtet ihre Positionen im Bodenkampf wechseln. Dazu dienen auch die Mauerdurchbrüche. Die Kämpfer haben sich offensichtlich von Anfang an darauf eingerichtet, lange ausharren zu müssen.

Auch in Bas Ghardan liegen Medikamente und Mullbinden sowie Lebensmittelvorräte bereit. Nur dass der IS hier seine Möglichkeiten kaum genutzt habe, urteilt Kommandeur Zibari: "Die hätten uns hier viel länger Widerstand leisten können. Aber am Ende waren nur eine Handvoll Männer geblieben, die dann draußen gekämpft haben und erschossen wurden. Die meisten hatten sich samt ihrer Anführer offenbar vorher abgesetzt."

Im unterirdischen Kommandobunker von Bas Ghardan stand am vergangenen Freitag noch die halbvolle Teetasse des Kommandeurs. Es scheint ein eiliger Aufbruch gewesen zu sein.


Zusammengefasst: Immer mehr Orte im Irak und in Syrien werden vom "Islamischen Staat" befreit - und immer wieder finden die Befreier dort umfangreiche Tunnelsysteme. Die aufwendig gegrabenen Labyrinthe waren offenbar für einen langen Widerstandskampf ausgelegt, auch in kleinen, abgelegenen Ortschaften. Die Frage ist nun: Was haben die IS-Terroristen in der belagerten Millionenstadt Mossul für Verteidigungsanlagen errichtet?



insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
sven2016 24.10.2016
1.
Offenbar haben die Koalitionstruppen die richtige Strategie dagegen gefunden; die meisten Daesh-Kämpfer haben sich trotz gut ausgebauter Stellung zurück gezogen. Der Neuaufbau für die Bewohner der befreiten Ortschaften und Städte wird eine Herausforderung. Von früher befreiten Orten weiß nan, dass noch Monate später nach Sprengfallen gesucht werden muss und kaum Bewohner unterkommen können
anchises 24.10.2016
2. War vor einigen Tagen nicht die Rede von bunkerbrechenden Bomben
die durch die syrische bzw. russische Luftwaffe eingesetzt wurden und alle ganz empört waren? Jetzt wissen wir warum.
HerrPeterlein 24.10.2016
3. Nutzlose Tunnel
Der IS hat sich lange und aufwendig vorbereitet, doch wird keiner die Tunnel verteidigen. Egal wie brutal, wenn die Niederlage abzusehen war, dann haben sich die oberen Ebenen wie von alleine aufgelöst. Da kann noch soviel von dem Heldentot die Rede sein, der Großteil stirbt nicht gerne. Die Eroberung wird schnell gehen, aber dann mischen die sich unter die Flüchtlinge.
Knuffelbeest 24.10.2016
4. Der Propheten-Spruch zeigt mal wieder schön
dass das Radikalen-Problem wirklich gar nichts mit dem Islam zu tun hat. Achtung Sarkasmus.
mettwurstlolli 24.10.2016
5. Das
ist doch aber wohl nichts, was bunker bustern widersteht...
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