Augenzeugenbericht aus Sirt IS errichtet Terrorherrschaft in Libyen

In der libyschen Hafenstadt Sirt hat die Terrormiliz "Islamischer Staat" ein drakonisches Regime errichtet. Augenzeugen berichten, wie brutal es dort zugeht.
IS-Kämpfer in Sirt

IS-Kämpfer in Sirt

Foto: Propagandafoto des IS aus Sirt

Am Anfang waren es weniger als hundert bärtige Kämpfer, die im November 2014 in der libyschen Küstenstadt Sirt auftauchten. Geschickt schmiedeten sie Allianzen mit lokalen Dschihadisten, und nach nur drei Monaten wagten sie den offenen Kampf: Im Februar 2015 übernahmen Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) die Kontrolle über große Teile der Stadt.

Seitdem sie im August vergangenen Jahres eine Revolte von IS-Gegnern blutig niederschlugen, beherrschen die Dschihadisten das gesamte Stadtgebiet. Sirt ist seither die größte Hochburg des IS außerhalb seines Kerngebiets im Irak und in Syrien.

Vor der Eroberung durch die Terrororganisation lebten rund 80.000 Menschen in Sirt, der Heimatstadt des 2011 gestürzten Langzeitdiktators Muammar al-Gaddafi. Mittlerweile sind rund zwei Drittel der Einwohner vor den radikalen Islamisten geflüchtet. Einige von ihnen haben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) die erschütternden Zustände in ihrer Heimatstadt geschildert .

Im August 2015 veröffentlichte der IS in Sirt eine "Stadtcharta" - ein 13-Punkte-Papier, in dem die Miliz ihre drakonischen Regeln erläuterte. Rauchen, Alkohol, öffentliche Versammlungen außerhalb der Gebetszeiten - alles verboten. Frauen müssen sich von Kopf bis Fuß in weite Gewänder hüllen. Parfum ist verboten. Sie sollen sich um den Haushalt kümmern und das Haus nur verlassen, "wenn es dringend notwendig ist". Ladenbesitzer dürfen keine Frauen bedienen, die ihr Geschäft ohne männlichen Begleiter betreten.

Verstöße gegen die Charta werden drakonisch verfolgt. Selbst ernannte Scharia-Richter verurteilen Bürger in Schnellverfahren, die Delinquenten werden öffentlich ausgepeitscht.

Auf dem Märtyrerplatz im Zentrum von Sirt führt der IS auch seine öffentlichen Hinrichtungen durch. Nach Zählung von HRW haben die Dschihadisten seit Februar 2015 dort mindestens 49 Gefangene getötet. Die meisten von ihnen wurden beschuldigt, Spione gewesen zu sein. Doch unter den Getöteten waren auch angebliche Magier und ein junger Mann, der in einem Streit Gott verflucht haben soll.

Einige Leichen seien laut Augenzeugen tagelang an einem Kreisverkehr aufgehängt worden, um die Menschen in Sirt abzuschrecken. Die meisten Opfer wurden vor der Ermordung in orangefarbene Overalls gesteckt, die an die Gefangenenkleidung in Guantanamo erinnern sollen.

Laut Augenzeugen zwingt der IS die Menschen in Sirt, die öffentlichen Tötungen anzusehen.

Die geflohenen Bewohner berichten von einem Zweiklassensystem in der Stadt: Die rund 1800-IS-Kämpfer in Sirt könnten nahezu alles bekommen, was das Herz begehrt, während die Einwohner oft nicht genug zu essen hätten. Die Krankenhäuser der Stadt seien faktisch außer Betrieb, nur noch einige Privatärzte hielten die medizinische Versorgung aufrecht.

Um die eigenen Kämpfer zu versorgen, habe der IS die Villen von wohlhabenden Einwohnern gestürmt und geplündert. Zahlreiche Familien seien auch gezwungen worden, ihre Töchter mit IS-Kämpfern zu verheiraten.

syd
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