"Islamischer Staat" in Nordsyrien Uno-Chef ruft zum Schutz Kobanes auf

Alle, die die Mittel dazu hätten, sollten sofort zum Schutz der Bevölkerung in Kobane handeln, fordert Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. IS-Kämpfer sollen in die nordsyrische Stadt eingedrungen sein.

Verzweiflung: Kurden an der türkisch-syrischen Grenze
AFP

Verzweiflung: Kurden an der türkisch-syrischen Grenze


Berlin/Kobane - Obwohl sich kurdische Kämpfer heftig zur Wehr gesetzt haben sollen, sind Dschihadisten der IS-Miliz offenbar in die türkisch-syrische Grenzstadt Kobane eingedrungen. Das melden übereinstimmend die Nachrichtenagenturen AFP und AP. Drei Stadtteile seien bereits erobert. Die IS-Kämpfer liefern sich demnach erstmals Straßenkämpfe mit den Kurden im Ostteil der Stadt, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. Kurdische Kämpfer und IS-Milizionäre kämpften "in den Straßen, zwischen den Gebäuden", sagte der Chef der Beobachtungsstelle, Rami Abd al-Rahman.

Auch Mustafa Bali von der kurdischen Mediengruppe Freie Medienunion sprach gegenüber der Nachrichtenagentur dpa von massiven Straßen- und Häuserkämpfen. Die Dschihadisten seien mit Panzern vorgerückt und setzten darüber hinaus Autobomben ein. Kurdische Volksschutzeinheiten würden sich den Extremisten in östlichen Gebieten der Stadt entgegenstellen und Zivilisten und lokale Amtsträger zur nahe gelegenen türkischen Grenze in Sicherheit bringen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon appellierte an alle, die die Mittel dazu hätten, sofort zum Schutz der Bevölkerung zu handeln. Er verfolge die IS-Offensive gegen Kobane mit erheblicher Sorge, sagte sein Sprecher in New York. Die Terroristengruppe sei auf einem "barbarischen Feldzug".

Fotos von schwarz-weißen Flaggen

Laut der Beobachtungsstelle für Menschenrechte waren IS-Kämpfer bereits in der Nacht zu Montag nach Kobane eingedrungen, dort jedoch in einen Hinterhalt der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) geraten. Dabei seien mindestens 20 der Angreifer getötet worden. Die in England ansässige Beobachtungsstelle stützt ihre Angaben auf ein Netzwerk von Informanten in Syrien, wegen der Sicherheitslage sind ihre Angaben jedoch von unabhängiger Seite kaum überprüfbar. Ein aus Kobane stammender Lokalpolitiker, Idriss Nassan, sagte der britischen BBC, dass die Stadt "wahrscheinlich bald fallen" werde. Neutrale Berichte aus der Region sind sehr schwer zu bekommen, türkische Sicherheitskräftedrängten Journalisten am Montag mit Tränengas von der Grenze zurück.

Dennoch sind offenbar genau von dieser Grenze Fotos gemacht worden, die zeigen, wie IS-Milizen auf der anderen Seite auf dem Hügel Mistenur sowie dem Dach eines Gehöfts am Rande der Stadt ihre Flaggen hissen. Idriss Nassan bestätigte der BBC, dass der IS den strategisch wichtigen Hügel eingenommen hätte. Auch ein Fernsehteam des US-Senders CNN will von der türkischen Grenze aus eine IS-Flagge in der Stadt erspäht haben.

Nach kurdischen Angaben sind inzwischen mehr als 2000 Menschen vor der vorrückenden IS-Miliz in Sicherheit gebracht worden. Unter den Flüchtenden seien Frauen und Kinder, teilte ein Mitarbeiter der führenden Kurdenpartei PYD am Montagnachmittag mit. "Wir können den Gefechtslärm in den Straßen hören", sagte Parwer Ali Mohammed der Nachrichtenagentur Reuters, er ist für die PYD als Übersetzer tätig. Er meldete sich per Telefon auf dem Weg ins Nachbarland Türkei. Während der Gefechte schlug erneut eine Mörsergranate in einem Haus im Nachbarland ein.

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Kampf um Kobane: Terror an der türkischen Grenze
Die türkische Regierung sagte den Kurden in Kobane zwar Unterstützung zu, einen schnellen Einsatz von Bodentruppen gegen den IS in der umkämpften syrischen Stadt stellte Ankara aber nicht in Aussicht. "Wir werden alles nur Mögliche unternehmen, um den Menschen in Kobane zu helfen", sagte Ministerpräsident Ahmed Davutoglu dem US-Sender CNN. "Bodentruppen zu schicken, ist aber natürlich eine andere Entscheidung." Wenn man in Kobane eingreife, müsse man in ganz Syrien intervenieren.

Der syrische Kurdenpolitiker Salih Muslim warf der internationalen Gemeinschaft Versagen vor. "Die Welt schweigt" angesichts des drohenden Massakers, kritisierte der Co-Präsident der syrischen Kurdenpartei PYD nach Angaben der kurdischen Agentur Firat. Die Luftangriffe der USA und ihrer Verbündeten auf IS-Extremisten in der Umgebung von Kobane reichten nicht aus. "Wenn es den USA ernst wäre, könnten sie sie innerhalb kurzer Zeit zurückschlagen." Muslim rief alle Kurden dazu auf, sich umgehend dem Kampf anzuschließen. "Wer immer handeln will, sollte das jetzt tun."

