Rückzug der Dschihadisten Die trügerische Schwäche des IS

Der "Islamische Staat" ist in Syrien und im Irak in der Defensive. Doch das macht die Terrororganisation nicht weniger gefährlich. Denn ihren wichtigsten Trumpf kann sie noch ausspielen.

Irakische Soldaten mit einer eroberten IS-Flagge
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Irakische Soldaten mit einer eroberten IS-Flagge


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der "Islamische Staat" (IS) hat rund ein Drittel seines Territoriums im Irak und in Syrien verloren. Gleichzeitig sind bei Anschlägen der Dschihadisten in der vergangenen Woche mehr als 200 Menschen in Bagdad gestorben. Wie passt das zusammen?

Der "Islamische Staat" beherrscht den dünn besiedelten Osten Syriens
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Der "Islamische Staat" beherrscht den dünn besiedelten Osten Syriens

Internationale Beobachter sehen durchaus einen Zusammenhang: Gerade weil die Terrormiliz auf dem Schlachtfeld in der Defensive ist, verübt sie vermehrt Attentate. Auf diese Weise will sie von den eigenen Verlusten ablenken und ihre Gegner zwingen, sich auf deren Heimatfront zu konzentrieren. Manche befürchten, dass es auch außerhalb des Irak und Syriens erneut zu Anschlägen kommen könnte. Ob der IS hinter dem Absturz des ägyptischen Flugzeugs am Donnerstag steckt, ist noch unklar.

Die Anschlagserie im Irak zeigt, dass es viel zu früh ist, von einem Sieg über den IS zu sprechen. Zwar wurden in den vergangenen zwei Jahren Erfolge gegen die Dschihadisten erzielt. Doch auf ihren wichtigsten Trumpf können die Extremisten weiter setzen: Ihre Gegner sind schwach.

Im Irak hat der "Islamische Staat" viele Gebiete verloren
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Im Irak hat der "Islamische Staat" viele Gebiete verloren

Der IS hat empfindliche Niederlagen erlitten

Die internationalen Luftschläge haben den IS-Gegnern zwar am Boden einen wichtigen Vorteil verschafft gegenüber den Dschihadisten, die keine Flugzeuge haben. Das US-Verteidigungsministerium geht davon aus, dass durch die Luftangriffe bis zu 26.000 IS-Kämpfer getötet wurden, darunter mehrere ranghohe Kader. Die Initiative "Airwars", hinter der ein Team von Journalisten steht, geht davon aus, dass dabei auch mindestens 1200 Zivilisten getötet wurden.

Die Einnahmen der Terroristen seien im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel zurückgegangen, weil auch Bargeldvorräte und Ölförderungsanlagen des IS bombardiert wurden, schätzt die Militärfachzeitschrift "IHS Jane's". Die Löhne der Dschihadisten mussten bereits gekürzt werden. Allerdings ist der IS mit geschätzten Einnahmen von knapp 60 Millionen Dollar pro Monat - zur Hälfte durch Raub - noch immer die reichste Terrorgruppe der Welt.

Russische Soldaten patrouillieren durch das syrische Palmyra
AFP

Russische Soldaten patrouillieren durch das syrische Palmyra

Trotz aller Erfolgsmeldungen ist der Kampf gegen den "Islamischen Staat" also noch längst nicht entschieden: In Syrien hat der IS von der Maximalausdehnung seines Territoriums bisher lediglich zehn bis 15 Prozent verloren. Es fehlt dort schlichtweg an schlagkräftigen Gegnern. Keine Miliz kann den IS in diesem Gebiet alleine besiegen. Doch für eine Zusammenarbeit gegen die Dschihadisten ist das Misstrauen der Milizen untereinander zu groß.

In Syrien zum Beispiel kämpft eine von der YPG, dem syrischen Ableger der PKK, angeführte Koalition gegen den IS. Doch die Kurden allein können nicht den Osten des Landes erobern, auch weil sie in diesen arabischen Gebieten mit Ablehnung rechnen müssen.

Irakischer Soldat an der Front gegen den IS
REUTERS

Irakischer Soldat an der Front gegen den IS

Auch das Regime von Baschar al-Assad in Damaskus ist zu schwach, um den IS zu schlagen. Die Regierungstruppen sind ausgezehrt. Im März konnten sie nur mit der Hilfe einer Koalition russischer, iranischer und libanesischer Kämpfer die berühmte Stadt Palmyra zurückerobern. Doch derzeit ist der IS dabei, Gebiete bei Palmyra zurückzuerobern.

