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Offensive gegen den IS in Mossul Entscheidungsschlacht am Tigris

Die Offensive auf die IS-Hochburg Mossul läuft. Die Rückeroberung dürfte dauern. Befürchtet wird ein blutiger Häuserkampf mit Sprengfallen und Autobomben. Wichtige Terrorführer sind wohl bereits entkommen.

Zu nachtschlafender Zeit, weit nach Mitternacht, trat der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi vor die Kameras. Der Regierungschef selbst trug ein schwarzes Militärhemd, er wurde eingerahmt von neun ernst dreinschauenden Generälen. "Die Zeit des Siegs ist gekommen und die Operationen zur Befreiung von Mossul haben begonnen", verkündete al-Abadi in seiner Ansprache im Fernsehen. "Heute erkläre ich den Beginn dieser siegreichen Operation, um Euch von der Gewalt und dem Terror des IS zu befreien."

Mossul ist die letzte Hochburg der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im Irak. Bevor die Dschihadisten die zweitgrößte Stadt des Landes im Sommer 2014 binnen 48 Stunden einnahmen, hatten dort rund zwei Millionen Menschen gelebt. Hunderttausende flüchteten vor dem IS, heute wohnen noch zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Einwohner in Mossul und den Vororten.

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Offensive gegen den IS: Marsch auf Mossul

Foto: AFP PHOTO / IRAQI PRIME MINISTERS PRESS OFFICE

Knapp 30.000 Kämpfer sind an der Offensive beteiligt: Reguläre irakische Soldaten, kurdische Peschmerga, lokale sunnitisch-arabische Milizen und schiitische Milizen, die von Iran unterstützt und ausgebildet werden. (Lesen Sie hier mehr über die Konfliktparteien.) Aus der Luft unterstützt die von den USA angeführte Anti-IS-Koalition den Vormarsch mit Angriffen auf Verteidigungsstellungen der Dschihadisten. Mit ihrer Hilfe haben die Peschmerga in den ersten Stunden der Offensive mehrere Dörfer östlich von Mossul zurückerobert. In den nächsten Tagen wollen sie bis an die Stadtgrenzen vorrücken.

Die aktuelle Lage in Mossul

Die aktuelle Lage in Mossul

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Der IS täuscht Normalität vor

Erstes Ziel der Militäroperation wird es sein, die Stadt vollständig zu umzingeln. Dadurch soll verhindert werden, dass IS-Kämpfer aus Mossul in die anderen Hochburgen der Terrororganisation in Syrien flüchten. Anschließend soll dann der eigentliche Sturm auf die Stadt beginnen.

Der IS selbst gibt sich von der ausgerufenen Offensive bislang unbeeindruckt. Amaq, die sogenannte Nachrichtenagentur der Dschihadisten, meldete einen Luftangriff auf eine Tigris-Brücke, erweckt aber ansonsten den Eindruck, in der Stadt laufe alles wie gehabt.

Für den IS hat Mossul eine besondere Bedeutung. Es ist nicht nur die größte von ihm kontrollierte Stadt. In der größten Moschee Mossuls hatte IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi auch seinen einzigen öffentlichen Auftritt, als er im Juli 2014 das Kalifat ausgerufen hatte.

Die IS-Propaganda erweckt seit Jahren den Eindruck, sie wolle Mossul um jeden Preis verteidigen. Die Miliz verbreitete Bilder, die Kämpfer beim Häuserkampftraining zeigten. Außerdem verkündeten die Dschihadisten, sie wollten einen tiefen Verteidigungsgraben um die Stadt ziehen, den sie mit Öl füllen würden, das dann in Brand gesteckt werden würde.

Irakische Armee wirft Flugblätter ab

In Wahrheit deutet vieles auf einen taktischen Rückzug des IS aus Mossul hin. Ihre wichtigsten Kommandeure sollen sich bereits aus der Stadt zurückgezogen haben, heißt es aus dem Umfeld der Terrororganisation.

Trotzdem wird die vollständige Eroberung der Metropole Wochen, wenn nicht Monate dauern. Schon in den Städten Sindschar, Ramadi und Falludscha hatten die Dschihadisten Hunderte Sprengfallen hinterlassen, die den Vormarsch der irakischen Armee und ihrer Verbündeten erschwerten. Dort hatte der IS auch immer wieder Selbstmordattentäter eingesetzt, die in gepanzerten Fahrzeugen voller Sprengstoff auf Stellungen des Militärs zurasten und dort detonierten. So kann die Terrormiliz mit wenigen Kämpfern maximalen Schaden anrichten. Gleiches gilt für den Einsatz von Giftgas: In den vergangenen Jahren haben die Dschihadisten mehrfach Senfgas gegen kurdische Peschmerga eingesetzt - ähnliches droht auch in Mossul.

Vor allem aber dürfte der IS den Krieg verstärkt in andere Landesteile tragen. Ein erstes Beispiel dafür gab es bereits am Montagvormittag. Südlich von Bagdad sprengte sich ein Selbstmordattentäter an einem Kontrollpunkt der Polizei in die Luft.

Die irakische Luftwaffe warf kurz vor Beginn der Operation Zehntausende Flugblätter mit Anweisungen an die Zivilbevölkerung über Mossul ab. Darin hieß es unter anderem: "Stellt die Gasleitungen ab! Haltet Euch in unteren Stockwerken auf! Erzählt den Kindern, dass die lauten Einschläge nur Gewitterdonner sind!"

Uno fürchtet Flüchtlingsstrom

Vor allem aber wurden die Menschen in Mossul aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben und die Stadt nicht zu verlassen. Die Uno fürchtet, dass rund eine Million Menschen vor den Kämpfen aus Mossul und Umgebung fliehen könnten. Zwar versuchen Hilfsorganisationen eilig, weitere Flüchtlingslager im Nordirak zu errichten - allerdings sind sie kaum in der Lage, Hunderttausende aufzunehmen.

Auch für "die jungen Männer von Mossul" hatte die Regierung eine Botschaft auf den Flugblättern parat. "Erhebt Euch gegen den IS, wenn die Schlacht beginnt!" Genau das will die Terrormiliz unbedingt verhindern. Als Zeichen der Abschreckung veröffentlichte der IS erst am Wochenende ein Video, das die Erschießung von drei Männern zeigt. Sie sollen mit Graffiti in Mossul zur Revolte gegen die Dschihadisten aufgerufen haben.


Zusammengefasst: Mossul, die zweitgrößte Stadt im Irak, steht seit mehr als zwei Jahren unter der Kontrolle des "Islamischen Staats". Nun hat Premier al-Abadi den Beginn der Offensive zur Rückeroberung der Stadt ausgerufen. Die Operation könnte mehrere Monate dauern, weil sich der IS lange auf den Vormarsch vorbereiten konnte. Die Armee fordert die Einwohner auf, in Mossul zu bleiben, weil sie eine neue Flüchtlingswelle im Nordirak verhindern möchte.

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