Türkei gegen IS-Terroristen Offensives Risiko

Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien, Razzien gegen Terrorverdächtige in der ganzen Türkei - nach Jahren des Wegsehens handelt Ankara. Ist das der entscheidende Schlag gegen die Extremisten?

Von , Istanbul


Erstmals wagt die Türkei den Angriff auf den "Islamischen Staat" (IS), und erstmals geht sie grenzübergreifend vor: Die Luftwaffe fliegt Attacken auf Stellungen der Terrormiliz auf syrischem Boden, Elitesoldaten marschieren an der Grenze auf, die Regierung erlaubt den USA nach monatelanger Verweigerung, den strategisch wichtigen Luftwaffenstützpunkt Incirlik für Schläge gegen den IS zu nutzen, und sichert die Grenze zu Syrien.

Der Kurswechsel erscheint überfällig. Als die Dschihadisten im Juni 2014 das türkische Generalkonsulat in Mossul stürmten und wochenlang Dutzende Geiseln in ihrer Gewalt hielten, verhandelte die Türkei lieber. Als IS-Terroristen einen Ort nach dem anderen entlang der Grenze zur Türkei eroberten, schauten türkische Soldaten selbst dann zu, als Geschosse auf ihrem Territorium landeten.

Auslöser der aktuellen Offensive ist der Selbstmordanschlag eines jungen IS-Anhängers im südosttürkischen Suruc, bei dem 32 Menschen ums Leben kamen. Es scheint, als habe die türkische Regierung endlich verstanden, dass der IS eine "Gefahr für die nationale Sicherheit" darstellt, wie es ein Mitarbeiter von Premierminister Ahmet Davutoglu formuliert. Wenn der IS glaubte, ein Angriff auf eine sozialistische, prokurdische Jugendgruppe auf türkischem Boden würde ohne Folgen bleiben, hat er sich verkalkuliert.

Ist die Türkei wirklich entschlossen im Kampf gegen IS?

Geht Ankara wirklich dauerhaft und entschieden gegen den IS vor, wäre das für die Terrororganisation ein herber Rückschlag. Bislang hat sie über die Türkei ihre Logistik geregelt, von dort reisen die meisten Nachwuchskämpfer aus aller Welt ein, Waffen, Munition, Lebensmittel und Verbandsmaterial kommen über die türkisch-syrische Grenze.

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Schlag gegen IS-Terroristen: Die Türkei greift an
Die Türken haben in den vergangenen Jahren bei all dem - durchaus wohlwollend - weggesehen, weil der IS im türkischen Sinne agiert: Er bekämpft das Regime des syrischen Machthabers Baschar al-Assad und die Kurden, die in Nordsyrien am liebsten ein autonomes Gebiet für sich hätten. Diese politische Gemengelage lässt nach wie vor Zweifel darüber aufkommen, ob die Türkei es wirklich ernst meint mit ihrem Kampf gegen den IS. Will sie der Organisation einen Schlag versetzen, müsste sie jeglichen Nachschub unterbinden und IS-Sympathisanten ausnahmslos strafrechtlich verfolgen. Das ist - noch - nicht der Fall.

Der Terror im eigenen Land (und der Druck aus dem Ausland) zeigen dennoch Wirkung: Am Freitag liefen in 13 Provinzen Razzien gegen Terrorverdächtige. Mehrere Tausend Polizisten waren im Einsatz, mehr als 250 Menschen wurden festgenommen. Türkischen Fernsehberichten zufolge wurde dabei eine Frau erschossen.

Die Aktion richtet sich auch gegen Linksextremisten und die kurdische PKK - was argwöhnen lässt, dass die Türkei ihren Feldzug gegen den IS als Vorwand nutzt, um in Wahrheit gegen ihre Gegner vorzugehen. Die PKK allerdings hatte in den vergangenen Tagen mit mehreren Gewalttaten den türkischen Politikern Gründe für einen harten Kurs geliefert.

Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte daher am Freitagmittag: "Wir werden die entschiedenen Aktionen gegen Daesh (gemeint ist der IS, d. Red.) und gegen kurdische und linke Militante fortsetzen." Alle Terrororganisationen müssten ihre Waffen niederlegen oder mit harten Konsequenzen rechnen. Der neue Kurs sei Folge von "Veränderungen der Lage in Nordsyrien". Er habe US-Präsident Barack Obama am Telefon zugesagt, dass die Türkei gemeinsam mit den USA den "Islamischen Staat" bekämpfen werde, sagte Erdogan.

Gefahr von Terroranschlägen im eigenen Land

Das Vorgehen Ankaras gegen den IS, von den westlichen Ländern gelobt, birgt jedoch auch Gefahren für die Region. Ein militärisches Eingreifen der Türkei in Syrien dürfte das Chaos in dem seit vier Jahren vom Bürgerkrieg geschundenen Nachbarland noch weiter vergrößern. Die Erfahrung zeigt, dass der IS Unruhe und Gewalt immer für sich zu nutzen wusste. Gut möglich also, dass die Türken den IS zwar entlang der Grenzregion zurückdrängen, ihn aber im Rest des Landes stärken. Die künftig besser gesicherte Grenze wird Syrien weiter abschotten und es den Flüchtlingen schon in ihrem Heimatland schwer machen, dem Elend zu entkommen.

Das größte Risiko geht die Türkei aber auf eigenem Boden ein. Hier leben mehrere Tausend Sympathisanten und Mitläufer der Terrormiliz. IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi soll sie aufgefordert haben, ruhig und unauffällig zu bleiben und sich nicht dem Kampf in Syrien oder im Irak anzuschließen, sondern den Nachschub sicherzustellen. Das könnte sich nun mit einem Angriff der Türkei auf den IS ändern. Es wäre das, wovor die Türkei sich seit Langem fürchtet.

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sebastian.teichert 24.07.2015
1. Zu wenig, zu spät.
Ach, jetzt wo es quasi nicht mehr nur vor der Haustür sondern im Flur brennt, kümmert man sich auch schon mal. Na, ist ja ganz großes Engagement!!! Ich bin begeistert... -.-
wannbrach 24.07.2015
2.
Bin gar nicht so überzeugt das es gegen die ISIS geht, vielleicht nutzt die Türkei diese Chance um auch Assad Truppen anzugreifen, denn das wäre das wahre Ziel.
henrikw 24.07.2015
3. Entscheidung?
Die Entscheidung wird das sicherlich nicht, aber möglicherweise wird Assad nun wieder Erdogans best Buddy.
osnase92 24.07.2015
4.
Selbst Schuld! Wer den Terrorismus so lange unbehelligt machen lässt, muss sich nicht wundern. War doch klar, dass diese unheilige Allianz irgendwann zerbricht.
Chiefli1 24.07.2015
5. kleine aber kritische Fehler
Eine Int. Eingreiftruppe hätte die IS auch aufhalten können, haben aber alle abgelehnt...das Chaos, welcher der Westen verursacht hat, hätte die TR aufräumen sollen. Waffenlieferungen via Türkei für die IS? Naja viele zitieren sich gegenseitig und das dient als Beweis...sei's drum Die Gruppe in Suruc hatte sicher Sympathien für die Ideen der PYD, pro kurdisch war sie aber eher nicht - zumindest nicht durchs Band. Vor allem aber hat die IS nie die Interessen der TR vertreten. Lange bevor sie die kurdischen Gebiete angegriffen hat, bekriegten sie und tuen es noch immer die FSA um Aleppo. Und bis auf ein paar kleinere Scharmützel mit Assad, hat man sich in Frieden gelassen.
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