Im Irak hat der IS die größte Fläche verloren, etwa 40 Prozent seiner Maximalausdehnung. Noch Anfang des Jahres konnten irakisch-schiitische Milizen, irakisch-kurdische Milizen und die irakische Armee große Erfolge gegen die Dschihadisten verzeichnen.

Doch auch diese Fortschritte sind nun gefährdet: Rivalitäten zwischen den verschiedenen irakischen Milizen nehmen zu und drohen den Kampf gegen den gemeinsamen Feind zu überlagern.

Zusammengefasst: Der "Islamische Staat" wurde durch Luftschläge und die Erfolge verschiedener Milizen am Boden zwar geschwächt. Allerdings ist die Terrorgruppe noch längst nicht besiegt. Sie kann weiterhin davon profitieren, dass ihre Gegner schwach sind und Irak und Syrien zu zerfallen drohen.

insgesamt 129 Beiträge
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Atheist_Crusader 20.05.2016
1.
Wie das zusammenpasst? Dazu muss man nur den Unterschied zwischen einem Staat und einer Terror-/Guerillaorganisation begreifen. Der Staat hat ein Territorium, Uniformen, den ganzen offiziellen Kram. Das verleiht ihm mehr Einfluss, macht ihn aber auch viel angreifbarer. Eine Terror-/Guerillaorganisation hat das nicht. Sie verteidigen nicht, sie greifen an. Greift man sie an, verschwinden sie. Um dann selbst irgendwann wieder anzugreifen. Sie tragen keine Uniformen und verstecken sich nicht hinter Grenzen, sondern in der Mitte der Zivilbevölkerung. Staaten kann man mit Panzern und Bombern bekämpfen. Terror nicht. Wenn man die Menschen bombardiert unter denen sich Terroristen verstecken, schafft man denen nur neue Rekruten. Terror kann man nur mit Aufklärung und gezielten Schlägen bekämpfen. Und mit einer Gesellschaft, die tatsächlich was gegen diese Leute hat. Denn ohne ein gewisses Maß an öffentlicher Unterstützung können diese Gruppen nicht arbeiten, nicht existieren. Wenn der Staat IS fällt, wird sich die Organisation IS eben wieder in die syrische, irakische, etc. Gesellschaft zurückziehen - oder das Land wechseln und sich in einer anderen Gesellschaft verstecken. Aber aufgehört haben die damit noch lange nicht. Wenn man sie nicht mit Stumpf und Stiel ausrottet (und ich bezweifle dass man das wird; solche Aktionen vertragen sich nämlich überhaupt nicht mit unseren Vorstellungen von Menschenrechten), werden sie bei nächster Gelegenheit wiederkommen.
vivare 20.05.2016
2. Neuigkeiten, die ich vermisse...
Leider wird auf Spon nicht über eine entscheidende Wende im Syrien Krieg berichtet, gestern herbeigeführt durch die angeblich ausgezehrte syrische Armee. Die syrische Armee hat nach Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte gestern große Gebiete südöstlich von Damaskus von islamistischen Terroristen zurückerobert, die bisher unter Kontrolle der Islamisten der Nusra Front und von Jaish al-Islam standen. Die Islamisten hatten sich in den vergangenen Tagen interne Kämpfe geliefert um die Vormacht in dem Gebiet, bei dem mindestens 500 islamistische "Rebellen" getötet wurden. Eine dieser islamistischen Terrorgruppen, Jaish al-Islam, stellt übrigens den Chefunterhändler der "Opposition" bei den Friedensgesprächen in Genf und wird vom Westen als "gemäßigt" bezeichnet... Offensichtlich muß man israelische Medien lesen, um über entscheidende Entwicklungen in Syrien informiert zu werden.. http://www.timesofisrael.com/syria-regime-retakes-key-town-with-hezbollahs-help/
serbskisokol 20.05.2016
3. No pasaran!!
