Minensucher vor Mossul Ein Mann, ein Tag - 35 Todesfallen

Der Kampf um Mossul droht viele Opfer zu fordern, auch weil der IS großflächig Gelände vermint. Wie hoch die Verluste deswegen ausfallen, hängt von wenigen mutigen Männern ab, die ihr Leben bei der Minensuche riskieren. Unser Team hat einen von ihnen begleitet.
Minenräumer Abu Ahmed kurz vor Mossul

Minenräumer Abu Ahmed kurz vor Mossul

Foto: Ali Arkady/ VII

Er hasst sie. Sie wollen ihn umbringen, ihn und alle anderen, die da vorrücken. Und doch sagt der knapp 50-jährige Ingenieur, der um Gottes Willen jeden Tag dutzendfach sein Leben riskiert: "Ich muss die IS-Leute verstehen. Ich muss mich in ihre Hirne hineinversetzen."

Abu Ahmed, so nennen sie ihn in seiner Einheit, ist Minenräumer bei den schiitischen "Volksmobilisierungseinheiten", die derzeit von Süden in Richtung Mossul vorrücken. Wie schnell sie dies tun und unter welchen Verlusten, hängt nicht zuletzt von Männern wie ihm ab.

Der Ingenieur aus Bagdad sagt, er sei der Fatwa von Großayatollah Ali Sistani gefolgt, der 2014 nach dem blitzartigen Ansturm des IS alle Iraker zu Verteidigung des Landes aufrief.

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Sprengmeister Abu Ahmed: "Die verminen alles"

Foto: Ali Arkady/ VII

Seither ist der Verfahrenstechniker mit der ruhigen Hand dem IS in einer Mischung aus Hass und professioneller Wertschätzung verbunden. Bei jeder Offensive ist er dabei gewesen, in Beidschi im Sommer 2015, in Falludscha im Juni 2016 und jetzt vor Mossul. "Sie werden immer raffinierter", sagt er am Abend nach der zehnstündigen Schicht vergangenen Mittwoch im Camp der Miliz nahe dem Dorf Schora.

Wie jeden Tag von 7 bis 17 Uhr hat er mit seinem Assistenten die Straße Quadratzentimeter für Quadratzentimeter abgesucht: 35 Sprengfallen waren die Tagesbilanz. Auf zwei Kilometern.

"In Falludscha hatten sie dieses neue Design noch nicht, dass die Mine explodiert, ganz egal, welchen der sechs Drähte am Zünder man durchschneidet. Jetzt können wir die nur noch sprengen." Was er an diesem Mittwoch 35-mal getan hat: kleine Packung TNT danebenlegen, Zünder einstellen, 100 Meter wegrennen, abwarten.

Aber vorher muss er sie erst einmal finden. "Die verminen alles, es ist Wahnsinn." Er ist zuständig vor allem für verminte Straßen, aber in befreiten Orten sollte man tunlichst keine Tür öffnen, keinen Kühlschrank, keinen Wasserhahn und überdies keine Kaffeetasse anfassen.

Aus einem einzigen Dorf hat ein Kollege die Ladefläche eines Pick-ups fast vollständig nur mit Sprengsätzen, Zündvorrichtungen und Kabeln gefüllt: "lokale Produktion, aber sehr gut gemacht". Immer wieder verlieren kurdische Einheiten, syrische Rebellen, irakische Regierungstruppen oder die schiitischen Milizen mehr Männer nach der Befreiung eines Ortes als während des Kampfes: durch Minen.

Die Klassiker der Straßenminen seien einfach im Boden, im Asphalt versenkte Sprengsätze. Abu Ahmed nennt sie "Mastura". Aber dann gebe es auch eine raffinierte Form, die er "Tasbih" nennt, nach den Gebetsketten aus meist ovalen Perlen: lauter kleine, ovale Sprengstoffpäckchen, aufgereiht an einer Zündschnur: "Wenn ein Auto über die rüberfährt, reißen die Reifen die mit, und sie explodieren direkt am Fahrzeug." Und im knöcheltiefen Staub vieler Wege seien die nicht leicht auszumachen.

"Aber mittlerweile habe ich ja Erfahrung", sagt er: "Ich weiß, wie die ticken, wo sie die am liebsten vergraben", ob am Beginn einer Senke, nach der Kurve, "ich lese die Landschaft und überlege mir: Wo würde ich als Daeschi" (das arabische Kürzel für die IS-Männer) "eine Mine vergraben? Und da liegt dann meistens auch eine."

Im Video: SPIEGEL-Korrespondent Christoph Reuter über die Situation an der Front vor Mossul

DER SPIEGEL