Sprengsätze in Spielzeug Die Teddy-Bomben des IS

Der "Islamische Staat" zieht sich aus der Region Mossul zurück - und hinterlässt tödliche Sprengfallen. Beliebt als Zünder: Kinderspielzeug.

Alessandro Rota

Die Offensive gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) nahe der nordirakischen Stadt Mossul kommt voran. Nach und nach befreien die irakische Armee und verbündete Milizen Dörfer im Umland - und stoßen dabei auf selbstgebaute Bomben, die erschaudern lassen.

Die wenigsten IS-Kämpfer sind Soldaten, ihre "Armee" ist eine krude Mischung aus ausländischen und einheimischen Fanatikern. Wo sie herrschen, im syrischen Rakka, im irakischen Mossul und in umliegenden Ortschaften, nutzen sie Zivilisten als Schutzschild und töten grausam. Dass die Extremisten dabei keine Grenzen kennen, zeigen Videos von Enthauptungen, Verbrennungen und Ertränkungen. Der IS versteht sie als Werbung und als Abschreckung.

Einen neuen Einblick in die Dschihadistenwelt liefert jetzt eine Lehrausstellung, die kurdische Peschmerga in der nordirakischen Stadt Dohuk eingerichtet haben. Sie zeigt die Vielfalt des IS-Sprengfallenarsenals (siehe Fotostrecke). Die Ausstellung soll die vorrückenden Befreier für mögliche Gefahren in vermeintlich sicherem Gebiet sensibilisieren.

Zur Taktik der Islamisten gehört es, improvisierte, tödliche Ladung zu hinterlassen, ehe sich die Kämpfer zurückziehen. Das Ziel: Auch wenn der IS verschwunden ist, soll es noch möglichst viele Opfer geben. Die Fantasie der Bombenbastler ist fast grenzenlos: Ein Türgriff, ein Holzbrett, ein Stapel Kleidungsstücke - alles taugt als improvisierte Zündvorrichtung, beschreibt eine Reporterin des britischen "Observer". Wenn etwas bewegt, angehoben oder belastet wird, schließt sich ein Stromkreis, die Bombe zündet.

Ein besonders gemeines Mordwerkzeug des IS: Eine Ladung ist mit einem flauschigen Teddybären verknüpft. Eine weitere mit einem Spielzeugauto. Das Ziel ist - ähnlich wie bei knallbunten Anti-Personenminen -, ganz bewusst Kinder zu treffen, während gegnerische Soldaten achtlos an den tödlichen Spielzeugfallen vorübergehen.

Ähnliches fanden Einheiten der Bundeswehr in Afghanistan, in von Taliban präparierten Häusern. Auch in verlassenen Gebäuden nach den Balkankriegen der Neunzigerjahre waren bisweilen Lichtschalter, Schranktüren, Betten und sogar Klobrillen als Zündanlagen umfunktioniert.

Experten haben angesichts solcher Brutalität nur einen Rat: Nichts anfassen, was man nicht selbst hingelegt hat.

cht

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