Das alles, was geschrieben steht, klingt gar nicht gut. Trotzdem oder wie es mal hieß: No Pasaran- sie kommen nicht durch! D a s mußten wir zur Kenntnis nehmen, nur auszugsweise: Der "Islamische Staat" (IS) hat rund ein Drittel seines Territoriums im Irak und in Syrien verloren. Gleichzeitig sind bei Anschlägen der Dschihadisten vergangene Woche mehr als 200 Menschen in Bagdad gestorben. Wie passt das zusammen? Internationale Beobachter sehen durchaus einen Zusammenhang: Gerade weil die Terrormiliz auf dem Schlachtfeld in der Defensive ist, verübt sie vermehrt Attentate. Auf diese Weise will sie von den eigenen Verlusten ablenken und ihre Gegner zwingen, sich auf deren Heimatfront zu konzentrieren. Manche befürchten, dass es auch außerhalb des Iraks und Syriens erneut zu Anschlägen kommen könnte. Ob der IS hinter dem Absturz des ägyptischen Flugzeugs am Donnerstag steckt, ist noch unklar. Die Löhne der Dschihadisten mussten bereits gekürzt werden. Allerdings ist der IS mit geschätzten Einnahmen von knapp 60 Millionen Dollar pro Monat - zur Hälfte durch Raub - noch die reichste Terrorgruppe der Welt. Zusammengefasst: Der "Islamische Staat" wurde durch Luftschläge und die Erfolge verschiedener Milizen am Boden zwar geschwächt. Und..die Terrorgruppe ist noch längst nicht besiegt! Sie kann weiterhin davon profitieren, dass ihre Gegner schwach sind und Irak und Syrien zu zerfallen drohen... und und und... Ich bin zwar von Natur aus ein relativ friedfertiger Mensch und will vorallem meine Ruhe. Denke sie nach arbeitsreichem Leben mit 76 auch verdient zu haben. Aber jedesmal beim Lesen solcher Meldungen überkommt mich die blanke Wut und ich könnte denen in dem Moment glatt an die Gurgel... Doch das vergeht auch wieder.Ich verstehe nur nicht, warum die noch so reich sind!Wie heißt der Scheich oder die Scheiche, die mit Millionen aus Erdölprofit das Ganze stützen? Namen nennen! International ächten-seht her, d a s ist der Scheich sowieso X, welcher das Geld für dieses unermeßliche Elend gibt, also die genannte Hälfte von 30 Mio Dollar- wenn die andere Hälfte geklaut ist. Und...was ich im Moment (noch) nicht glaube, daß an dem Flugzeugunglück des MS804 wieder die IS steckt. Noch gibts weder Bekennerschreiben noch eindeutige Beweise.Auch Fehler nach Tausenden Kilometer Erfahrung sindmöglich und nicht deswegen 100proz.ausgeschlossen.
colonium 20.05.2016
4. Erstaunliche Ignoranz...
Ich kann nicht erkennen, dass die syrische Armee auzgezehrt wäre. Gestern hat laut BBC die syrische Armee große Gebiete nahe Damaskus von islamistischen Terrororganisation, auch Opposition gennant, erobert. Diese Entwicklung rund um Damaskus ist wohl eher ein Beleg für die Schwäche der sogenannten Rebellen, die sich im Vorfeld der Rückereroberung gegenseitig bekämpften und dabei wurden hunderte eigene islamistische "Oppositionskämpfer" getötet. Dies scheint aber nicht so recht ins Weltbild der Autorin zu passen und wird deshalb offenkundig ausgeblendet? http://www.bbc.com/news/world-middle-east-36333199
egoneiermann 20.05.2016
5.
Zitat von vivareLeider wird auf Spon nicht über eine entscheidende Wende im Syrien Krieg berichtet, gestern herbeigeführt durch die angeblich ausgezehrte syrische Armee. Die syrische Armee hat nach Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte gestern große Gebiete südöstlich von Damaskus von islamistischen Terroristen zurückerobert, die bisher unter Kontrolle der Islamisten der Nusra Front und von Jaish al-Islam standen. Die Islamisten hatten sich in den vergangenen Tagen interne Kämpfe geliefert um die Vormacht in dem Gebiet, bei dem mindestens 500 islamistische "Rebellen" getötet wurden. Eine dieser islamistischen Terrorgruppen, Jaish al-Islam, stellt übrigens den Chefunterhändler der "Opposition" bei den Friedensgesprächen in Genf und wird vom Westen als "gemäßigt" bezeichnet... Offensichtlich muß man israelische Medien lesen, um über entscheidende Entwicklungen in Syrien informiert zu werden.. http://www.timesofisrael.com/syria-regime-retakes-key-town-with-hezbollahs-help/
Die Beobachtungsstelle meldet - im Gegensatz zu Ihnen - immer recht sachlich. Also bitte dann auch richtig zitieren. Von der "entschiedende Wende" erzählen und die Assad-Fans ja schon Jahre, es wird also eher ungelaubwürdig, wenn Sie solche Floskel hier schreiben. Übrigens wird auch in iherer Quelle nichts hiervon erwähnt und dort wird von Rebellen gesprochen, weil auch timesofisrael sich um eine sachliche Sprache bemüht.
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