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18. Oktober 2016, 16:03 Uhr

Offensive im Irak

Die Allianz bombt, der IS entkommt

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Dem "Islamischen Staat" droht der Verlust der Millionenstadt Mossul. Das wäre eine herbe Niederlage - aber längst nicht das Ende der Dschihadisten. In Europa könnte sich nun die Terrorgefahr erhöhen.

Der Terrorist kriecht aus einem Tunnel hervor und schießt um sich. Dann zündet er seinen Sprengstoffgürtel und sprengt sich selbst in die Luft. Ein Kamerateam hat diese Szene am Montag an der Front vor Mossul festgehalten. Sie gibt einen Einblick in die Verteidigungstaktik der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

Insgesamt haben die Dschihadisten nach eigenen Angaben in den ersten Stunden der Schlacht zwölf Selbstmordattentäter eingesetzt. Glaubt man Amaq, der sogenannten Nachrichtenagentur des IS, dann hat die Miliz den Vormarsch der irakischen Armee und kurdischen Peschmerga dadurch weitgehend gestoppt. Die Volksmobilmachungskräfte, ein Zusammenschluss verschiedener schiitischer Milizen, die gegen den IS kämpfen, behaupten hingegen, alle zwölf Selbstmordattentäter seien getötet worden, bevor sie Schaden anrichten konnten.

Neu ist diese Taktik des IS nicht. Der Einsatz von Selbstmordattentätern ermöglicht es der Terrororganisation, mit wenigen Kräften maximalen Schaden anzurichten.

Der IS hat nur einen Bruchteil seiner Kämpfer in Mossul

Noch immer halten sich viele IS-Kämpfer in Mossul auf. Die US-Armee schätzt, dass zwischen 3000 und 4500 Dschihadisten die Stadt verteidigen - unter ihnen rund tausend Ausländer aus anderen arabischen Staaten, Europa und Tschetschenien. Irakische Sicherheitskreise gehen von bis zu 8000 Kämpfern in der Stadt aus, in der insgesamt noch mehr als eine Million Menschen leben. Insgesamt dürfte die Terrormiliz noch mehr als 25.000 Mann im Irak und in Syrien unter Waffen haben - die IS-Führung hat also nur einen Bruchteil ihrer Kräfte abgestellt, um Mossul zu verteidigen.

Die wichtigsten Kommandeure sollen mit ihren Familien schon in den vergangenen Monaten von Mossul nach Syrien gezogen sein. Die meisten nach Rakka, inoffizielle Hauptstadt des IS, die knapp 500 Kilometer entfernt liegt.

In der militärischen Führung des IS tummeln sich viele irakische Generäle aus dem untergegangenen Regime von Saddam Hussein. Auch wenn ihre Kämpfer nun rund um Mossul mit Öl gefüllte Gräben angezündet haben, um den Kampfpiloten die Sicht zu nehmen: Sie wissen aus der Erfahrung des Irakkriegs 2003, dass sie den anhaltenden Luftangriffen und der Bodenoffensive eines zahlenmäßig und militärisch überlegenen Gegners dauerhaft nicht standhalten können. Sie wissen also, dass sie Mossul früher oder später verlieren werden.

Für die IS-Propaganda ist der Verlust Mossuls nur eine Episode

Die Dschihadisten denken aber in anderen, viel längeren Zeiträumen. In ihrem Weltbild mag der Verlust Mossuls oder gar der komplette Niedergang des selbst ernannten Staats ein Rückschlag sein - er ist aber nicht das Ende des Traums vom Kalifat, dessen Wiedererrichtung ihrer Meinung nach von Gott vorherbestimmt ist.

Sie setzen darauf, dass die bevorstehende Rückeroberung Mossuls allenfalls eine Episode ist. Ganz unbegründet ist ihre Hoffnung nicht: Schon nachdem die US-Armee Mossul 2003 erobert hatte, dauerte es nur ein Jahr, bevor sich sunnitische Araber gegen die Besatzer erhoben. Vertreter der arabischen Stämme in der Stadt warfen den Amerikanern damals vor, sie hätten sich auf die Seite der kurdischen Minderheit in Mossul geschlagen. Die arabischen Aufständischen brachten Teile der Stadt unter ihre Kontrolle, erst nach tagelanger Schlacht beruhigte das US-Militär die Lage wieder halbwegs.

Der IS hofft, dass die Eroberer von Mossul diese Fehler in den kommenden Monaten wiederholen. Die Versorgung der Flüchtlinge, die Wiederherstellung von Recht und Ordnung, die Verhinderung von Rachemorden an mutmaßlichen IS-Schergen, der Wiederaufbau zerstörter Häuser und der Infrastruktur - all das sind Aufgaben, an denen der irakische Staat zu scheitern droht.

Im Video: Der Sturm auf Mossul läuft

Erst recht, wenn die Luftangriffe der Anti-IS-Koalition und der IS mit seiner Taktik der verbrannten Erde in Mossul ein Trümmerfeld hinterlassen. Dann dürfte sich in Teilen der Bevölkerung wieder schnell jene Unzufriedenheit mit der irakischen Regierung breitmachen, die es den Dschihadisten im Sommer 2014 überhaupt erst möglich gemacht hatte, die Stadt innerhalb weniger Tage praktisch widerstandslos einzunehmen.

Hunderte IS-Kämpfer werden nach Europa zurückkehren

Die einheimischen IS-Kämpfer können nach dem wahrscheinlichen Fall Mossuls relativ problemlos untertauchen und abwarten, bis sich das Klima wieder zu ihren Gunsten dreht. Ausländische Terroristen haben diese Möglichkeit nicht. Viele von ihnen hatten sich dem IS angeschlossen, weil sie den Verheißungen der IS-Propaganda von einem blühenden Kalifat geglaubt hatten. Nun müssen sie feststellen, dass dieses Traumbild zerbricht.

Europäische Sicherheitsbehörden gehen deshalb davon aus, dass in den nächsten Monaten Hunderte Dschihadisten versuchen werden, in ihre Heimatländer Frankreich, Belgien oder Deutschland zurückzukehren. Viele von ihnen sind desillusioniert, aber schon wenige Terroristen könnten in Europa zu einer ernsten Gefahr für die Sicherheit werden.


Zusammengefasst: Der "Islamische Staat" setzt bei der Verteidigung Mossuls vor allem auf Selbstmordattentäter. Die Kommandeure der Terrormiliz wissen aber, dass sie die Millionenstadt nicht dauerhaft halten können. Sie setzen auf eine Taktik der verbrannten Erde - und darauf, dass ihnen die Fehler der irakischen Regierung wieder neue Anhänger zutreiben werden.

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