Anschläge im Fastenmonat Warum der IS im Ramadan besonders brutal zuschlägt

Eine "Ramadan-Kampagne" hatte der IS für den Fastenmonat angekündigt, weltweit folgten schwere Attentate. Die Gewalt rechtfertigen die Terroristen mit dem Propheten - dabei geht es nur um Machtdemonstration.

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Als die Bombe am Samstagabend kurz vor Mitternacht in Bagdad explodierte, war das Einkaufsviertel Karrada voller Menschen. Sie waren auf der Suche nach neuer Kleidung und Spielzeug für das anstehende Zuckerfest, das Ende des heiligen Fastenmonats Ramadan. Die Explosion tötete mehr als 200 Menschen, Hunderte wurden verletzt. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) bekannte sich zur Tat.

Der Anschlag in Bagdad war der schlimmste in diesem Jahr, er war der brutalste Teil einer ganzen Reihe von Anschlägen im Fastenmonat. Ende Mai hatte IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani dazu aufgerufen, den Ramadan in einen "Monat des Schmerzes" zu verwandeln. Er nannte explizit die USA und Europa - doch die IS-Anhänger schlugen weltweit verheerend zu.

Video: Mehr als 200 Tote bei IS-Anschlag in Bagdad

Diese Anschläge werden dem IS zugeordnet:

  • 8./9. Juni - Bagdad, Irak: Im Osten der Stadt explodiert eine Autobombe und tötet 15 Menschen, 50 werden verletzt. Am nördlichen Stadtrand zündet ein Selbstmordattentäter eine Autobombe und reißt sieben Soldaten mit in den Tod, 20 Menschen werden verletzt.
  • 12. Juni - Orlando, USA: Ein Mann dringt in den Nachtklub Pulse ein und tötet 49 Menschen, mehr als 50 werden verletzt. Der Attentäter schwor vor der Tat dem IS die Treue, Behörden halten ihn jedoch für einen Einzelkämpfer.
  • 13. Juni - Pariser Vorort Magnanville: Ein Mann tötet einen Polizisten und dessen Ehefrau. Der IS teilt mit, die Tat sei von einem ihrer Aktivisten begangen worden.
  • 21. Juni - Rukban, jordanisch-syrisches Grenzgebiet: Sechs Soldaten sterben bei einem Angriff auf ihre Fahrzeuge. Wer hinter der Tat steht, ist unklar.
  • 27. Juni - Al-Kaa, Libanon: Bei einer Serie von Selbstmordanschlägen sterben fünf Menschen, mindestens 15 werden verletzt. Die Schiitenmiliz Hisbollah macht den IS für die Anschläge verantwortlich.
  • 27. Juni - Mukalla, Jemen: Zwei Selbstmordattentäter sprengen sich in die Luft, außerdem explodieren mehrere Bomben. Bei der Anschlagsserie sterben mehr als 40 Menschen, der IS bekennt sich zur Tat.
  • 28. Juni - Istanbul, Türkei: Drei Attentäter eröffnen im Flughafen Atatürk das Feuer und sprengen sich kurz danach selbst in die Luft. 45 Menschen sterben, mehr als 140 werden verletzt. Bislang hat sich niemand zur Tat bekannt, türkische Sicherheitsbehörden machen den IS verantwortlich.
  • 1. Juli - Dhaka, Bangladesch: Mehrere bewaffnete Männer nehmen Restaurantbesucher als Geiseln. Sie töten 22 Menschen und verletzen Dutzende. Der IS bekennt sich zu der Tat.

Karte: Hier schlugen die IS-Attentäter während des Ramadan zu:

Es ist nicht das erste Mal, dass die Terrormiliz ausdrücklich im Ramadan zu Gewalt und Anschlägen aufgerufen hat. Auch in den vergangenen beiden Jahren gab es in diesem Zeitraum besonders viele Angriffe. "In diesem heiligen Monat und in allen anderen Monaten gibt es keine größere Tat als den heiligen Krieg", erklärte der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi 2014 in einer Videobotschaft.

Der IS rechtfertigt die Gewalt in dieser heiligen Zeit mit Überlieferungen, wonach der Prophet Mohammed einst im Fastenmonat den herrschenden Stamm seiner Heimatstadt Mekka besiegte und sechs Jahres später mit seinem Heer siegreich in Mekka einzog. Daraus leitet die Terrormiliz das Recht ab, im Ramadan mit besonderer Härte und Rücksichtslosigkeit gegen ihre Feinde vorzugehen.

IS steht stark unter Druck

Die Gewalt wird so zwar irgendwie religiös begründet, ist aber doch nur politisches und ideologisches Mittel. Der IS will mit seinen Bluttaten weltweit Stärke demonstrieren. Dabei steht die Terrormiliz im Vergleich zu den Vorjahren immer stärker unter Druck.

Seit Monaten verliert der IS an Territorium. Vor allem im Irak gelangen der Armee mit Unterstützung aus der Luft zuletzt schwere Schläge gegen die Terrormiliz. Mitte Juni - ebenfalls mitten im Ramadan - eroberten Soldaten die symbolisch und strategisch bedeutende Stadt Falludscha zurück. Wenige Tage später wurden mehr als 200 IS-Kämpfer bei Luftangriffen der von den USA geführten internationalen Koalition außerhalb der Stadt getötet. Dazu geht dem IS langsam das Geld aus und er hat Probleme bei der Rekrutierung von neuen Kämpfern.

Noch kontrollieren die Extremisten zwei IS-Hochburgen, die syrische Stadt Rakka und Mossul im Irak. Doch die syrische Armee ist bereits bis in die Region Rakka vorgedrungen und bereitet eine Offensive auf die Stadt vor. Die wichtigste Verbindungsstraße des IS zwischen Aleppo und Rakka wurde Berichten zufolge erobert. Und auch im Irak rückt die Armee nach der Eroberung von Falludscha in Richtung Mossul vor.

Ein Ende der Gewalt ist aber auch mit dem Beginn des Zuckerfests am Dienstag eher nicht in Sicht. Im Gegenteil: Für die Menschen in Bagdad und andernorts könnten weitere militärische Erfolge gegen den IS zugleich weitere Anschläge bedeuten. In der Vergangenheit verstärkte der IS seine Angriffe zumindest massiv, wenn er militärisch unter Druck geriet.

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