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Irak: Dauerschlacht um Ramadi

Foto: MOHAMMED SAWAF/ AFP

IS-Eroberung von Ramadi Obamas Pakt mit den Kämpfern Irans

Der IS hat die Stadt Ramadi erobert - für Barack Obama ein Rückschlag. Doch seine Strategie im Irak will der US-Präsident nicht ändern. Er duldet sogar den Vormarsch von Milizen unter dem Einfluss Irans. Warum?

Manchmal hilft die beste Strategie nicht. Da macht die Wirklichkeit, was sie will. So ergeht es zurzeit Barack Obama: Die Eroberung der irakischen Großstadt Ramadi von den Terrormilizen des "Islamischen Staats" (IS) bedeutet einen Rückschlag für die Anti-Terror-Allianz des US-Präsidenten, der Fall Ramadi illustriert den tiefen Graben zwischen Theorie und Wirklichkeit:

  • Wieder einmal hat die irakische Armee aufgegeben. Die von den USA mit Milliardenhilfe aufgebaute Truppe ist geflohen und hat den IS-Milizen ihr Kriegsgerät überlassen.

  • Zwar laufen bereits die Vorbereitungen zur Rückeroberung Ramadis, jedoch nicht primär durch die irakische Armee, sondern durch von Iraks Premier Haidar al-Abadi herbeigerufene schiitische Milizen, die zum großen Teil unter dem Einfluss Irans stehen. Teheran erklärte sich bereits "zu jeder Hilfe" gegen den IS-Vormarsch bereit.

  • Ramadi liegt im sunnitischen Stammesgebiet, die Befreiung vom IS durch schiitische Kämpfer könnte für neuen Zündstoff sorgen. Schon in der Vergangenheit kam es an anderen Orten zu brutalen Übergriffen der Schiiten, etwa nach der Rückeroberung von Tikrit.

Obamas Strategie hingegen geht eigentlich so:

  • Wiederaufbau, Ausrüstung und Training der irakischen Armee. Rund 4000 US-Trainer und -Berater sind zu diesem Zweck im Land.

  • US-Luftschläge gegen den IS unterstützen Bagdads Soldaten am Boden.

Nun aber ist der US-Präsident ausgerechnet auf Irans Schiiten-Milizen angewiesen. Eine Zwickmühle, der Obama nicht entgehen kann - außer er würde eigene Bodentruppen schicken. Und das will er nicht.

Präsidentensprecher Josh Earnest müht sich, Strategie und Wirklichkeit doch noch überein zu bringen: "Rückschläge bedeuten nicht, dass man die Strategie verwirft." Insgesamt betrachtet sei man schließlich erfolgreich, habe etwa am Wochenende den IS-Anführer Abu Sayyaf ausgeschaltet.

Und was die schiitischen Milizen angehe? Auch Sunniten würden an ihrer Seite kämpfen und stünden unter der Kontrolle der Regierung in Bagdad. Das sei entscheidend für Amerikas Luftunterstützung, so Earnest.

Fraglich jedoch, ob die Kontrolle durch Premier al-Abadi mehr ist als nur eine nominelle Kontrolle. Im Kampf gegen den IS ist Washington offenbar bereit, Kompromisse mit Blick auf die schiitischen Milizen einzugehen. Milizen übrigens, von denen einige vor wenigen Jahren auf Irans Geheiß noch gegen die US-Soldaten im Irak kämpften.

Republikaner Graham: "Unser Heimatland schützen"

Republikaner Graham: "Unser Heimatland schützen"

Foto: STEPHANIE KEITH/ REUTERS

Daheim trifft Obama auf wachsende Opposition:

  • Sein ehemaliger (republikanischer) Verteidigungsminister Robert Gates sagt: "Wir haben überhaupt keine Strategie. Wir fahren auf Sicht."

  • Das konservative "Wall Street Journal" kommentiert das Durcheinander im Irak und in Syrien: "Der Nahe Osten zerlegt sich überraschend schnell - genau wie unsere Position dort."

  • Republikaner-Senator Lindsey Graham, der sich wohl um die Präsidentschaftskandidatur bewerben wird, nannte die US-Luftschläge "zu zögerlich" und forderte Obama auf, 10.000 US-Soldaten oder mehr in den Irak zu schicken.

  • Gemeinsam mit Kollege John McCain verurteilte Graham zudem die indirekte Zusammenarbeit mit den schiitischen Milizen: Deren Erfolg gegen den IS würde bei Weitem übertroffen vom "strategischen Schaden, den ihr gewalttätiges Sektierertum" unter Iraks Sunniten anrichte.

Was auffällt: In Amerikas erneuter Irak-Debatte stehen sich wieder jene gegenüber, die schon vor 13 Jahren über einen Waffengang im Zweistromland stritten.

Obamas Lehre aus dem verfehlten Krieg von Vorgänger George W. Bush ist seine zurückhaltendere Politik heute. Man solle generell erst zielen, bevor man schieße, sagte der Präsident kürzlich: So sei der Aufstieg des IS ein "direkter Auswuchs von al-Qaida im Irak, was wiederum ein Auswuchs unserer Invasion war".

Aber hat Obama womöglich zu lange gezielt? Hat er zu lange gezögert, etwa bei der Bewaffnung einstmals moderater syrischer Rebellen? Mag sein.

Graham, McCain und auch Präsidentschaftsanwärter Jeb Bush sehen das natürlich so. Und die IS-Schuldfrage ist für sie klar beantwortet: Obama war's. Aus ihrer Sicht hätte er die US-Truppen Ende 2011 nicht aus dem Irak abziehen dürfen. Erst das damals entstandene Vakuum habe die Dschihadisten groß gemacht.

Wie brisant das Thema Irak in Amerika noch immer oder wieder ist, zeigte exemplarisch in der vergangenen Woche: Ganze vier Tage brauchte er, um klarzustellen, dass die Invasion im Jahr 2003 ein Fehler gewesen sei. Im Rückblick wohlgemerkt.

Dass dieser Krieg aber von Anfang an falsch war - das wollen Bush und Co. bis heute nicht akzeptieren. Wohl auch damit ist die Härte der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die Strategie in Syrien und im Irak zu erklären.

IS-Video aus Ramadi: Terrormiliz zeigt Geisterstadt

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