Ex-Verteidigungsminister der USA warnt vor dreißigjährigem Krieg

Kämpfer der extremistischen IS-Miliz belagern die Grenzstadt Kobane im Norden Syriens seit fast drei Wochen. In den vergangenen Tagen haben sie trotz der Luftangriffe der US-geführten Allianz eine Offensive gestartet. Die IS-Dschihadisten haben bereits mehr als 300 Dörfer im Umland von Kobane eingenommen, rund 160.000 Menschen flohen in die Türkei. Etwa 5000 Kurden stellen sich nach Angaben aus Kobane derzeit den IS-Extremisten entgegen.

Die im syrischen Bürgerkrieg stark gewordene IS-Terrormiliz beherrscht inzwischen weite Landstriche in Syrien und im Irak. Die Extremisten stehen an mehreren Orten in Syrien auch an der Grenze der Türkei. Trotz internationaler Luftangriffe gelang es ihnen in den vergangenen Wochen, in neue Gebiete vorzurücken.

Der frühere US-Verteidigungsminister Leon Panetta rechnet mit einem womöglich Jahrzehnte dauernden Kampf gegen die IS-Miliz. "Ich denke, wir stehen vor einer Art von dreißigjährigem Krieg", sagte Panetta der US-Zeitung "USA Today". Der Kampf könnte sich dabei auch auf Bedrohungen durch islamistische Gruppierungen in Ländern wie Libyen, Nigeria, Somalia und Jemen ausweiten.

Die US-Luftwaffe fliegt seit Anfang August Angriffe auf Stellungen der Dschihadisten.

anr/vet/dpa/Reuters/AP

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melea 06.10.2014
1. Wo
Wo bleiben die Türkischen Streitkräfte? Was für eine Rolle spielt die Türkei hier? Das Türkische Parlament hat militärische Einsätze gegen IS auf Syrischem und Irakischem Boden vor einigen Tagen umfassend genehmigt. Geschehen ist nichts. Nur Propaganda, Augenwischerei? Oder sollen die Kurden erstmal bluten?
zieloptiker 06.10.2014
2. Unübersichtlich
Es gibt also jetzt neben gemäßigten Rebellen, Terroristen, Terrormilizen auch noch Aktivisten, diesmal beobachtend und im Dienste der ominösen syrischen Beobachtungsstelle. Normalerweise sind Aktivisten doch glatzköpfig, haben einen Stahlhelm auf dem Kopf und schwenken europäische Fahnen, oder tragen ein Business-Kostüm und wedeln mit Regenschirmen. ... oder mit anderen Worten. Wäre es nicht besser gewesen, man hätte Assad und sein Volk einfach in Ruhe gelassen?
morrichrissmo 06.10.2014
3.
Die angeblichen Verbündeten im Krieg gegen den Terror verdienen diese Bezeichnung nicht. Sie sind entweder feige oder verlogen und auf jeden Fall verantwortungslos! Jetzt könnten sie das drohende Massaker abwenden. Aber sie tun es nicht. Und wenn es schon geschehen ist, werden sie unter ihren Steinen hervorkriechen und sich als humanitäre Helfer aufspielen. Das ist schier unerträglich!
fanfare1910 06.10.2014
4. So gewollt? Fragen, Fragen, Fragen
Sind die Luftschläge der USA und der anderen Staaten wirklich so wirkungslos? Es sieht fast so aus, aber... warum konnten im 1. Irakkrieg große Teile der irakischen Armee auf der Straße nach Basra aus der Luft zerstört werden, jetzt aber noch nicht einmal die IS-Terroristen, die zur Verstärkung aus anderen Regionen nach Kobane gefahren sind, aus der Luft angegriffen und aufgehalten werden? Geben nicht die IS-Terroristen auf diesem Hügel ein leichtes Ziel für jede Luftwaffe ab? Kann man da nichts machen oder... will man vielleicht ja noch nichts Entscheidendes tun? Sollen möglicherweise erst einmal die kurdischen Kämpfer (die ja teilweise immer noch vom Westen als Terroristen eingestuft werden) dank des IS geschwächt werden, bevor man sich dann wirklich einmal wirksam gegen den IS wenden wird? Zumindest dem Natomitglied Türkei käme dies doch nicht ganz ungelegen.
wurzelgnom789 06.10.2014
5. Respekt
davor, wie lange Kobane trotz allem gehalten wurde. Ich persönlich glaube auch (wie viele andere) dass mit den kurdischen Kämpfern kurzer Prozess von Seiten der IS gemacht wird. Es ist bedauerlich wie die Politik in den Industriestaaten von der Wirtschaft bestimmt wird und deswegen zig tausend Menschen wieder einmal ins Elend gestürzt werden. Eine schnelle und effektive Niederschlagung des IS Vormarsch's liegt eben nicht im Interesse der Weltwirtschafts Bosse. Inzwischen gibt es soviel Brennpunkte auf der Welt das einem Angst und bange werden kann und ein Ende ist nirgendwo absehbar.
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