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Irak: Der Eroberungszug des "Islamischen Staats"

Foto: AP/ Militant Website

IS-Kriegstaktik Sturmattacken wie im siebten Jahrhundert

Die irakische Armee hat eine Offensive gegen die Terrormiliz IS gestartet. Doch sie hat es mit einem schwierigen Gegner zu tun: Die Dschihadisten mischen modernste Kriegstaktik mit apokalyptischen Angriffen - blitzschnell und skrupellos.

Der wettergegerbte kurdische Kommandeur Mahmoun, oder "Dr. Mahmoun", wie ihn seine jungen Kämpfer nennen, hat viel erlebt in seinen 20 Jahren als Kämpfer: Hubschrauberangriffe der türkischen Luftwaffe, Panzerbeschuss, wochenlange Gefechte. Doch so etwas wie vor zwei Wochen hat er noch nie gesehen: "Sie kamen wie ein Schwarm, rasend, schießend, als ob nichts sie aufhalten könne. 70 bis 80 Wagen, davon etwa 50 gepanzerte Humvees", jene bulligen Ungetüme, mit denen die US-Truppen sich jahrelang durch den Irak und Afghanistan bewegten. Der Rest seien Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren und Flugabwehrkanonen gewesen, die auf die Kleinstadt Mahmour zurasten wie ein Kavallerieangriff aus früheren Jahrhunderten. Tatsächlich hielt nichts die Sturmtruppen vom "Islamischen Staat" (IS) in Mahmour auf - bis auf den Hügel, wo sich die kurdischen Kämpfer der PKK verschanzt hatten.

Auch aus anderen attackierten Orten berichten Flüchtlinge von den apokalyptischen Angriffsformationen der Dschihadisten: "Sie rollten in breiter Linie durch die Wüste, Dutzende Fahrzeuge nebeneinander, und schossen dabei. Egal, ob wir einen Wagen ausschalten konnten, die anderen rasten einfach weiter", erzählte schon im Juni ein geflohener Soldat aus einer Garnison nahe Mossul.

"Sie schickten erst mehrere Selbstmordattentäter mit sprengstoffbeladenen Wagen", erinnert sich ein Peschmerga, ein Kämpfer der irakisch-kurdischen Truppen, der ganz im Osten nahe dem Dorf Jalawla eingesetzt war: "Dann kam die Haupttruppe - und zwar so schnell nach den Explosionen, dass keiner reagieren konnte. Wer konnte, floh."

Verdursten oder sich ergeben und umbringen lassen

Was Kurden, Christen, Jesiden in den vergangenen zweieinhalb Monaten im Nordirak (und Syrer seit acht Monaten) erlebt haben, lässt al-Qaida im Rückblick wie eine Jugendgang erscheinen. Was da durch die Steppe heranrollt, ist keine Terrorgruppe, sondern eine Armee. Und zwar eine, die in verschiedenen Facetten kämpft, so wie es in der Frühzeit des Islam üblich war, zu deren barbarischen Regeln der IS wieder zurück will: Sturmattacken der Reiterei auf Feinde und alle sonstigen "Ungläubigen", deren Männer man nach Belieben umbringen, deren Frauen man versklaven kann.

Und wer sich nicht ergibt, wird belagert:

  • wie bis vor Tagen der Sindschar-Berg, auf dem Zehntausende Jesiden Zuflucht gesucht hatten,
  • wie bis heute die schiitisch-turkmenische Kleinstadt Amerli weiter östlich, wo 12.000 oder mehr Menschen von Strom-, Wasser- und Nahrungsversorgung abgeschnitten worden sind. Bis sie verdursten, so das Kalkül der Dschihadisten - oder sich ergeben und umbringen lassen.

Die Szenerie wirkt wie eine albtraumhafte Nachstellung aus dem 7. Jahrhundert, nur mit gepanzerten Geländewagen statt Kamelen.

Doch um überhaupt so weit zu kommen, agiert der IS im Hintergrund ganz und gar nicht wie eine blindwütige Fanatikerhorde. Völlig unabhängig von der radikalen Ideologie geht der IS taktische Bündnisse ein, solange es nützlich erscheint - in Syrien etwa erst mit den Rebellen, dann mit Assads Regime. Die Bewegung kündigt diese auf, sobald sie mächtig genug ist. Strategische Versorgungseinrichtungen werden möglichst unbeschädigt unter Kontrolle gebracht: Ölfelder, Umspannwerke, Wasserkraftwerke, selbst Getreide- und Kartoffelspeicher sowie Großbäckereien.

Jedem Angriff gehen diskrete Planungsphasen voraus: Spitzelnetze und konspirative Zellen werden aufgebaut, Überläufer bestochen. Dann erst schlägt der IS zu. Blitzschnell. Er überrollt die verdutzten und oftmals verratenen Gegner regelrecht.

"Scharia-Gerichtshöfe" als Terrormittel

Anschließend wird wieder abgewartet, werden potenzielle Feinde in den neu eroberten Gebieten verschleppt oder gleich ermordet. Das IS-Fußvolk darf sich daran erfreuen, die Lokalbevölkerung mit ihren absurden Verboten zu gängeln und Menschen willkürlich vor ihre "Scharia-Gerichtshöfe" zu bringen, die nichts mit einem Rechtssystem zu tun haben. Sie sind lediglich ein Deckmäntelchen für grenzenlosen Terror.

Dann wird gewartet, bis die Aufregung im Rest der Welt sich wieder gelegt hat - bis Gaza und die Ukraine die Öffentlichkeit und die Politiker wieder mehr beschäftigen als der Vormarsch der Allmachtsfantasten, die ihr Kalifat am liebsten auf der ganzen Welt ausbreiten möchten.

Dieses Janusköpfige macht den IS so erfolgreich wie rätselhaft: Hochmodern, rational, flexibel und aktiv auf allen sozialen Netzwerken, fällt er gleichzeitig wie die leibhaftig gewordene Apokalypse über immer weitere Landstriche her.

Doch dieses Mal haben die USA militärisch eingegriffen. Da wird es nicht mehr ganz so einfach, auf das rasche Vergessen zu spekulieren. Sollte es dennoch wieder einsetzen, wird die nächste Sturmwelle der Dschihadisten irgendwann kommen: blitzschnell, über Nacht, und im Zweifelsfall abermals siegreich.

Gebiete unter Kontrolle in Syrien und im Irak

Gebiete unter Kontrolle in Syrien und im Irak

Foto: DER SPIEGEL
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